Nach Mutprobe im Koma

Für Verwandte ist ein Koma eines Angehörigen immer eine dramatische Situation
Für Verwandte ist ein Koma eines Angehörigen immer eine dramatische Situation. Viele Patienten wachen nach einem Koma mit Folgeschäden auf und müssen zum Beispiel wieder neu das Lesen lernen © Corbis

Eine Mutprobe riss Marcus (20) aus seinem Leben. Er fiel nach einem Unfall ins Koma. Praxivita zeigt an einem Beispiel, wie wichtig es ist, nicht die Hoffnung auf eine Genesung aufzugeben.

Wenn man Silvia H. und ihren Sohn Marcus, 20, zusammen erlebt, merkt man: Da ist etwas Besonderes zwischen den beiden. Sie strahlen sich an. Immer wieder legt die Mutter den Arm um ihren Sohn, als wolle sie sich vergewissern, dass er wirklich neben ihr sitzt.

Denn zwei Jahre zuvor hätte sie ihn beinahe für immer verloren. Wenn sich die 45-jährige Hamburgerin an den 16. Juni 2008 erinnert, werden ihre Augen traurig. „Es war spät, als das Telefon klingelte. Eine Mitschülerin von Marcus war am Apparat. Sie sagte mit zitternder Stimme: Marcus ist vom Dach gefallen. Wir haben einen Krankenwagen gerufen."

Tausend Fragen schießen ihr auf dem Weg ins Krankenhaus durch den Kopf: Wie schwer ist mein Kind verletzt? Von welchem Dach ist er nur gestürzt? Am Morgen ist Marcus wie immer losgeradelt, ins Gymnasium, in dem er gerade die 12. Klasse wiederholt.

 

Bei einem Koma kann es zu Erinnerungslücken kommen

Sein alter Jahrgang feiert an dem Tag das bestandene Abi, da wollte Marcus dabei sein. „Alle meine Erinnerungen an diesen Tag sind ausgelöscht", erzählt Marcus. Was genau passiert ist, erfährt er erst viel später, von seinen Mitschülern: "Wir hatten ein paar Bier getrunken, waren ziemlich angeheitert. Mit einem Freund lief ich in den ersten Stock unseres Gymnasiums. Er sprang aus drei Metern Höhe aus dem Fenster auf das Vordach der Schule, ich wollte hinterher." Doch Marcus springt zu weit. Er landet auf der Kante des Vordachs, rutscht ab und stürzt in die Tiefe. Dort schlägt er mit dem Kopf auf und bleibt bewusstlos auf dem Boden liegen.

Als Silvia und Bernd H. das Krankenhaus erreichen, erfahren sie, wie schlimm es um ihr Kind steht. „Er lag reglos auf einer Trage, als würde er schlafen", erinnert sich Silvia. Ob Marcus jemals wieder aufwachen wird, bleibt fraglich: „Er hatte schwerste Kopfverletzungen. In seinem Gehirn hatten die Ärzte Blutgerinnsel festgestellt. Ob er aus dem Koma erwachen würde und ob mit Spätfolgen zu rechnen ist, wusste niemand."

Marcus liegt auf der Intensivstation. Mutter und Vater halten abwechselnd Wache. Qualvolle Tage und Nächte hoffen sie auf ein Wunder. Die Eltern spielen ihm seine Lieblingsmusik vor, lassen Fußballspiele im Fernsehen laufen, halten seine Hand. Doch Marcus ist ganz weit weg.

„Die Ärzte machten uns wenig Hoffnung. Deshalb überlegten wir, wie unser Leben mit einem behinderten Kind weitergehen soll."

Dann, der achte Tag. „Tschüs, ich gehe jetzt. Ich liebe dich", verabschiedet sich Elke wie jeden Tag von ihrem Sohn. Da bewegt Marcus seine Lippen. „Ich dich auch", flüstert er fast unhörbar. Und sofort versinkt er wieder tief ins Koma. Noch sieben weitere Tage der Ungewissheit folgen. Dann endlich wacht Marcus ein zweites Mal auf – und bleibt wach. Langsam kehrt er ins Leben zurück.

„Ich kann mich erst wieder an einzelne Szenen aus der Reha erinnern", sagt Marcus. Insgesamt fünf Monate bleibt er dort. „Schreiben, lesen, rechnen musste ich erst wieder lernen."

Und tatsächlich, Marcus schafft den Weg zurück. Sogar besser, als seine Eltern gehofft hatten. Er geht wieder zur Schule, holt den verpassten Stoff nach. Sein unbändiger Wille wird belohnt: „Ein Jahr nach meinem Unfall bestand ich das Abi. Ohne meine Familie hätte ich das nie gepackt." Auch eine Lehrstelle hat der junge Hamburger inzwischen. „Ich habe gerade einen Ausbildungsvertrag zum Kaufmann im Gesundheitswesen unterschrieben", erzählt er stolz. Auch Fußball zu spielen, sein Hobby, versucht er langsam wieder.

Seine Mutter sagt erleichtert: „Im Rückblick kommt es mir wie bei der Geburt eines Kindes vor: Danach sind alle Schmerzen vergessen. Was bleibt, ist ein überwältigendes Glücksgefühl!"

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