Neue Corona-Lockerungen: Virologen Drosten und Kekulé warnen

Mona Eichler

Während die Bundesregierung weitere Lockerungen in der Corona-Pandemie vorbereitet, weisen führende Virologen auf Sicherheitslücken hin. Vor allem die Schulöffnungen bergen ein hohes Infektionsrisiko. 

Inhalt
  1. Kommt eine zweite Infektionswelle durch die Corona-Lockerungen?
  2. Kekulé: Keine Lockerungen ohne neue Schutzkonzepte
  3. Reproduktionszahl R: "Wenig hilfreich"
  4. Virologen sind sich einig: Verhalten der Bevölkerung ist entscheidend

Nachdem seit Montag (4. Mai) Friseure wieder Kunden empfangen dürfen, die ersten Spielplätze von Kindern zurückerobert werden und in Abschlussklassen Unterricht durchgeführt wird, werden die Rufe nach weiteren Lockerungen lauter. Am heutigen Mittwoch berät sich Bundeskanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder. Im Fokus dabei: Schulen, Kitas und die Gastronomie.

 

Kommt eine zweite Infektionswelle durch die Corona-Lockerungen?

Unter den Virologen ist Christian Drosten der stärkste Kritiker der Corona-Maßnahmen. Er hält eine zweite Welle der Corona-Infektionen für wahrscheinlich und sagte schon Ende April in einer Folge des NDR-Podcasts "Coronavirus-Update" eine düstere Zukunftsprognose voraus: "Ich würde mich nicht wundern, wenn wir im Mai und Juni in eine Situation kommen, die wir nicht mehr kontrollieren würden."

Diese Situation ist zum Glück nicht eingetroffen. Trotzdem warnt Drosten weiter. Die aktuellen Pläne der Bundesregierung, die Schulen und Kitas in Deutschland schrittweise zu öffnen, hält der Virologe für gefährlich. In der aktuellen Folge seines Podcasts besprach er ein Fallbeispiel aus Frankreich. Dort sei an einer Schule ein Corona-Ausbruch weitestgehend unbemerkt geblieben, was zur Folge hatte, dass sich innerhalb von fünf Wochen 38,3 Prozent der Schüler, 43,4 Prozent der Lehrer und sogar 60 Prozent der sonstigen Mitarbeiter mit dem potentiell tödlichen Virus infiziert haben. 
"Das sind Zahlen, wenn das in Schulen passiert, dann darf man Schulen nicht öffnen", betonte der Experte on air.  

Drosten erklärte allerdings auch, dass der Fall aus Frankreich nicht 1:1 auf Deutschland gemünzt werden könne. "Eine Sache, die man dazu sagen muss: Es ist so eine Art Gymnasium. Es ist keine Schule für kleine Kinder. Der Schwerpunkt der Altersgruppen liegt zwischen 15 und 18 Jahren ungefähr. Es haben sich von den 1262 Schülern nur 326 gemeldet, um an der Studie teilzunehmen. Nur 37 Prozent waren in der Studie drin."

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Kekulé: Keine Lockerungen ohne neue Schutzkonzepte

Der Epidemiologe Alexander Kekulé sieht die geplanten Lockerungen der Bundesregierung ebenfalls kritisch. In einem Gastbeitrag für die "Zeit" betonte der Experte:
"Wenn die Kontaktbeschränkungen jetzt gelockert werden, ohne zuvor ein anderes Schutzkonzept einzurichten, wird es zu einem Anstieg der Neuinfektionen und Todesfälle kommen. Insbesondere die Öffnung von Kindertagesstätten und Grundschulen ist zwangsläufig mit einer Zunahme der epidemischen Aktivität verbunden. […] Kinder in diesem Alter durch Mundschutz und Hygieneerziehung vor Infektionen zu schützen, ist illusorisch und hätte das Potenzial, eine ganze Generation psychisch zu traumatisieren. Dass die Lockerungen für Gastronomie, Verkaufsräume, Schulen und weitere Bereiche in allen Bundesländern mehr oder weniger gleichzeitig erfolgen sollen, ist aus epidemiologischer Sicht ein zusätzliches Wagnis."

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Reproduktionszahl R: "Wenig hilfreich"

Ein Wert, der während der Corona-Pandemie im Interesse aller liegt, ist die Reproduktionszahl R. Sie sagt aus, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Für alle Epidemien gilt: Die Zahl muss unter 1 bleiben, da es ansonsten zu einer exponentiellen Verbreitung der Infektionen kommt.

Kekulé hält die Reproduktionszahl, die laut Robert Koch-Institut in Deutschland aktuell bei 0,7 liegt, inzwischen allerdings für überwertet. "Während die Reproduktionszahl R zu Beginn des Lockdowns ein wichtiger Indikator für den Erfolg der Maßnahmen war (nach Angaben des RKI lag sie um den 10. März bei 3,3), ist sie in der nun bevorstehenden Phase mit Werten im Bereich von 1 wenig hilfreich", schreibt er in der "Zeit". 

Wichtiger sei Kekulé zufolge momentan, sich streng an Smart Distancing zu halten. S.M.A.R.T steht für: Schutz der Risikogruppen, Masken, Aufklärung des Infektionsgeschehens, Reaktionsschnelle Nachverfolgung und Tests.

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Virologen sind sich einig: Verhalten der Bevölkerung ist entscheidend

Wie sich die Infektionszahlen nach weiteren Corona-Lockerungen entwickeln werden, hängt ganz entscheidend vom Verhalten der Menschen ab. Würden die Kontakt- und Abstandsregeln sowie die Hygienehinweise nicht befolgt werden, käme es zu einem erneuten Lockdown. Melanie Brinkmann, Virologin vom Helmholtz-Institut für Infektionsforschung in Braunschweig, erklärte dazu bereits Ende April: 
"Die Folgen für das Gesundheitssystem und die Wirtschaft wären dann noch viel schlimmer als jetzt, weil wieder nur drastische Maßnahmen im ganzen Land als Lösung bleiben würden."
Wie gefährlich die neuen Corona-Lockerungen tatsächlich sind, wird sich wie zuvor erst in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

Quellen:

Lockerungen: Alte Menschen nicht zu schützen, ist ethisch unvertretbar, in: zeit.de

Das Corona-Update mit Christian Drosten, in: NDR

Kekulés Corona-Kompass, in: MDR

„Regierung hat mit Lockerungen ein falsches Signal gesendet“, In: SPIEGEL online

„Wie eine zweite Welle verhindert werden kann“, in: ZDFheute

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