Muss mein Kind wirklich immer alles aufessen?

Dr. med. Nadine Hess

Viele Eltern kennen es: Besonders das Gemüse lassen Kinder auf dem Teller gern liegen. Doch ergibt es Sinn, das Kind zum Aufessen zu drängen? Die Autoren einer neuen US-Studie bezweifeln das. Kinderärztin Dr. Nadine Hess erklärt, wie Eltern ihrem Kind helfen können, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln.

Kinderärztin Dr. Nadine Hess
Kinderärztin Dr. Nadine Hess: „Kinder sollten nicht dazu gedrängt werden, aufzuessen. Vermeiden Sie außerdem Belohnungen für leere Teller – das fördert nur ungesundes Essverhalten.“ © Privat
 

Das sagt Kinderärztin Dr. Nadine Hess

„Wenn du deinen Teller nicht leer isst, gibt es morgen schlechtes Wetter!“ Dieser und ähnliche Sätze fallen in Deutschlands Kindergärten häufig beim Mittagessen. Doch ist es wirklich ratsam, das Kind zum Aufessen zu drängen? US-Forscher rund um Studienautor und Kindergesundheits-Spezialisten Dipti Dev bezweifeln das: Laut den Ergebnissen ihrer neuen Studie tendieren Kinder dazu, dauerhaft zu viel zu sich zu nehmen, wenn sie  zum Aufessen gedrängt werden. Besonders häufig geht der Griff dabei zu zucker- und fetthaltigen Lebensmitteln, auch, wenn das Kind gar nicht hungrig ist. Dadurch erhöht sich das Risiko für Übergewicht.

Für die Untersuchung wurde aber nicht nur das Essverhalten von Kindern untersucht, sondern auch die Erzieher stichprobenartig genau darüber befragt, ob beziehungsweise wie sie die Kinder zum Essen motivieren. Insgesamt wurden 18 Erzieher interviewt, die Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren betreuen. Im Durchschnitt waren sie seit zwölf Jahren in dem Beruf tätig. Bei der Befragung stellte sich heraus, dass der Großteil der Erzieher davon ausging, durch die Motivation würden die Kinder einen gesunden Appetit und so auch ein gesundes Essverhalten entwickeln. Viele gaben außerdem an, dass Eltern sich oft beschwerten, wenn das Kind in ihren Augen nicht genug gegessen hatte. Die Motivations-Methode helfe außerdem im Umgang mit sturen Kindern oder solchen, die bestimmte Lebensmittel nicht mochten.

Teller aufessen
Laut einer neuen Studie fangen Kinder an, übermäßig viel zu essen, wenn Sie dazu ermuntert werden, ihren Teller zu leeren. Dadurch erhöht sich das Risiko für Übergewicht© Fotolia
 

Süßigkeiten als Belohnung

Ein weiteres Problem: In vielen der untersuchten Kindertagesstätten werden Süßigkeiten als Belohnung verteilt –beispielsweise, wenn der Teller geleert wurde oder das Kind selbstständig zur Toilette gegangen ist. Auch dieses Verhalten wird von den Studienautoren kritisiert: „Erzieher sollten Kindern keine Süßigkeiten als Belohnung für ein bestimmtes Verhalten geben. Und sie sollten die Kinder auch nicht zum Aufessen drängen oder sie loben, wenn der Teller leer ist“, so Dipti Dev. Den Kindern werde damit suggeriert, dass sie eine Belohnung erhalten, wenn sie aufessen. Dadurch fangen viele Kinder an, wahllos alles zu vertilgen, obwohl sie vielleicht gar keinen Hunger mehr haben.

 

Wie lernt mein Kind ein gesundes Essverhalten?

Zwar handelt es sich um eine kleine Studie, sie zeigt aber, dass sich Eltern zumindest damit auseinandersetzen sollten, wie das Essverhalten in einer Kindertagesstätte beeinflusst wird. Sprechen Sie die Erzieher am besten direkt darauf an und machen Sie deutlich, dass Sie als Eltern nicht darauf bestehen, dass der Teller immer leer gegessen wird. Beim gemeinsamen Mittagessen zu Hause kann es sich lohnen, dem Kind gezielte Fragen zu stellen, warum es den Teller halb leer beiseite schiebt oder nur das Gemüse liegen lässt. Macht der Nachwuchs deutlich, dass der Hunger gestillt ist, sollten Sie das akzeptieren. Kinder haben nämlich eigentlich ein viel besseres Sättigungsgefühl als Erwachsene. Werden Sie dazu genötigt, den Teller immer leerzuessen, wird ihnen dieses Gefühl jedoch abtrainiert.

Wichtig ist, dass es in diesem Fall nach dem Essen nicht direkt Süßigkeiten oder eine Nachspeise gibt. Das vermittelt dem Kind nur, dass es sich gar nicht an der Hauptmahlzeit satt essen muss, weil danach ja eh noch etwas kommt – was im Zweifel auch noch viel besser schmeckt als Karotten oder Brokkoli. Achten Sie außerdem auf gemeinsame Mahlzeiten, die am besten stets zur gleichen Zeit eingenommen werden sollten. Gewöhnung hilft dem Kind dabei, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln.

 

Wie viele Süßigkeiten darf mein Kind essen?

Erlauben Sie dem Kind eine Portion Süßigkeiten von etwa 50 Gramm, die es über den Tag verteilt essen kann. So lernen die Kleinen, sich selbst eine Ration einzuteilen, dass es auch nichts mehr gibt, wenn diese aufgegessen ist und dass der Konsum von Süßigkeiten eine genussvolle Ausnahme ist. Noch mehr Tipps zum Umgang mit Süßigkeiten erhalten Sie im Artikel „Wie viel Süßes darf mein Kind essen?“

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