Mücken – die größten Feinde der Menschheit

Mücken übertragen gefährliche Krankheiten wie Malaria
Bei Mücken stechen nur die Weibchen. Zur Produktion von Eiern benötigen sie bestimmte Proteine, die nur im Blut von Säugetieren oder Vögeln enthalten sind. Dabei übertragen Sie gefährliche Krankheiten wie Malaria © Fotolia

Die Hälfte aller Menschen, die jemals auf unserem Planeten gelebt haben, sind ihr zum Opfer gefallen: Die Stechmücke ist das gefährlichste Tier der Erde. Und die Tropen sind längst nicht mehr die einzige Region, in der sie Viren verbreitet...

Washington D.C. im Sommer 2006. Es ist nicht viel los rund ums Weiße Haus. Präsident George W. Bush erholt sich auf seiner Ranch in Texas, auch die meisten Senatoren machen Urlaub vom Regieren. Die Macht am Fluss Potomac haben jetzt andere übernommen. Nicht größer als ein Reiskorn, schwärmen Millionen von ihnen in alle Himmelsrichtungen aus und wollen nur das Eine: Blut! Sie sind die fliegenden Tiger – Aedes albopictus – die asiatische Tigermücke. Noch vor 30 Jahren kannte niemand außerhalb von asiatischen Dschungeln das markant gestreifte Insekt – jetzt sticht es sogar im Zentrum einer Weltmacht zu.

 

Bis zu 75 Mal in der Minute sticht die Tigermücke – Erwachsene in die Beine, Kinder überall

Wohlgemerkt handelt es sich hierbei nicht nur um ein Grillabend-Ärgernis, sondern um Plagen, die manche Experten schon als "biblisch" beschreiben. "Sie sind furchtbar und stechen besonders aggressiv zu", sagt Jeannine Dorothy, Insektenforscherin aus Maryland. Mit einer Kelle stochert sie in einer Wasserlache im Inneren eines alten Autoreifens herum, den jemand am Wegesrand entsorgt hat. "Oh ja, sehen Sie", sagt die Forscherin und zeigt auf einen Schwarm unzähliger zappelnder, S-förmiger Larven, den sie im Reifenwasser aufgeschreckt hat: die Larven der Tigermücke. Noch sind sie ungefährlich, doch verwandelt sich eine Larve innerhalb von zwei Wochen erst einmal in eine Mücke, werden sich die Bewohner von Washington und Baltimore wieder mit Insektiziden eindecken – gegen die die "Tiger" resistent sind. Bis zu 75-mal in der Minute stechen die ungewöhnlich flinken und lautlosen Vampire zu – Erwachsene in die Beine, Kinder überall. Ganze Straßenzüge der US-Hauptstadt sind Moskito-Sperrgebiet, wer sich nur zehn Minuten im Freien aufhält, wird von schmerzhaften Stichen gepeinigt.

 

Stehendes Wasser in Gummiprofilen ist der ideale Brutplatz für tropische Mückenlarven

Amtliche Moskito-Kontrolleure grasen sämtliche Vorgärten nach stehendem Wasser ab – der bevorzugte Brutplatz für die Mikro-Vampire. Und Eier legen Mücken noch in die kleinste Pfütze – in Reifenrillen, Gartenfolien oder Sandkastenspielzeug gesammeltes Wasser muss peinlich genau entsorgt werden. "Nur so bekommen wir die Plage in den Griff", sagt Jeannine Dorothy. Und so sind die tropischen Tierchen überhaupt in nördliche Gefilde gekommen: In einem einzigen Import-Reifendepot in Seattle wurden fünf verschiedene japanische Moskito-Arten entdeckt.

Jede Tigermücke, die ein Virus in sich trägt, infiziert in ihren zehn Lebenswochen Tausende Menschen. Das Insekt ist Überträger des Dengue-Fiebers, einer Krankheit, die jedes Jahr 100 Millionen Menschen befällt. Und die Tigermücke, die auch in Spanien, Frankreich, der Schweiz und Italien vorkommt, ist nicht die einzige fliegende Bedrohung für die Menschheit: Mehr als 3400 Stechmückenarten bevölkern die Erde von der Arktis bis in die Tropen.

Die Gefahr, auch außerhalb von tropischen Regionen mit Krankheiten infiziert zu werden, die durch Stechmücken übertragen werden, nimmt zu – auch bei uns. Wichtiger Grund dafür ist der Klimawandel: "Zunehmende Erwärmung und geeignete Biotope helfen tropischen oder subtropischen Mückenarten, sich bei uns zu etablieren", ist sich Karolin Bauer-Dubau, Leiterin der Medizinischen Entomologie am Berliner Tropeninstitut, sicher. Elf der 23 wichtigsten Mückenarten in Deutschland sind in anderen Ländern fähig, das West-Nil-Virus übertragen. Es löst Meningitis und Gehirnentzündungen aus. Ob die Mücken diese Krankheit auch hier übertragen können, ist jedoch noch nicht erwiesen. "Die Hochwassergebiete um die Oder bei Dresden und das Rhein-Main-Gebiet sind hervorragende Entwicklungsorte der übertragenden Stechmückenarten", sagt Karolin Bauer-Dubau. Es ist also keine Frage, ob Mücken auch bei uns tropische Krankheiten übertragen, sondern wann. Denn: Die Anophelesmücke, die Malaria überträgt, lebt auch bei uns. Um die nach Tuberkulose tödlichste Infektionskrankheit zu verbreiten, braucht sie nur eine kranke Person. Im Sommer 1997 wurde ein an Malaria erkranktes Mädchen aus Angola während eines Klinikaufenthaltes in Duisburg von einer heimischen Anophelesmücke gestochen. Die stach zwei weitere Patientinnen und gab so das Virus weiter.

