Natron trinken: Gesundes Hausmittel oder gesundheitsschädlicher Hype?

Mona Eichler

Natron trinken wird oft als probates Hausmittel gehandelt. Morgens einen Teelöffel von dem Pulver und schon sollen entzündliche Prozesse im Körper unterbunden werden. Aber kann jeder Mensch Natron bedenkenlos zu sich nehmen und sich so selbst von Sodbrennen, Arthritis & Co. heilen? Nein.

Glas Wasser mit einem Teelöffel Natron
Natron kann dabei helfen, die Magensäure zu hemmen Foto:  istock/geo-grafika
Inhalt
  1. Was ist Natron?
  2. Ist Natron gesund? Dagegen hilft es
  3. Diese Nebenwirkungen hat Natron
  4. Wichtig: Natron muss richtig getimt werden
  5. Natron-Kur: So funktioniert Natron trinken
  6. Natron-Zitrone-Kur
 

Was ist Natron?

Natron, genauer gesagt Natriumhydrogencarbonat (NaHCO3), ist ein Natriumsalz der Kohlensäure. Die meisten von uns nennen es Backpulver – wobei es nicht das Gleiche ist: Natron ist lediglich ein Hauptbestandteil von Backpulver, dem in der Verarbeitung allerdings ein Säuerungsmittel (meist Zitronensäure) hinzugefügt wird. Natron wird längst nicht mehr nur zum Backen benutzt. Es kommt beim Putzen und in Beauty-Produkten zum Einsatz oder ergibt ein antibakterielles Mundwasser. Gekauft werden kann Speisenatron in Pulver- und Tablettenform in Drogeriemärkten, Reformhäusern und Apotheken.

Mit Blick auf die gesundheitsfördernde Wirkung von Speisenatron machen sich die Menschen dessen basische Eigenschaft zunutze: Natron ist ein preiswertes und rezeptfreies Antazidum, das die Magensäure neutralisiert. In Wasser gelöst, trennt sich Natrium vom Hydrogencarbonat, das als Base dann den im Körper vorhandenen Säuren entgegenwirkt. 

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Ist Natron gesund? Dagegen hilft es

Natron ist nicht nur Teil des andauernden Gesundheitshypes. Seine Wirkung wird auch immer wieder wissenschaftlich untersucht.

Natron neutralisiert die Magensäure

Als erwiesen gilt die neutralisierende Wirkung Natrons auf die Magensäure. Die im Natron enthaltenen alkalischen Stoffe reduzieren die Säure in Magen und Speiseröhre, was beispielsweise Sodbrennen lindern kann. Hier liegt auch der größte Unterschied zwischen Speisenatron und klassischem Backpulver: Da Backpulver zum Teil aus einem Säuerungsmittel besteht, hat es keine neutralisierende Wirkung auf die Magensäure.

Tatort Milz: Natron schafft ein entzündungshemmendes Milieu

In einer neueren Studie stellten Wissenschaftler der Augusta University in Georgia/USA fest, dass Natron die Milz dazu anregt, ein entzündungshemmendes Milieu zu schaffen. Damit könnte es zielgerichtet gegen chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Arthritis eingesetzt werden. In der Milz befinden sich sogenannte Mesothelzellen. Diese Zellen übernehmen mehrere Aufgaben im Körper. Eine davon ist es, mithilfe winziger Sensoren die Umgebung abzutasten und bei einer Bedrohung sofort eine Immunreaktion auszulösen. Durch das Natron trinken wird den Mesothelzellen die Botschaft übermittelt, eine Immunreaktion sei nicht nötig. Entzündungsprozesse werden dadurch gehemmt.

Natron stäkt Immunzellen in Milz, Blut und Nieren

Ebenfalls in der Milz, allerdings auch in Blut und Nieren befinden sich die Makrophagen. Das sind jene Immunzellen, die als erstes auf körperfremde Eindringlinge reagieren. Sie sind aber auch dazu da, Blut und Organe von toten Zellen zu reinigen.

Makrophagen werden in zwei Arten unterteilt: Die M1-Makrophagen fördern Entzündungen, die M2-Makrophagen hemmen Entzündungen. Sobald die Magensäure auf das zu sich genommene Natron reagiert, wird die Milz über den Vagusnerv (der größte Nerv im Körper) darüber informiert. In der Folge wird die Produktion der entzündungshemmenden M2-Makrophagen angeregt, während die M1-Makrophagen reduziert werden.

Streitfall Reflux

Häufig findet man den Tipp zum Natron trinken in Verbindung mit Sodbrennen und Reflux. Logisch erscheint es, immer neutralisiert Natron die Magensäure, die bei Reflux vom Magen aus zurück in die Speiseröhre fließt und für schmerzhafte Symptome, unter anderem Sodbrennen, sorgt.

