,,Nach dem Brandunfall habe ich ein neues Gesicht"

Frau mit neuem Gesicht nach Verbrennungen
Hauttransplantationen und Schönheits-OPs verhalfen Mareike nach ihren Verbrennungen zu einem neuen Gesicht. Ihr Familienglück weiß sie heute mehr denn je zu schätzen © Fotolia

Eine Gasexplosion riss die junge Frau aus ihrem bisherigen Leben. Sechs Jahre und 75 Operationen später geht sie gestärkt aus der Katastrophe heraus. Lesen Sie die bewegende Patientengeschichte.

,,Heute schaue ich wieder gern in den Spiegel", sagt Mareike R. und zieht ihre Lippen nach. Ein Satz, der für die junge Frau vor einiger Zeit noch unvorstellbar war. Denn ein Unfall hatte sie völlig entstellt.

Es war der 3. Mai 2001, gegen sechs Uhr morgens. Mareike war allein zu Hause. Ihre beiden Töchter waren beim Vater, von dem Mareike getrennt lebt. ,,Wie immer wollte ich Teewasser aufsetzen. Ich zündete ein Streichholz an und drehte den Gashahn auf." Was Mareike nicht wusste: Der Regler am Herd war kaputt. Es strömte viel zu viel Gas aus. ,,Plötzlich sah ich eine Stichflamme, die zu einem riesigen Feuerball wurde. Dann schleuderte mich eine Druckwelle quer durch den Raum."

 

„Du musst hier raus, sonst wirst du bei dem Brand sterben“

Mareikes Körper brannte lichterloh. Unter Schock dachte sie: ,,Du musst hier raus! Raus! Sonst stirbst du!" Sie torkelte aus der Wohnung, klingelte bei ihrer Nachbarin. "Für sie muss der Anblick ein Schock gewesen sein. Aber sie reagierte geistesgegenwärtig." Sarah S. warf eine Jacke über Mareike, setzte sie in die Wanne und ließ kaltes Wasser über ihren Körper laufen. Dann verlor Mareike das Bewusstsein und fiel ins Koma.

Einen Monat später wachte Mareike wieder auf. Ihre beiden Töchter saßen an ihrem Bett und hielten ihre Hand.

 

„Schauen Sie besser noch nicht in den Spiegel“

,,Ich hab mich sofort an alles erinnert und war nur froh, dass meinen Kindern nichts passiert war." Der Schock kam erst, als ihr die Ärzte sagten: ,,Sie haben Verbrennungen dritten und vierten Grades. 80 Prozent Ihrer Haut sind zerstört." Alle Körperhaare, Lippen, Augenlider – eigentlich alle Konturen, die einen menschlichen Körper ausmachen – waren weg. Verbrannt, miteinander verschmolzen. ,,Und schauen Sie besser noch nicht in den Spiegel, sondern konzentrieren Sie sich auf Ihre Heilung."

Das versuchte Mareike. Aber es war gar nicht so leicht, alle Spiegel zu meiden. ,,Wenn ich ins Badezimmer ging, legte ich mir feuchte Lappen auf die Augen, um mich nicht doch anzuschauen." Auch ihren entstellten Körper versuchte Mareike nicht anzusehen, obgleich er nicht einbandagiert war. Denn ihr wurde immer und immer wieder Haut transplantiert.

 

„Nur mit Morphium konnte ich die Brandwunden ertragen“

Zu dieser Zeit waren die Schmerzen das Schlimmste. Immer wieder platzten die Blasen auf. ,,Nur mit Morphium konnte ich es ertragen." Nach drei Monaten waren die offenen Wunden zugewachsen. Das Schmerzmittel wurde abgesetzt. Langsam lernte die ehemalige Managerin einer großen Firma, sich wieder zu bewegen. ,,Essen, kleine Gesten, laufen, alles musste ich neu lernen." Mareike kämpfte sich zurück ins Leben – vor allem für ihre beiden Töchter.

Doch nach vier Monaten geschah es: Im Vorbeigehen sah sie ihr Gesicht aus Versehen in einer Fensterscheibe. Und war zutiefst schockiert.

 

„Das, was ich sah, war ein Monster“

,,Das, was ich sah, war ein Monster – überall vernarbt und komplett ohne Haare." Mareike schrie vor Entsetzen. Und brach zusammen. Einen Monat brauchten die Psychologen, um Mareikes Lebensmut wiederaufzubauen. ,,Ich wollte so nicht leben, als Monster. Ich war am Ende." Doch die Ärzte versprachen ihr, dass Schönheitsoperationen ihr Aussehen erheblich verbessern würden. ,,Ich lernte, wieder positiv zu denken. Auch die Fürsorge meiner Mädchen gab mir Kraft."

Innerhalb von fünf Jahren wurde Monique 75-mal operiert. Dafür klonten Spezialisten im amerikanischen Boston ihre Haut, die Mareike Stück für Stück transplantiert wurde. ,,Ich ließ mir Perücken anfertigen. Von einer Kosmetikerin lernte ich, die Narben im Gesicht zu überschminken." Nach jeder OP verbesserte sich ihr Äußeres.

Dennoch schämte sich Mareike anfangs, auf die Straße zu gehen. "Aber ich gewöhnte mich daran. Zudem wurde meine Schminktechnik so perfekt, dass ich fast normal aussah – ich hatte ein neues Gesicht."

Trotzdem wunderte Mareike sich zunächst, dass Koch Marcel mit ihr flirtete. Aus Angst, verletzt zu werden, blockte sie ab. Doch Marcel ließ nicht locker. ,,Ich liebe dich, wie du bist", sagte er. ,,Ich sehe deine Narben gar nicht." Und Mareike lernte, wieder zu vertrauen. Mittlerweile sind die beiden glückliche Eltern. ,,Unser Sohn ist ein Symbol, dass man mit festem Willen viel schaffen kann." Diesen Optimismus vermittelt Mareike jetzt anderen Brandverletzten in ihrer Stiftung ,,Bela Vivi". "Hier werden Betroffene medizinisch und psychologisch betreut, fit gemacht für das Leben nach dem Unfall. Ich möchte, dass sie wie ich gestärkt aus der Katastrophe herausgehen."

*Name von der Redaktion geändert

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