Neue Hoffnung bei Leukämie

Verena Elson Medizinredakteurin
Layla mit ihrer Familie
Dass Layla noch lebt und mit ihrer Familie spielen kann, verdankt sie einer neuartigen Leukämie-Therapie © BBC

Dass die kleine Layla aus London noch lebt, hat sie dem Kämpfergeist ihrer Eltern zu verdanken – und ihren Ärzten, die ein hohes Risiko eingingen: Sie verabreichten ihr ein Mittel, das zuvor nicht an Menschen getestet wurde. Ihr Fall könnte künftig vielen Betroffenen helfen.

Mit drei Monaten erkrankte die kleine Layla Richards aus London an Leukämie. Die Diagnose veränderte das Leben der Familie schlagartig: „Als sie drei Monate alt war, gingen wir mit ihr zum Arzt und sagten ihm, dass sie einfach nicht sie selbst war. Ihr Herzschlag war ein bisschen schnell, sie hatte eine hohe Stimme, nahm keine Milch mehr zu sich. Wir brachten sie in ein Krankenhaus in der Nähe und nach einer halben Stunde sagte man uns, sie hätte Leukämie“, erzählt Laylas Mutter Lisa gegenüber BBC.

Layla litt an der sogenannten akuten lymphatischen Leukämie, von der besonders häufig Kinder betroffen sind. Die Ärzte starteten sofort mit der Therapie – doch weder Chemotherapie noch Knochenmarktransplantation schlugen an. „An dem Tag, als wir die Transplantationsstation nach sieben Wochen verließen, sagte man uns, dass sie einen Rückfall gehabt hätte und es nicht gut für sie aussähe“, berichtet Lisa weiter. Nach dem frühen Rückfall sahen Laylas Ärzte keine Chance mehr – sie rieten ihren Eltern, nach Hause zu fahren und die restliche Zeit mit ihrer Tochter zu genießen.

Doch die Eltern der Kleinen akzeptierten diesen Vorschlag nicht. „Ich glaube nicht daran, aufzugeben“, sagt Laylas Vater Ashleigh. „Also machten wir immer weiter Druck.“ Das rettete Laylas Leben. Denn ihre Ärzte machten eine Ausnahme und gingen ein hohes Risiko ein: Sie verabreichten dem Mädchen ein Medikament, das noch nie zuvor an Menschen getestet worden war.

 

Wie funktioniert die neue Therapie?

Welche Formen von Leukämie gibt es?

Es gibt akute und chronische Formen von Leukämie. Während die Akute lymphatische Leukämie (ALL) hauptsächlich Kinder betrifft, kommt die Akute myeloische Leukämie (AML) vor allem bei Erwachsenen vor. Auch der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle (FDP) leidet an einer akuten Form der Leukämie.

Die Chronisch myeloische Leukämie (CML) wird durch eine bestimmte genetische Mutation begünstigt. Im Verlauf der Erkrankung kann die chronische in eine akute Form übergehen. Die Chronisch lymphatische Leukämie (CLL) entwickelt sich vor allem bei älteren Menschen. Dabei entarten bestimmte Zellen des Immunsystems und sind nicht mehr funktionsfähig. Die Folge ist eine gesteigerte Anfälligkeit für Infekte.

Bei dem Wirkstoff handelte es sich um speziell veränderte Immunzellen eines Spenders, die gezielt Leukämiezellen ansteuern und zerstören. Durch eine minimale Änderung der Zell-DNA verhinderten die französischen Entwickler des Medikaments, dass die transplantierten Immunzellen die Zellen des Patienten als Eindringlinge ansehen und attackieren. Das Mittel wurde Layla injiziert und anschließend bekam sie eine zweite Knochenmarktransplantation. Die Therapie schlug an: Heute ist Laylas Körper frei von Leukämie.

Mit den ersten Testläufen der neuen Zelltherapie an weiteren Probanden ist frühestens nächstes Jahr zu rechnen. Medikamente mit einer ähnlichen Wirkweise befinden sich dagegen bereits in einem fortgeschritten Stadium der Zulassung. Der Unterschied bei diesen Mitteln: Sie werden für den einzelnen Patienten individuell hergestellt. Dazu werden ihm Immunzellen entnommen, die dann in ein Labor eingeschickt und verändert werden, bevor sie dem Patienten wieder injiziert werden. Bei Layla konnten diese bereits an Menschen erprobten Mittel nicht angewendet werden, weil sie nicht genügend Immunzellen hatte. Auch global gesehen hat das neue Verfahren Vorteile gegenüber diesen Wirkstoffen: Es ist mit einem deutlich geringeren Kosten- und Logistikaufwand verbunden.

Dennoch werden bis zu einer möglichen Zulassung der neuen Zelltherapie noch Jahre vergehen. Denn so vielversprechend der Fall der kleinen Layla ist – bisher ist es ein Einzelfall. Und da ihre Therapie erst einige Monate her ist, kann auch noch nicht von einer endgültigen Heilung gesprochen werden. Vor der Zulassung muss das Mittel an zahlreichen weiteren Patienten getestet werden.

Doch das Leben von Laylas Familie hat die Therapie bereits verändert: „Und so ist sie heute, sie steht da, lacht und kichert“, erzählt Ashleigh der  BBC. „Sie war so schwach vor der Behandlung, es war schrecklich. Ich bin einfach dankbar für diese Gelegenheit.“

Hamburg, 6. November 2015

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