Nervöser Magen - wenn Stress uns krank macht

Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Der Privatdozent Dr. med. Winfried Häuser leitet den Schwerpunkt Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken. Er hat täglich mit Patienten zu tun, die unter chronischen Beschwerden im Magen-Darm-Trakt leiden – obwohl keine organische Störung vorliegt. Eingebildete Schmerzen? Keineswegs. Der Spezialist erklärt, das oft ein nervöser Magen die Ursache ist.

 

Schätzungen zufolge leiden etwa zwei Drittel der Bevölkerung an wiederkehrenden gelegentlichen Bauchbeschwerden, stimmt das?

Na ja – „leiden“ ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Denn es macht einen großen Unterschied, wie damit umgegangen wird: Man kann ja Beschwerden haben und trotzdem nicht darunter leiden – in solchen Fällen sprechen wir von Nicht-Patienten. Sie denken dann: Morgen wird es schon besser sein.

 

Und – funktioniert das?

Meistens schon. Nicht-Patienten gehen erst besorgt zum Arzt, wenn die Beschwerden einige Tage anhalten oder sich verstärken.

 

Und die wirklichen Patienten?

Das sind diejenigen, die sich sofort Sorgen machen. Jemand, der große Angst vor einer Krebserkrankung hat, leidet zum Beispiel sehr stark unter Beschwerden. Oft werden die Symptome auch unangemessen interpretiert. Oder die Patienten versuchen, sie an bestimmten Nahrungsmitteln festzumachen, und schränken ihre Ernährung immer mehr ein. Das ist medizinisch betrachtet oft gar nicht nötig und kann sogar zu Mangelerscheinungen führen.

 

Es geht also um die Wahrnehmung?

Ja. Es gibt Menschen, die denken schon bei zweimal dünnerem Stuhlgang, sie hätten Durchfall. Durch diese Einschätzung fühlen sie sich dann auch tatsächlich krank – dabei stimmt das medizinisch gesehen gar nicht.

Dr. Winfried Häuser
Experte Dr. Häuser: „Das Schlimmste, was ein Mediziner sagen kann, ist: ,Sie haben nichts.’ Denn das stimmt ja nicht – die Beschwerden sind echt und keineswegs eingebildet.“© privat
 

Könnte man hier von einer Art sich selbst erfüllenden Prophezeiung sprechen?

Ja, im Prinzip schon. Die Psyche spielt eine entscheidende Rolle für den gesamten Magen-Darm-Komplex. Der Grund dafür ist, dass es einen äußerst intensiven Austausch über Nervenverbindungen zwischen dem Großhirn und dem Verdauungstrakt gibt.

 

Daher gibt es auch so etwas wie einen nervösen Magen?

Genau. Stress, Angst, Unruhe – all das hat großen Einfluss auf den Magen-Darm-Bereich. Angst verstärkt die Bewegung im Dünndarm – an der Redensart „sich vor Angst in die Hose machen“ ist also aus medizinischer Sicht etwas dran. Und wer Angst vor einer Erkrankung hat, prägt eine negative Erwartungshaltung aus. Das verstärkt die Symptome – etwa 20 Prozent der Patienten mit einem nervösen Magen sind davon betroffen: Ihre Lebensqualität ist stark herabgesetzt.

 

Und wie kann man den Patienten helfen?

Die erste Anlaufstelle ist der Hausarzt. Er sollte eine detaillierte Anamnese durchführen, also ganz genau nachfragen, in welchen Zusammenhängen die Beschwerden auftreten. Auch eine körperliche Untersuchung gehört dazu und eine Labordiagnostik mit Blut-, Urin- und Stuhluntersuchung. Nur so können organische Erkrankungen ausgeschlossen werden.

 

Und wenn keine Ursache gefunden wird?

Dann folgen in der Regel weitere Arztbesuche und Untersuchungen. Es wird versucht, eine organische Störung zu finden – und irgendwann findet man auch etwas. Denn ab einem bestimmten Alter gibt es kaum noch absolut unauffällige Befunde – solche, bei denen alle Werte absolut unauffällig sind. Dadurch entstehen dann oft Verlegenheitsdiagnosen wie Gastritis (Magenschleimhautentzündung).

 

Inwiefern Verlegenheitsdiagnosen?

Meist sind die Mediziner froh, überhaupt etwas gefunden zu haben. Man muss aber als Arzt auch so ehrlich sein, sich zu fragen, ob die Befunde auch die Beschwerden der Patienten erklären. Oft ist das nämlich gar nicht der Fall.