Als Hausmittel gilt Natron als erste Hilfe gegen Sodbrennen. Doch obwohl das in den meisten Fällen zutrifft, muss erwähnt werden: Natron trinken behandelt nicht die Ursachen eines Reflux', sondern lediglich dessen Symptom. Wer an einem diagnostizierten Reflux leidet, sollte Natron nicht ohne ärztlichen Rat anwenden, egal in welcher Form.

 

Diese Nebenwirkungen hat Natron

So gesundheitsfördernd es sein kann, seinen Säure-Base-Haushalt durch Natron trinken ins Gleichgewicht zu bringen, so achtsam muss man mit einer Natron-Behandlung sein. Denn Natron hat Nebenwirkungen.

  1. Der Rebound-Effekt
    Der Körper reagiert auf alles, was in seine Funktionsweise eingreift – also auch auf die Einnahme von Natron. Hier kann es zu einem gefährlichen Umkehrschluss kommen: Wird die Magensäure über einen längeren Zeitraum durch Natron trinken neutralisiert, reagiert der Körper mit einer gegensteuernden Überproduktion von Magensäure. Dieser Rebound-Effekt führt dann zu einer starken Übersäuerung.
  2. Kohlendioxid
    Durch Natron wird im Körper vermehrt Kohlendioxid (CO2) gebildet. Die Nebenwirkungen davon machen sich durch Bauchschmerzen, Völlegefühl, Blähungen und vermehrtes Aufstoßen bemerkbar.  
  3. Risikofaktor Natrium
    Natron ist reich an Natrium, das vor allem den Blutdruck aus der Bahn werfen kann. Kommt es zu einem Überschuss an Natrium im Blut, einer sogenannten Hypernatriämie, treten schnell auch Wasserverschiebungen aus den Zellen in die Blutbahn (Hypervolämie) auf. In der Folge kommt es zu Bluthochdruck.
  4. Zu viel Base ist gesundheitsschädigend
    Während es gesund sein kann, überschüssige Magensäure zu neutralisieren, wirken diese basischen Prozesse nicht überall im Körper positiv. Wird Natron zu lange oder in zu hohen Dosen konsumiert, kann es zu Basen-Ansammlungen, sogenannten metabolischen Alkalosen, kommen, die im Ernstfall zu Muskelschwäche, Verstopfung, Blasenentleerungsstörungen oder Herzrhythmusstörungen führen können. 
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Wer auf jeden Fall verzichten sollte

Grundsätzlich gilt: Menschen mit Bluthochdruck, einem Herzleiden, Nierenfunktionsstörungen oder einem diagnostizierten Reflux sollten nicht einfach so Natron trinken. Am besten verwendet man Natron – selbst wenn es nur als Hausmittel gilt – unter medizinischer Aufsicht und greift nicht einfach im Drogeriemarkt oder auch in der Apotheke zu.

Schwangere und Kinder sollten Natron grundsätzlich nicht trinken.

 

Wichtig: Natron muss richtig getimt werden

Wer Natron trinken möchte und vorab mit seinem Arzt darüber gesprochen hat, muss darauf achten, das Hausmittel richtig anzuwenden. Vor allem aufs Timing kommt es dabei an. Natron sollte stets außerhalb der Mahlzeiten zu sich genommen werden.

Da die Magensäure für eine gesunde Verdauung zuständig ist, sollte sie unter keinen Umständen vor oder nach dem Essen neutralisiert werden. Natron trinkt man also am besten eine Stunde vor und ab zwei Stunden nach einer Mahlzeit, so werden die wichtigen Verdauungsprozesse nicht gestört.

 

Natron-Kur: So funktioniert Natron trinken

Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu, wie und in welchen Dosen Natron trinken einen gesundheitsfördernden Effekt hat. Die gängigste Empfehlung lautet, über den Tag verteilt ein bis dreimal ½ - 1 TL in Wasser gelöstes Natron zu trinken. Nach etwa zwei Wochen ist die Behandlung auszusetzen, damit es nicht zu einem Basen-Überschuss im Körper kommt.

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Natron-Zitrone-Kur

Hierbei wird ½ - 1 TL Natron in 250 ml lauwarmen Wasser gelöst und morgens nach dem Aufstehen (mind. eine Stunde vor dem Frühstück) getrunken. Zehn Minuten nach dem Natronwasser werden dann einige Tropfen Zitronensaft in Wasser geträufelt und ebenfalls getrunken.
Die Kur sollte nicht länger als 30 Tage angewendet werden, danach muss eine mehrwöchige Pause erfolgen.

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