Nach Germanwings-Absturz mehr Vorurteile gegen Depressive

Eine Frau blickt nachdenklich und traurig
Menschen mit Depressionen haben nicht den Wunsch, anderen Menschen etwas anzutun © Fotolia

Im März 2015 ließ der Co-Pilot einer Germanwings-Maschine das Flugzeug mit 149 Menschen an Board absichtlich abstürzen – der Mann war depressiv. Ein tragischer Einzelfall – dennoch hat er die Vorurteile vieler gegen Depressive verschärft, zeigen aktuelle Studien.

Der Co-Pilot des Germanwings-Fluges 4U9525, Andreas Lubitz, ließ die Maschine am 24. März 2015 vorsätzlich abstürzen und riss so 149 Menschen mit in den Tod. Diese Tatsache war ein großer Schock für die Bevölkerung. Dann folgte die Frage: Hätte das verhindert werden können?

Andreas Lubitz litt an Depressionen. Schnell wurden darum Forderungen nach strengeren psychologischen Tests und einem Flugverbot für depressive Piloten laut. Doch schon während der Diskussion um sinnvolle Maßnahmen zur Verhinderung zukünftiger Unglücke warnten Experten vor einer Stigmatisierung von Depressiven. Denn der Name Andreas Lubitz wurde, unterstützt durch einige Mendienberichte, bald mit dem Bild eines gefährlichen Kranken verbunden, der stellverstretend für Millionen Menschen mit Depressionen steht.

 

Germanwings-Absturz verschärft Vorurteile

Zwei aktuelle Studien deutscher Forscher zeigen nun, dass das Germanwings-Unglück tatsächlich die Meinung vieler Deutscher über Betroffene verändert hat. Ein Forscherteam des Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg befragte im April 2015 600 Menschen zu ihrer Einstellung gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Anschließend verglichen die Wissenschaftler die Ergebnisse mit denen einer 2014 durchgeführten Umfrage.

Dabei wurden die Befragten gebeten, ihre Meinung zu einem bestimmten Patienten mit Depressionen zu sagen, dessen Fall ihnen geschildert wurde. Die Forscher stellten fest: 2015 empfanden die Befragten die betroffene Person als bedrohlicher und gefährlicher als 2014 und hatten weniger Verständnis für ihre Situation.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Wissenschaftler der Uniklinik Greifswald, die im Mai 2015 rund 800 Menschen zu ihrer Einstellung gegenüber Patienten mit psychischen Erkrankungen befragten und die Ergebnisse mit denen einer Befragung von 2014 verglichen.

Doch es gibt auch positive Nachrichten: Immerhin betonen die Forscher, dass die Veränderung in der Einstellung der Bevölkerung milder ausfiel als erwartet.

 

Depressive Menschen sind nicht gefährlich

Doch wie kommt es zur Stigmatisierung einer ganzen Gruppe von Menschen aufgrund eines Einzelfalls? Die Medienberichterstattung in den Monaten nach dem Absturz half sicherlich mit, Ängste in der Bevölkerung zu schüren, indem sie das Bild psychisch Erkrankter als Gefahr für die Gesellschaft unterstützte und Betroffene so in die Nähe von Straftätern rückte.

Doch Experten warnen vor solchen Stigmatisierungen. Rund sechs Prozent der Bevölkerung leidet an Depressionen, das Risiko, irgendwann im Laufe des Lebens daran zu erkranken, liegt bei zwölf Prozent. Typische Symptome einer Depression sind Antriebslosigkeit, Angstgefühle, Schlafstörungen und ein vermindertes Selbstwertgefühl. Der Wunsch, anderen Menschen etwas anzutun, gehört dagegen nicht zu den Symptomen einer Depression. Kommt es in seltenen Fällen zu Tötungsgedanken, richten die sich gegen den Betroffenen selbst, nicht gegen andere. Äußert selten töten Betroffene einzelne ihnen sehr nahestehende Menschen und anschließend sich selbst – sie tun dies aus der Annahme heraus, ihre Familienmitglieder litten genauso wie sie. Im Fall von Andreas Lubitz war das anders. Experten gehen darum davon aus, dass bei ihm andere Faktoren wie eine Persönlichkeitsstörung eine Rolle spielten.

Depressionen sind gut behandelbar – wie die Therapie abläuft, erfahren Sie hier.

Hamburg, 29. Oktober 2015

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