Multiple Sklerose – Experteninterview

Redaktion PraxisVITA
Dr. med. Michael Lang
Dr. med. Michael Lang, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Umwelt- und Verkehrsmedizin © Gabriele Stautner, artifox.com
Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Therapie
  6. 6. Multiple Sklerose – Experteninterview

Interview mit Dr. med. Michael Lang, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Umwelt- und Verkehrsmedizin, Ulm über MS und die entsprechende Sklerose-Behandlung

 

1.    Was ist Multiple Sklerose (MS)? 

Die Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), bei der man letztendlich bis heute den Auslöser nicht kennt.

Ein wesentliches Merkmal dieser Art der Sklerose sind Entzündungsherde im Gehirn und zum Teil auch im Rückenmark. Dadurch greifen die körpereigenen Immunzellen vor allem die sogenannten Myelinscheiden der Nervenzellen an. Dies ist eine Hüllschicht, die die Nervenfasern ähnlich wie die Isolierung eines Stromkabels umschließt und sie so nach außen abdichtet. Ist diese Schutzschicht beschädigt, wird die Erregungsleitung in den Nerven gestört, die Signale werden nicht mehr korrekt übertragen.

Je nachdem, wo und wie stark diese Schädigungen sind, können daraus unterschiedliche neurologische Störungen entstehen. 1,2

 

2.    Warum wird MS die Erkrankung der 1.000 Gesichter genannt?

Die MS wird auch Krankheit mit den 1.000 Gesichtern genannt, weil sie bei jedem Patienten individuell anders verläuft.1 Es können alle möglichen Symptome klinisch in Erscheinung treten, je nachdem, an welcher Stelle im Gehirn die Entzündung gerade abläuft. Denkbar sind sowohl eine Lähmung eines Beines, einer oberen Extremität, also eines Armes oder einer Hand, eine Sehstörung oder Schwindel, rasche Ermüdbarkeit, die sogenannte Fatigue - alles kann bei dieser Sklerose auftreten. 3,4

 

3.    Welche Symptome treten bei einer Fatigue auf?

Fatigue ist ein Symptom der Schwäche, der Müdigkeit und der Mattigkeit. Betroffene sind meist nicht mehr in der Lage, ihren normalen (Arbeits-)Alltag zu bewältigen und dadurch auf Hilfe angewiesen. Viele MS-Patienten bezeichnen die Fatigue als das schlimmste MS-Symptom überhaupt; sie leiden darunter wirklich erheblich.

 


4.    Welche Konsequenzen hat die Multiple Sklerose? Sitzt man mit MS irgendwann im Rollstuhl?

Die Multiple Sklerose führt keineswegs – wie häufig angenommen - zwangsläufig zu einem Leben im Rollstuhl.1 Aber natürlich können im Verlauf der Erkrankung Behinderungen auftreten. Der Grad der Behinderung eines Patienten mit dieser Sklerose wird anhand der EDSS (Expanded Disability Status Scale) bewertet. Je höher der EDSS-Wert ist, umso stärker ist die Behinderung.5 So kann sich die Erkrankung auf die Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit des Betroffenen auswirken: Konsequenzen im Berufs- und Privatleben können die Folge sein. 

 

5.    Was muss in puncto Lebensplanung nach einer MS-Diagnose beachtet werden? Inwieweit ist die Krankheitsentwicklung vorhersehbar? 

Mittlerweile gibt es Therapien, die eine langfristige Lebensplanung trotz MS-Diagnose erlauben. Vorhersehbar ist die Krankheitsentwicklung der Sklerose eigentlich gar nicht. Die Erkrankung kann aber zum Beispiel schneller fortschreiten, wenn bereits bei Diagnosestellung eine hohe Läsionslast im ZNS (zentrales Nervensystem) besteht.

Also, wenn viele und große Entzündungsherde im MRT (Magnetresonanztomographie) zu sehen sind und diese dazu geführt haben, dass Schübe nicht komplett ausgeheilt sind. Auch eine zu Beginn der Erkrankung hohe Schubfrequenz ist eher ungünstig.

