Nach Netflix-Serie: Bei Google steigt die Suchanfrage nach Suizid

Redaktion PraxisVITA
Suizid durch Zeitungsberichte
Studien aus den USA belegen einen Zusammenhang zwischen Medienberichten über Suizid und daran anschließenden Nachahmungstaten © Fotolia

Suizid ist derzeit ein großes Thema in den Medien und der Forschung. PraxisVITA fasst die wichtigsten Ergebnisse von wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Selbsttötung zusammen.

Laut einer aktuellen Studie aus den USA stiegen die Suchanfragen bei Google zum Thema Suizid drei Wochen nach Ausstrahlung der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ um 19 Prozent. Laut den Forschern entspricht das rund 900.000 bis 1,5 Millionen mehr Suchanfragen, als zu erwarten wären. Einige Suchanfragen befassten sich direkt mit Methoden, um Suizid begehen zu können, während sich andere User für Präventionsmöglichkeiten interessierten.

Das gewachsene Interesse am Thema Suizid bei Google-Suchanfragen könnte mit zwei weiteren Fällen zusammenhängen. Vor kurzem berichteten Medien, dass Chester Bennington, Sänger der Band Linkin Park, Suizid begangen hatte. Darüber hinaus machte ein gefährlicher Trend unter deutschen Jugendlichen Schlagzeilen. Über Kettenbriefe bei WhatsApp erhalten sie die Aufforderung, Suizid zu begehen. 

Suizid in den Medien befeuert Nachahmer
Nach Ausstrahlung der Selbstmord-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ stiegen die Google-Suchanfragen zum Thema Suizid. Ein sensibler Umgang mit dem Thema kann Nachahmer von einem Suizid abhalten © iStock
 

Suizid in den Medien: Berichterstattung ermuntert Nachahmer

Psychologen warnen seit langem davor, dass eine Thematisierung von Suizid in den Medien Nachahmer befeuert. Deswegen berichteten zahlreiche Medien entsprechend zurückhaltend als vor kurzem bekannt wurde, dass der Sänger der US-Rockband, Chester Bennington, Suizid begangen hatte. Bei der Berichterstattung wurde auf Detail-Informationen weitestgehend verzichtet. Stattdessen informierten viele Nachrichtenkanäle über Präventions-Möglichkeiten, etwa mit dem Verweis auf die Telefonseelsorge.

 

Suizid unter Jugendlichen wegen eines WhatsApp-Spiels?

Wie riskant ein unreflektierter Umgang mit dem Thema Suizid insbesondere für Jugendliche sein kann, zeigt ein gefährlicher Trend, der sich in Teilen Deutschlands ausweitet. Jugendliche bekommen vom Messaging-Dienst WhatsApp Kettenbriefe auf ihre Smartphones geschickt. In 50 Tagen sollen sie 50 Aufgaben lösen. Das Spiel heißt „Blue Whale“ und beinhaltet harmlose Aufgaben, wie das hören bestimmter Songs, aber auch Aufforderungen zur Selbstverstümmelung. Die letzte Aufgabe, die die Jugendlichen auf ihre Smartphones geschickt bekommen, ist die Forderung, Suizid zu begehen. Laut Wissenschaftlern werden depressive Jugendliche durch das Spiel zum Suizid ermuntert. Allerdings fehle es noch an Beweisen, dass das WhatsApp-Spiel direkt für Suizide von Jugendlichen in Deutschland verantwortlich sei.

 

Frühere Studien weisen auf Zusammenhang zwischen Suiziden und Berichterstattung hin

Die aktuelle Studie aus den USA, die einen Zusammenhang zwischen der Netflix-Serie und der gesteigerten Suchanfrage zum Thema Suizid bei Google sieht, bestätigt eine Reihe vorhergegangener Forschungsarbeiten. Eine ältere Studie  – veröffentlicht in dem Fachjournal The Lancet Psychiatry – bewies erstmals in einer breit angelegten Untersuchung den konkreten Bezug zwischen Suizidberichten in Zeitungen und weiteren, darauffolgenden Suiziden.

Tote Mädchen lügen nicht
Hauptfigur Hannah aus der Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“© Netflix

Die Untersuchungen zeigten, dass vor allem Jugendliche bei der Verwirklichung eines Suizidgedankens von Medienberichten beeinflusst werden. Für die Studie hatten die Forscher mithilfe eines speziellen Computerverfahrens die Sterberegister von 48 US-Staaten nach Suiziden durchsucht. Die so ermittelten Fälle wurden in regionalbezogene Such-Cluster sortiert und mit der örtlichen Berichterstattung von 469 Zeitungen abgeglichen. Auf diese Weise konnte ermittelt werden, in welchem Verhältnis auffällig hohe Suizidraten in bestimmten Regionen mit der jeweiligen Berichterstattung der Zeitungen stand.

„Tote Mädchen lügen nicht“

Die erste Staffel der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ wurde am 31. März 2017 auf Netflix veröffentlicht. Sie basiert auf dem gleichnamigen Buch von Jay Asher.

