Multiple Sklerose: Die neusten Therapiemethoden

Daphne Sekertzi

In den letzten Jahren hat die MS-Forschung große Schritte darin gemacht, wirksame Therapiemethoden gegen Multiple Sklerose zu entwickeln. Aktuelle Studien-Ergebnisse lassen auf mehr hoffen: Ist die MS-Forschung so weit, die Erkrankung zu heilen?

Inhalt
  1. Die MS-Forschung – eine Erfolgsgeschichte
  2. MS-Therapie: Wie wird Multiple Sklerose behandelt?
  3. MS-Therapiemethoden: Der aktuelle Stand der Forschung

Multiple Sklerose gilt heute als gut behandelbar. Das war nicht immer so: Erst 1993 gelang es Forschern, einen Wirkstoff gegen die Erkrankung zu entwickeln. Seitdem konnte die MS-Forschung viele Erfolge bei der Suche nach neuen Therapieansätzen erzielen. Heute steht Ärzten bei der Behandlung der aktuell 240.000 MS-Betroffenen in Deutschland ein großes Spektrum an Therapiemethoden und Wirkstoffen zur Verfügung, das sich stetig erweitert.

 

Die MS-Forschung – eine Erfolgsgeschichte

Im Zusammenhang mit der MS-Forschung wird oft von einer Erfolgsgeschichte gesprochen – nicht ohne Grund. Bis Anfang der 1990er-Jahre wurde nur wenig auf dem Gebiet geforscht. Erst 1993 war ein Wirkstoff für die MS-Behandlung verfügbar. Heute kann eine Multiple Sklerose wirksam behandelt werden. Es gibt eine Vielzahl an Medikamente, die Schübe reduzieren, Entzündungen hemmen und den Krankheitsverlauf hinauszögern.

Die wichtigsten Marksteine der MS-Forschung im Überblick:

  • 1993: Mit der synthetischen Gewinnung von körpereigenen Stoffen, den Beta-Interferonen, stehen erstmals Wirkstoffe für die Behandlung von MS zur Verfügung
  • 1990er – 00er-Jahre: Erarbeitung von medizinischen Leitlinien für die Diagnose und Behandlung von MS, unter anderem die „McDonald-Kriterien“
  • 2010: Es werden neue Behandlungsmethoden zugelassen, die den MS-Verlauf verändern
  • 2011: Entwicklung von Basistherapeutika in Tablettenform, die gegen bestimmte Zellen des Immunsystems wirken oder ihre Aktivität mildern und so Nervenschädigungen reduzieren
  • 2018: Das Antikörpermedikament Ocrelizumab kommt auf den Markt; es mildert den Krankheitsverlauf bei der progredienten MS-Form
 

MS-Therapie: Wie wird Multiple Sklerose behandelt?

Zwar ist MS nicht heilbar, behandeln lässt sie sich inzwischen allerdings gut. Für die verschiedenen Verlaufsformen gibt es unterschiedliche Therapieansätze. Es lassen sich sowohl akute Entzündungsreaktionen abmildern und verkürzen (Schubtherapie) als auch langfristig Entzündungen verhindern und dadurch das Fortschreiten der MS-Erkrankung verlangsamen (verlaufsmodifizierende Therapie). Symptomatische Therapien kommen zusätzlich zum Einsatz, wenn die Nervenschädigungen zu Beschwerden im Alltag führen. Dann helfen Ergo-, Physio- und Psychotherapeuten dabei, die Lebensqualität der Patienten zu erhalten.

Paar mit MS sitzt auf einer Parkbank
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Medikamente als Mittel der Wahl

Behandelt wird Multiple Sklerose primär mit Medikamenten, welche die Immunreaktion gegen die körpereigenen Zellen und das Gewebe unterbinden und so die Entstehung von Entzündungen verhindern. Doch weil sich MS-Medikamente gegen Zellen des Immunsystems richten, schwächen sie dieses zugleich auch. Viren und Bakterien können nicht effektiv bekämpft werden, was die Anfälligkeit der Patienten für Infekte erhöht.

Schätzungen zufolge können mit modernen Medikamenten ca. 80 Prozent der Patienten mit aktiver MS erfolgreich behandelt werden. Auch lässt es sich mit MS-Medikamenten hinauszögern, dass eine Multiple Sklerose mit wiederkehrenden Schüben (rezidivierend-remittierende MS) einen chronischen Verlauf mit fortschreitender Verschlechterung nimmt (sekundär-progrediente MS).

Bisher kam für dieses Therapieziel insbesondere Interferon zum Einsatz. In Zukunft könnte dieser Wirkstoff von Ozanimod abgelöst werden, ein neues Medikament, das sich in klinischen Studien bei der Reduktion der Schubhäufigkeit als wirksamer herausgestellt hat. Denn Interferon kann nur bis zu 30 Prozent der Schübe reduzieren. Mit Ozanimod hingegen sollen Patienten bis zu vier Jahre lang ohne Schübe leben können – bei einer Behandlungsdauer von nur wenigen Wochen.