 

6.    Wie sieht die Urlaubsplanung mit MS aus? Muss man darauf achten, seine Medikamente pünktlich zu nehmen oder müssen sie gekühlt werden?

Patienten, die eine Spritzentherapie erhalten, müssen je nach Präparat unter Umständen darauf achten, dass das Medikament entsprechend gekühlt wird. Außerdem können die Spritzen unter Umständen zu Schwierigkeiten bei den Grenzkontrollen führen. In diesen Fällen hilft der Patientenpass, der belegt, dass das Medikament eingenommen und mitgeführt werden muss.

 

7.    Gibt es Medikamente, die die Lebensqualität auch mit MS erhalten oder wieder so gut wie möglich herstellen können? 

Entscheidend ist, den Zeitpunkt für die richtige Therapie nicht zu verpassen. Wird die Behandlung erst begonnen, wenn die Degeneration, also der Abbau, im Vordergrund steht, dann wirken die Medikamente weniger effektiv. Die Wirkung entspricht nur einem Bruchteil der Wirkung, die bei einem frühen und konsequenten Therapiebeginn erzielt werden könnte. Das heißt, es gibt ein Credo in der Sklerose-Therapie: "Früh, früh und noch einmal früh und so konsequent wie möglich!"

 

8.    Welche Rolle spielen die Ernährungsgewohnheiten für einen Menschen mit MS? 

Wie und ob sich die Ernährungsgewohnheiten auf die Erkrankung auswirken, ist nicht geklärt. Wahrscheinlich sollten insbesondere junge Menschen, in deren Familie eine MS aufgetreten ist, auf ihren Vitamin D-Spiegel achten und einem Vitamin D-Mangel vorbeugen. Vitamin D ist unter anderen in Fisch und Milchprodukten enthalten.

 

9.    Wo gibt es weiterführende Informationen zur Multiplen Sklerose (Websites, Patienten-Programme)?

Es gibt diverse Selbsthilfegruppen, die Betroffenen und Angehörigen Rat und Hilfestellung bieten: die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG e.V., www.dmsg.de) und deren Landesverbände wie zum Beispiel auch die AMSEL (Aktion Multiple Sklerose Erkrankte, www.amsel.de). Daneben verweisen wir auch auf Einrichtungen wie die Patientenakademie (www.neuropoint.de).

Viele Pharmakonzerne haben eigene, medikamentenunabhängige Patientenwebsites wie www.ms-begleiter.de - hier schließt sich auch ein sehr umfassendes und individuelles Patienten-Service-Programm an, das unter anderem die Patientenzeitschrift "MS persönlich" beinhaltet

Die aktuelle "MS persönlich" zum Thema kognitive Beeinträchtigungen bei Multiple Sklerose kann kostenfrei bestellt werden: 

  • per E-Mail: service@ms-begleiter.de
  • telefonisch: 0800 90 80 333 (Mo-Fr von 08.00-20.00 Uhr) per Post:
    MS-Begleiter
    c/o Atlantis Healthcare Deutschland GmbH
    Postfach 180241
    60083 Frankfurt

Quellen
1)    http://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/index.php?w3pid=ms (Letzter Zugriff: 01.04.2016)
2)    Dutta R, Trapp BD. Mechanism of Neuronal Dysfunction and Degeneration in Multiple Sclerosis. Prog Neurobiol. 2011; 93: 1-12.
3)    Pugliatti M et al. The epidemiology of multiple sclerosis in Europe. European Journal of Neurology 2006; 13: 700-722
4)    http://www.kompetenznetz-multiplesklerose.de/patienteninformationen/ueber-ms/symptome/ (Letzter Zugriff: 31.01.2017)
5)    Kurtzke JF. Rating neurologic impairment in multiple sclerosis: An expanded disability status scale (EDSS). Neurology 1983; 33 (11): 1444-1452.

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