Neue Angst-Therapie an der Schaltstelle des Überlebens

Angst Therapie
Forscher entdeckten nun jene Gehirnregion, die für menschliches Angstverhalten zuständig ist. Die Erkenntnis verspricht bessere Möglichkeiten für Angst-Therapien bei Menschen mit emotionalen Störungen © Fotolia

Britische Forscher fanden nun jene Gehirnregion, die für die menschliche Angst-Reaktion in einer Gefahrensituation verantwortlich ist. Die Studie zeigt auch, wie wichtig bestimmte Verhaltensmuster für das Überleben der Menschheit waren. Nun sollen auf Grundlage dieser Ergebnisse die Therapiemöglichkeiten von Menschen mit emotionalen Angststörungen revolutioniert werden. Praxisvita fasst für Sie die Studie zusammen und erklärt Ihnen, welche Angsttypen es gibt.

Wissenschaftler der University of Bristol fanden nun heraus, welche Gehirnregion für das angstgesteuerte Reaktionsverhalten des Menschen verantwortlich ist. Die kürzlich in The Journal of Physiology veröffentliche Studie unterstrich dabei die grundsätzliche Bedeutung eines bestimmten Angstverhaltens für das Überleben der Spezies Mensch. Nach Aussagen der Forscher sollen die Erkenntnisse in Zukunft neue Wege bei der Behandlung von emotionalen Störungen wie Angstzuständen, Phobien oder Panikattacken aufzeigen.

 

Flucht oder Angriff

Auch der moderne Mensch verhält sich in seinem reflex- und instinktgesteuerten Verhalten in vielerlei Hinsicht noch wie seine primitiven Vorfahren. Zu schnell zivilisierte sich der Mensch und zu langsam war im Verhältnis die evolutionäre Anpassung des menschlichen Körpers an seine moderne Lebensweise. Trifft ein Mensch auf eine Gefahr, reagiert er deswegen heute nicht viel anders als seine urzeitlichen Vorgänger. Angst ist dabei ein ziemlich kluger Schachzug der Evolution, denn sie kann rückblickend vielleicht als größter Lebensretter der Menschheit bezeichnet werden. Die britischen Forscher erklärten, dass sich Angst als Körperreaktion genauso äußert wie vor tausenden Jahren – Bluthochdruck, weit aufgerissene Augen und geöffneter Mund, gebleckte Zähne oder – viel banaler – in der grundsätzlichen Entscheidung: Flucht oder Angriff.

Die Optionen von Flucht und Angriff sind demgemäß die Grundpfeiler einer menschlichen Antwort auf Angst und Gefahr. Viele Forscher gehen davon aus, dass bis heute jede menschliche Verhaltensweise mehr oder weniger auf Angst reduziert werden kann. Jede Angst ist in diesem Sinne existentiell.

 

Der Mensch ist Produkt seiner Angst

Angst ist in evolutionärer Hinsicht nicht das Gegenteil von Mut, sondern vielmehr Grundlage für mutiges Handeln. Das Gefühl von Angst gilt als äußerst rudimentäre Veranlagung des Menschen und erklärt sich mit dem evolutionären Bedürfnis der Selbst- und Arterhaltung. Sowohl defensive als auch offensive Verhaltensmuster sind Ausdruck der Angst, das Leben oder die Gesundheit zu verlieren. Angriff ist also genauso ein Produkt von Angst wie Flucht.

Die Studie stellt fest: Die Regionen, die im Gehirn das Gefühl der Angst aktivieren, sind gut erforscht. Welche neuronalen Bereiche und Vorgänge dabei aber für die Auslösung einer bestimmten Handlung oder Verhaltensweise eines ängstlichen Menschen verantwortlich sind, wurde nun erstmals untersucht.

 

Angst hat viele Gesichter

Die britischen Forscher stellten die Frage, was im Gehirn darüber entscheidet, ob ein Mensch flieht oder angreift. Diese Frage ist zentral bei der Suche nach neuen Therapie-Möglichkeiten für Menschen mit Angststörungen.

Soziale Angst
Dank der neuen Erkenntnisse der britischen Forscher könnten soziale Ängste in Zukunft nicht nur genau im Gehirn lokalisiert, sondern auch zielgerichtet behandelt werden

Dabei geht es aus therapeutischer Sicht weniger um rationale Reaktionsmuster auf eindeutige Gefahrenpotentiale. Die Flucht vor einem hungrigen Säbelzahntiger ist offensichtlich rational, weil sie für die Erhaltung der Spezies und die eigene Gesundheit sinnvoll ist. Irrationale Ängste und Phobien – wie zum Beispiel die Todesangst vor kleinen, ungiftigen Spinnen oder abstrakte soziale Ängste – sind dagegen die häufigsten psychischen Erkrankungen unserer Zeit und erfordern verbesserte Therapiemöglickeiten.

 

Der Weg zu einer neuen Angst-Therapie

Die Forscher der University of Bristol entdeckten nun im Kleinhirn die Schaltstelle für alle „Überlebens-Netzwerke des Menschen.“ Dieser Bereich im Gehirn, in dem alle Informationen über vermeintliche Gefahren und mögliche Reaktionen zusammenlaufen, nennt sich Pyramis. Doch die Wissenschaftler konnten nicht nur die neuronale Schaltstelle der Angst, sondern auch konkrete Nervenbahnen identifizieren, die Gefahreneindrücke verarbeiten und schließlich Reaktionen – rationale und irrationale – starten.

Mit dieser Entdeckung der neuronalen Grundlagen für menschliche Angstreaktionen sei man einer verbesserten Therapie von angstbedingten, emotionalen Störungen einen wichtigen Schritt näher gekommen, berichten die Forscher. Vor allem Menschen, die an Phobien und irrationalen Angstzuständen leiden, soll damit vielleicht schon in naher Zukunft wirksam geholfen werden können.

 

Die fünf Gesichter der Angst

Keine Angst ist wie die andere. Panik, Angststörungen, Phobien – Wissenschaftler unterscheiden zwischen fünf verschiedenen Angst-Typen:

  1. Spezifizierte Phobien: Das Gefühl starker Angst wird ausgelöst durch Situationen oder Objekte wie Spinnen oder Mäuse, Flugreisen oder Dunkelheit. Sie entstehen oft schon sehr früh und können unbehandelt jahrzehntelang bestehen bleiben.
  2. Agoraphobie: Als Agoraphobie bezeichnen Mediziner die Angst, sich auf großen, freien Plätzen aufzuhalten, aber auch generell die Furcht vor Öffentlichkeit und vor anderen Menschen. Im Extremfall trauen sich Betroffene nicht mehr aus dem Haus.
  3. Panikstörungen: Sie treten meist völlig unerwartet auf. Binnen Sekunden reagiert der Organismus mit Todesängsten. Eine Attacke endet oft nach wenigen Minuten. Betroffenen bleibt die Angst vor weiteren Panikanfällen in der Öffentlichkeit.
  4. Generalisierte Angststörung: Sie bezieht sich nicht auf konkrete Ereignisse, sondern bezeichnet einen Zustand dauernder Überbesorgtheit. Körperliche Reaktionen: Herzrasen, Schwitzen, Schwindel und Muskelverspannungen.
  5. Soziale Phobie: Sie wird häufig als „extreme Schüchternheit" verkannt, äußert sich unter anderem durch Erröten und Schweißausbrüche. Betroffene fürchten sich vor der kritischen Beurteilung durch andere Menschen. Beginn: Pubertät.
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