Basistherapie vs. „hit hard and early“-Methode

Wird nach einem ersten Schub MS diagnostiziert, folgt eine Basistherapie, die in die sogenannte Eskalationstherapie übergeht. Man beginnt mit einem zwar moderaten aber dafür nebenwirkungsarmen Medikament. Wenn der Patient darauf nicht anspricht, wechselt der behandelnde Arzt auf ein stärkeres Präparat – das jedoch mit mehr Nebenwirkungen einhergeht. „Eskaliert“ wird solange, bis für den Patienten ein wirksames Therapeutikum gefunden wurde.

Das Eskalationsprinzip gilt als sichere Methode, da mit ihr schwere Nebenwirkungen nicht unnötig riskiert werden. Diesem Vorteil steht jedoch ein nicht minder schwerer Nachteil gegenüber: Der Weg zu einem wirksamen Medikament kann viel Zeit kosten – Zeit, in der die MS-Erkrankung weiter voranschreiten kann und Entzündungen zu bleibenden Nervenschädigungen führen. Studien konnten zeigen, dass Basistherapeutika ein Drittel bis die Hälfte aller Schübe verhindern können. Doch diese Wirkung stellt sich bei 30 Prozent der Patienten nicht ein.

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Immer mehr diskutieren Fachkreise daher über einen neuen Behandlungsansatz – die Induktionstherapie, die auch als „hit hard and early“ bezeichnet wird. Bei dieser Methode wird direkt ein hochwirksames Medikament verabreicht, um das Fortschreiten der Multiplen Sklerose frühestmöglich aufzuhalten. Die Effektivität dieses Behandlungsansatzes gilt als schlagendes Argument, die Nebenwirkungen der Medikamente in Kauf zu nehmen. Ein weiterer Vorteil: Betroffene müssen die Medikamente der Induktionstherapie nur für kurze Zeit einnehmen, damit die Wirkung mehrere Jahre anhält.

 

MS-Therapiemethoden: Der aktuelle Stand der Forschung

Es gilt als unwahrscheinlich, dass Multiple Sklerose in den nächsten zehn bis 15 Jahren geheilt sein wird. Wahrscheinlich ist jedoch die Entwicklung von effektiveren Therapieansätzen und Medikamenten. Denn die MS-Forschung gewinnt stetig neue Erkenntnisse über die Wirkmechanismen und krankheitsauslösenden Faktoren der Erkrankung. Zu den erfolgversprechendsten Studien-Ergebnissen gehören die folgenden:

  • MS-Patienten weisen besonders in der Frühphase einen Mangel an kurzkettigen Fettsäuren (Propionsäure) im Darm auf. Weil durch sie immunregulierende Zellen entstehen, könnten Propionat-Gaben die autoimmune Reaktion des Körpers dämpfen.
  • Eine Ernährung ohne die essenzielle Aminosäure Tryptophan könnte die Entzündungsreaktionen des Körpers dämpfen. In einem Experiment zeigten Mäuse, bei denen MS künstlich erzeugt wurde, keine Symptome der Erkrankung, wenn sie Futter ohne die Aminosäure bekamen. Man vermutet, dass Tryptophan an Botenstoffen beteiligt ist, die bestimmte Immunzellen steuern.
  • Die sogenannten Neurofilamente (NFL) sind Proteine, die Nervenzellen ihre Struktur geben. Werden diese durch autoimmune Reaktionen zerstört, gelangen die Proteine ins Blut. Der NFL-Wert kann damit eine genauere Prognose über den Krankheitsverlauf liefern. Das ermöglicht eine an den Patienten genau angepasste Therapie und einen zielgerichteten Einsatz von Medikamenten.
  • Bisher gingen Forscher davon aus, dass bestimmte Zellen des Immunsystems die Nervenschädigungen verursachen. Studien geben jedoch Hinweise darauf, dass auch eine Form weißer Blutkörperchen körpereigene Zellen zerstören. Bestätigt sich der Befund, könnten die Auswirkungen der MS-Medikamente auf das Immunsystem geringgehalten werden. 

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Quellen:

MS-Diagnose, in: kompetenznetz-multiplesklerose.de

„Hit hard and early“ im Vergleich zur Stufentherapie, in: multiple-sklerose.com

Neues Medikament zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (MS), in: dgn.org (Deutsche Gesellschaft für Neurologie)

Multiple Sklerose: Neue Behandlungsmöglichkeiten, in: dfv.de (Die forschenden Pharma-Unternehmen)

Aktuelle Erkenntnisse der MS-Forschung, in: leben-mit-ms.de

Ernährung könnte den Verlauf einer Multiplen Sklerose beeinflussen, in: aerzteblatt.de

Ozanimod: Weiterer S1P-Modulator bei Multipler Sklerose wirksam, in: aerzteblatt.de

Darmbakterien könnten Entstehung von Multipler Sklerose beeinflussen, in: aerzteblatt.de

Forschung zu Multipler Sklerose: Wohin die Reise geht, in: derstandard.de

 

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