 

Sticht eine Mücke ein erkranktes Tier oder einen infizierten Menschen, verbreitet sie das Virus in Windeseile

Wie wird aus einem 15-Millimeter-Winzling eine Killermaschine? Zunächst: Es stechen nur die Mückenweibchen. Zur Produktion von Eiern benötigen sie bestimmte Proteine, die nur im Blut von Säugetieren oder Vögeln enthalten sind. "Zapft" das Insekt ein infiziertes Lebewesen an, überträgt sich das Virus auf die Mücke. Ist das Insekt als Überträger ("Vektor") geeignet und herrschen für die Entwicklung des Virus in der Mücke genügend hohe Temperaturen (über zwei bis drei Wochen circa 27 Grad Celsius), wird die Todesspirale in Gang gesetzt.

Denn eine Mücke sticht nicht nur einmal – sie legt ja auch nicht nur einmal Eier. Viele Blutmahlzeiten müssen her. Dabei verbreitet ein Insekt, das durchschnittlich sechs Monate alt werden kann, das Virus in Windeseile. Derselbe Krankheitserreger, an dem ein Mensch gerade dahinsiecht, kann in Hunderten Kilometer Entfernung ein neues Opfer befallen – dank des fliegenden Kuriers. Die Infektionsrate einer Krankheit drücken Wissenschaftler in der "Basic Reproduction Number" (BRN) aus. HIV, das sich ausschließlich über Körperflüssigkeiten überträgt, hat den Wert 1. Masern, die via Tröpfcheninfektion durch Husten oder Niesen übertragen werden, haben den Wert 14 – Malaria liegt bei über 100.

Mücken sind Anpassungsweltmeister – mit winzigen Genveränderungen schaffen sie sich in jeder Umgebung ein ideales Zuhause. Auch wenn sie dafür mal eben ein paar neue Rassen entwickeln müssen. Eine bekannte Wiege neuer Mückenarten: die Londoner U-Bahn. Unter der britischen Metropole hatte sich eine neue Mückenspezies entwickelt, die zunächst ausschließlich Vögel "anzapfte". In den Tunneln lernten sie auch das Blut von Mäusen, Ratten und Menschen zu schätzen. Mit den Mücken "über Tage" hat das Underground-Insekt nichts mehr gemein. Sogar untereinander "fremdeln" die U-Bahn-Mücken. Insekten, die sich in den verschiedenen Bahn-Linien unabhängig voneinander fortpflanzen, zeigen genetische Unterschiede. Klingt kurios, kann aber zur tödlichen Gefahr werden.

 

Mittels Genveränderungen entwickeln Stechmücken Resistenzen gegen nahezu alle Insektizide

Indem sich die Gene der Mücken verändern, wird auch ihr Jagdverhalten umprogrammiert. Forscher fanden heraus, dass Mutationen in den für Geschmack und Geruch zuständigen Genen wahrscheinlich für die Affinität der Mücke zum Menschen verantwortlich sind. Manche Mückenarten gieren ausschließlich nach Menschenblut – fatalen Krankheiten sind so Tür und Tor geöffnet. Hier könnte jedoch der Schlüssel zur Mückenbekämpfung liegen. Durch Genveränderungen entwickeln gefährliche Mückenarten nämlich immer wieder Resistenzen gegen Insektizide. Wahre Bombenteppiche der Chemikalie DDT erwiesen sich in den vergangenen Jahrzehnten als schädlich für Mensch und Umwelt – nicht aber für die Mücke. Die Zukunft: biologische Kriegsführung. Britische Forscher untersuchten jetzt die Zusammensetzung des Schweißes von Menschen, die selten von Mücken gestochen werden. Ihr Hintergedanke: Wen die Mücke nicht riechen kann, den sticht sie auch nicht. Aus den so isolierten – natürlichen – Chemikalien entwickelten die Wissenschaftler ein Abwehrmittel gegen Aedes aegypti, die Gelbfieber überträgt. Derzeit wird es an Menschen in Afrika getestet. Zeigt das Mittel Wirkung, könnte es billig hergestellt und flächendeckend eingesetzt werden - ein wichtiger Schritt im Kampf gegen einen übermächtigen Feind.

 

Alle 30 Sekunden stirbt ein Mensch an einer von Mücke übertragenen Krankheit

Mit Gen-Experimenten untersuchen Wissenschaftler den Grund für natürliche Abwehrreaktionen, die einige Anopheles-Mücken gegen den Malariaerreger entwickelt haben. In ihnen kann sich der Krankheitserreger nicht vermehren. Wissenschaftler der Universität von Minnesota in den USA glauben, dass ein bestimmter Pilz malariasensible Mücken ausschaltet und resistente Tiere verschont. Weitere Mückenwaffe: der Bazillus Bti. Er zerstört die Mücke von innen. Resistenz unmöglich: Das Gift wirkt mit fünf verschiedenen Komponenten.

 

Nie wieder Mückenstiche

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