Neue Studie: Ab wann macht Fernsehen dumm?

Verena Elson

Fernsehen schadet dem Gedächtnis – zumindest bei Menschen ab 50. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie britischer Forscher. Ab wie vielen Stunden Fernsehen täglich setzt dieser Effekt ein?

Durch stundenlanges Fernsehen lässt die Gedächtnisleistung im Alter schneller nach
Durch stundenlanges Fernsehen lässt die Gedächtnisleistung im Alter schneller nach Foto:  Jovanmandic/iStock

Zuviel Fernzusehen für Kinder ist schlecht, das wissen wir – beinahe monatlich erscheint eine neue Studie zu diesem Thema. Doch wie wirkt sich Fernsehen auf ältere Menschen aus? In Deutschland verbringen Menschen ab 50 mit Abstand die meiste Zeit vor dem Fernseher – 2017 sahen sie täglich im Schnitt 316 Minuten fern, während 30- bis 49-Jährige im Schnitt auf 197 Fernsehminuten pro Tag kamen.

Wissenschaftler des University College London widmeten sich in ihrer aktuellen Studie der Frage, was Fernsehen mit dem alternden Gehirn macht. Dazu werteten sie Daten von 3.662 Personen ab 50 Jahren aus, die im Rahmen der Langzeitstudie „English Longitudinal Study of Ageing (ELSA)“ erfasst wurden.

 

Fernsehen lässt Gedächtnisleitung schneller zurückgehen

In zwei Sitzungen (2008-2009 und 2014-2015) beantworteten die ELSA-Probanden Fragen zu ihrem Fernsehverhalten. Zusätzlich wurde ihr verbales Gedächtnis sowie ihre „semantische Flüssigkeit“ in zwei Tests überprüft: Im ersten mussten die Studienteilnehmer sich Wörterlisten einprägen, die später abgefragt wurden – im zweiten sollten sie so viele Wörter einer bestimmten Kategorie aufzählen, wie ihnen einfielen.

Das Ergebnis: Bei Probanden, die täglich dreieinhalb Stunden oder mehr fernsahen, ging die verbale Gedächtnisleistung in dem sechsjährigen Studienzeitraum um 8-10 Prozent zurück. Bei Probanden, die weniger Zeit vor dem Fernseher verbrachten, verschlechterte sich das verbale Gedächtnis nur um 4-5 Prozent – ein Rückgang, der den „normalen“ Alterungsprozessen geschuldet ist. Auf die Sprachfähigkeiten und Ausdrucksweise der Frauen und Männer hatte das Fernsehen keinen Einfluss.

 

Fernsehen schadet auch dem jungen Gehirn

Jüngere Probanden berücksichtigten die Londoner Forscher in ihrer Analyse nicht – doch eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Arbeit liefert Hinweise darauf, dass der gedächtnisschädigende Effekt des Fernsehens bereits im jungen Erwachsenenalter einsetzt. Laut der sogenannten CARDIA-Langzeitstudie (Coronary Artery Risk Development in Young Adults) haben 50-Jährige, die seit 20 Jahren vier oder mehr Stunden täglich vor dem Fernseher verbringen, deutlich weniger graue Substanz im Gehirn haben als Altersgenossen, die in ihrem Erwachsenenleben weniger ferngesehen haben. 

Genau wie die aktuelle Londoner Studie kann auch diese Untersuchung nicht belegen, dass der Schwund der grauen Masse tatsächlich vom Fernsehen kommt – theoretisch ist es auch möglich, dass Menschen mit weniger grauer Masse mehr fernsehen. Die Autoren der Studie halten das jedoch für unwahrscheinlich – sie vermuten, dass tatsächlich das Fernsehen zum „Schrumpfen“ des Gehirns beiträgt. Die konsumierten TV-Inhalte wurden in der Studie jedoch nicht weiter differenziert. 

Quellen:
Fancourt, D., Steptoe, A. (2019): Television viewing and cognitive decline in older age: findings from the English Longitudinal Study of Ageing, in: Scientific Reports.
DOI: 10.1038/s41598-019-39354-4

Hoang, T. D. et al. (2018): LONG-TERM TV WATCHING IS ASSOCIATED WITH GRAY MATTER VOLUME IN MID-LIFE, in: Alzheimer's & Dementia: The Journal of the Alzheimer's Association.
DOI: 10.1016/j.jalz.2018.06.2666

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