Worum geht es in der Serie?

Der schüchterne Clay (Dylan Minnette) erhält eines Tages per Post einen Stapel Kassetten, die seine Mitschülerin Hannah (Katherine Langford) kurz vor ihrem Selbstmord aufgenommen hat. Darauf: 13 Botschaften für 13 Menschen, die Hannah dazu getrieben haben, sich das Leben zu nehmen, denn von ihnen wurde sie gemobbt und misshandelt.

Das besondere an der Serie: Die Handlung verläuft zweigleisig. In der Vergangenheit wird Hannahs Geschichte und die Situationen, die sie beeinflusst haben, beleuchtet. Die Gegenwart beschäftigt sich mit Clay, der die anderen Personen, die auf den Kassetten genannt werden, mit den Botschaften konfrontiert. Da Hannah in ihren hinterlassenen Nachrichten auch von Straftaten berichtet, versuchen sie die Veröffentlichung der Kassetten zu verhindern.

 

Die mediale Spur nach einem Suizid

In Regionen, in denen Zeitungen mehr und ausführlicher über Suizide berichtet hatten, stieg die Suizidrate unter Jugendlichen in den ersten sechs Monaten nach der Berichterstattung – im Gegensatz zu Regionen, in denen nicht oder nur knapp über Suizid berichtet worden war – deutlich an.

Die Forscher schreiben außerdem, dass es in den untersuchten Gebieten immer dann eine signifikante Steigerung von Suizid gegeben habe, wenn in den Zeitungsberichten direkt das Wort "Suizid" gedruckt worden war oder in den Artikeln die präzisen Umstände, Hintergründe oder Methoden der jeweiligen Suizide thematisiert wurden. Das zeige – so die Forscher –, dass je plastischer und nachvollziehbarer der Kontext eines Suizides in einem Medienbericht umrissen wird, desto eher sei ein Leser dazu bereit, den dargestellten Suizid nachzuahmen.

Ein weiterer Faktor, der in der Studie mit einer gesteigerten Suizidbereitschaft von Jugendlichen in Verbindung gebracht werden konnte, war die das jeweilige mediale Prestige und Identifikationspotential der Einzelfälle für die Jugendlichen. Wurde beispielweise über den Suizid eines Prominenten oder eines Gleichaltrigen berichtet, stieg die Anzahl von Nachahmungstaten in den ersten sechs Monaten deutlich an. Ebenso zeigte sich, dass Zeitungsberichte, die romantisch, "reißerisch" oder verherrlichend über einen Suizid oder dessen Kontext geschrieben hatten, stimulierend auf die Anzahl der anschließenden Suizide gewirkt hatten.

 

Berichterstattung nach einem Suizid: Keine sensationsheischende Aufmerksamkeit suggerieren

Nach Ansicht der Forscher sei in diesem Zusammenhang jede Art von Berichterstattung, die aus sensationsheischenden und auflagensteigernden Gründen eine Dimension postmortaler Aufmerksamkeit für den potentiellen Selbsttöter verspricht, nicht nur verwerflich, sondern für viele Jugendliche tatsächlich auch tödlich. Ein weiterer gefährlicher Nebeneffekt einer vertiefenden Berichterstattung über Suizide sei zudem den Suizid wahrnehmungstechnisch zu normalisieren.

 

Forschungen über Suizid: Es bleiben Fragen

Die Forscher zeigten sich selbst überrascht von den Ergebnissen ihrer Studie. Die Erkenntnis der Verbindung medialer Berichterstattung und der Nachahmung von Suiziden war so nicht erwartet worden. Die Gründe, weshalb die mediale Präsenz von Suizid weitere Suizide befördert, liegen nach Aussagen der Studienleiterin völlig im Dunkeln. Die Ergebnisse unterstreichen den dringenden Bedarf weiterer Untersuchungen auf diesem Gebiet und einen vorsichtigen und sensiblen Umgang der Medien mit dem Thema Suizid. Weitere Studien in diese Richtung könnten leicht noch mehr überraschende Erkenntnisse mit sich bringen, denn - so unterstrichen die Forscher - es wurden für die Studie nur Zeitungsberichte berücksichtigt. Die heute viel präsenteren Medien, wie Fernsehen, Internet oder soziale Medien, seien nicht berücksichtigt worden.

                                                                                                  

Sie leiden unter Depressionen? Hier bekommen Sie Hilfe!

In der Regel berichten wir nicht über Suizid-Fälle, um keinen Anreiz zur Nachahmung zu geben – es sei denn, der jeweilige Fall erfährt besondere Aufmerksamkeit.

Sie fühlen sich depressiv und / oder haben Suizid-Gedanken? Bitte kontaktieren Sie die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 stehen Ihnen rund um die Uhr Berater zur Verfügung, die Ihnen Auswege aus Ihrer schwierigen Lage zeigen können.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.