 

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Nehmen Sie Nahrungsmittelunverträglichkeiten: Inzwischen behaupten 50 Prozent der Bevölkerung, etwas nicht zu vertragen, zum Beispiel Fruktose (Fruchtzucker) oder Laktose (Milchzucker). Echte Nahrungsmittelallergien, bei denen die Auslöser (z. B. Erdnüsse) unbedingt vermieden werden sollten, sind aber selten (1 - 2 Prozent der Bevölkerung). Bei den sogenannten Intoleranzen ist es so, dass die meisten Betroffenen viel mehr essen können, als sie glauben. Fälle, in denen jemand gar keinen Fruchtzucker verdauen kann, sind äußerst selten. Und: Ab einer bestimmten Menge Fruktose – zum Beispiel einer großen Portion Kirschen – entwickeln die meisten von uns Bauchgrummeln und dünne Stühle. Aber da sind wir wieder bei der sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Der Nicht-Patient macht sich weiter keinen Kopf darüber. Wer aber eine Intoleranz diagnostiziert bekommen hat, macht sich völlig verrückt. Dadurch hat er Beschwerden von Fruktose-Mengen, die er eigentlich problemlos verdauen könnte.

nervöser Magen
Um einen nervösen Magen zu behandeln, sollte ein spezieller Therapieplan aufgestellt werden© Fotolia
 

Also macht eine Nahrungsmittelunverträglichkeit nicht zwangsläufig Probleme?

Genau. Nach der Diagnose sollten die Patienten einige Zeit ein Tagebuch führen, in dem sie ihre Ernährung und ihre Beschwerden dokumentieren. Dann ist zu überprüfen, ob die Unverträglichkeit wirklich Probleme bereitet. Falls ja, werden in einer 14-tägigen Testphase die entsprechenden Nahrungsmittel weggelassen. Bessern sich die Beschwerden, ist die Ursache klar, bessern sie sich nicht, sind keine weiteren Essenseinschränkungen notwendig.

 

Und wenn weder Intoleranz noch eine organische Störung die Ursache ist?

Dann handelt es sich um den sogenannten Reizmagen (funktionelle Dyspepsie). Diese Diagnose sollte eigentlich eine Entlastung darstellen – denn die Patienten haben keine schwere Erkrankung. Das Schlimmste, was ein Mediziner jetzt sagen kann, ist: „Sie haben nichts.“ Denn das stimmt ja nicht – die Beschwerden sind echt und keineswegs eingebildet. Das kann man auch nachweisen. So zeigt ein Test mit einem Luftballon, der im Magen aufgeblasen wird, dass Reizmagen-Patienten ihn bereits bei einer Größe spüren, die von Gesunden nicht wahrgenommen wird – Betroffene sind also viel schmerzempfindlicher.

 

Und wie kann man sie behandeln?

Die Ärzte müssen gemeinsam mit den Patienten die Ursachen für den nervösen Magen herausarbeiten: Welche Rolle spielt die Ernährung? Gibt es Stress, Angst oder Depressionen? Und dann gilt es einen Therapieplan aufzustellen. Je nach dem Schweregrad der Beschwerden kann eine medikamentöse Behandlung dazugehören oder eine psychotherapeutische. Es geht darum, dem Patienten einen Weg aufzuzeigen, wie er sich selbst helfen und seine Lebensqualität Schritt für Schritt verbessern kann.

 

Hilfe zur Selbsthilfe also?

Genau. Ich biete gezielte Kurse für Betroffene an. Dort geht es einerseits um Aufklärung über die biologischen Ursachen und andererseits um Entspannungsmethoden wie autogenes Training und Bauchhypnosen.

 

Was kann ich mir darunter vorstellen?

Das Wort Hypnose ruft bei vielen Patienten Ängste hervor. Deshalb nenne ich das Verfahren auch geleitete Fantasiereise. Dabei stellen sich die Betroffenen gezielt Bilder vor, zum Beispiel davon, wie der Magen-Darm-Trakt normal arbeitet. Die Wirksamkeit dieses Verfahrens ist in mehreren Studien nachgewiesen worden.

Im Interview

Dr. med. Winfried Häuser, Facharzt für Innere Medizin, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie; Spezielle Schmerztherapie und Sportmedizin. Ärztlicher Leiter des Schwerpunktes Psychosomatik der Klinik Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken.

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