MS-Schicksal – Familienvergrößerung trotz MS

MS
Trotz MS bekam Gemma B. zwei Kinder. Sie hat ihre Krankheit erfolgreich zurückgedrängt © Privat

Gemma B. (29) hat bereits ihr zweites Kind zur Welt gebracht – noch vor wenigen Jahren wäre das für sie undenkbar gewesen. Denn die junge Frau leidet an Multipler Sklerose – lesen Sie hier ihre bewegende Geschichte.

Den Tag, der ihr Leben komplett aus den Angeln hob, wird Gemma B. (29) niemals vergessen. Es war im Juni 2010, als die Mutter eines damals gerade einmal ein Jahr alten Sohnes plötzlich Sehstörungen bekam. „Im Laufe des Tages konnte ich auf dem rechten Auge gar nichts mehr sehen. Da bekam ich Angst und ging zum Augenarzt. Der konnte aber trotz verschiedener Tests nichts feststellen“, erinnert sich die Leverkusenerin.

Gemma B. mit ihrem Sohn
Als Gemma B. die Diagnose Multiple Sklerose bekam, war ihr Sohn Giuseppe gerade ein Jahr alt© Privat

Welche Therapien sind bei MS zu empfehlen?

Expertin: PD Dr. Kathrin Gerbershagen, leitende Oberärztin Klinikum Köln-Merheim

Die Therapieentscheidung  der MS (Multiple Sklerose) richtet sich nach der Krankheitsaktivität (mild oder aktiv).

Milde und moderate MS: Bei mildem bis moderatem Verlauf kann mit Interferon-Beta oder Glatirameracetat behandelt werden (Spritzen). Viele Patienten haben vor den mehrfach wöchentlichen Spritzen Angst. Eine neue Therapieoption ist der Wirkstoff Teriflunomid, der einmal täglich als Tablette eingenommen wird oder Fumarsäure (2 x täglich 1 Tablette). Den Betroffenen steht also jetzt endlich der Weg ohne Spritze offen.

(Hoch)aktive MS: Bei (hoch)aktiver Multiple Sklerose kann direkt mit hocheffektiven Wirkstoffen wie Alemtuzumab behandelt werden, die gezielt in die gestörten immunologischen Prozesse bei der MS eingreifen. Der Wirkstoff wird als Infusion in zwei Phasen gegeben: In der ersten Phase an nur fünf aufeinanderfolgenden Tagen, zwölf Monate später an nur drei Tagen. Weitere Therapeutika bei der (hoch)aktiver MS: Fingolimod sowie Natalizumab.

Damit war die Sache für die junge Friseurin erst einmal abgehakt. „Doch ein paar Wochen später wurden beide Arme taub, in den Beinen kribbelte es, sie waren so schwach, dass sie mich kaum halten konnten“, berichtet sie. Also ging sie zu ihrem Hausarzt, der Gemma B. sofort in ein MRT schickte. „Die Ärzte entdeckten einen Fleck in meinem Gehirn. Sie vermuteten einen Hirntumor. Ich war geschockt, dachte an meinen kleinen Sohn, dass ich ihn vielleicht nicht aufwachsen sehen werde.“

Es vergingen qualvolle Wochen, in denen weitere Untersuchungen gemacht wurden, unter anderem eine Analyse des Nervenwassers (Liquor). „Danach waren die Ärzte sich sicher, dass es Multiple Sklerose ist.“ Für Gemma B. war die Diagnose ein Schock. Sie wollte nicht darüber reden. In dieser schwierigen Zeit war es vor allem ihr Mann, der ihr Mut machte und ihr half, mit der Diagnose umgehen zu lernen.

 

Anfängliche Therapie verlief ohne Erfolg

Die erste Therapie mit einem Interferon machte alles nur noch schlimmer. „Ich hatte jeden Monat einen Schub. Dann stellten die Ärzte mich auf einen Antikörper um.“ Das reduzierte zwar die Schübe, konnte aber nicht verhindern, dass Gemma B. schon nach zweieinhalb Jahren von der Krankheit in den Rollstuhl gezwungen wurde. „Ich wollte die Multiple Sklerose genauer kennenlernen und sie bekämpfen.“

Arbeiten gehen konnte sie nicht mehr, ihren Sohn Giuseppe zu versorgen war nur noch mit der Hilfe ihres Mannes möglich. „Das alles war die Hölle für mich. Ich war immer ein selbstständiger, lebhafter Mensch. Mein liebstes Hobby war früher das Tanzen. Im Rollstuhl fühlte ich mich wie eingesperrt.“ Hinzu kamen einige entwürdigende Erlebnisse: „Einmal bin ich auf nasser Straße mit dem Rollstuhl umgekippt, da hat jemand die Polizei gerufen, die mir dann geholfen hat“, erzählt die 29-Jährige. Ein anderes Mal ist ein Busfahrer einfach weggefahren, weil sie seiner Meinung nach zu spät an die Haltestelle gekommen war. „Das hat er mir auf den Kopf zugesagt und mich stehen gelassen.“

Während dieser Lebensphase wurde Gemma B. sehr von ihren Eltern unterstützt. Ihr Vater nahm sich, wann immer er konnte, frei und fuhr sie zu den Behandlungen und Therapien. Ihre Mutter half ihr im Haushalt und passte auf den Enkel auf. Da Gemma B. ihren Sohn immer bei sich haben wollte, beaufsichtigte ihre Mutter den Enkel auch während der Behandlungen.

Gemma B. im Auto
Inzwischen kann Gemma B. sogar wieder Auto fahren© Privat
 

Wieder schwanger trotz MS

Im Januar 2014 schlug ihre Neurologin Dr. Kathrin Gebershagen, leitende Oberärztin am Klinikum Köln-Merheim, vor, ein neues Medikament auszuprobieren. „Da ich mir eh schon wie ein Versuchskaninchen vorkam und ich mir nichts Schlimmeres mehr vorstellen konnte, willigte ich ein“, sagt Gemma B.

Was dann passierte, war für sie und ihre Familie wie ein Wunder: Nach acht Monaten Therapie mit dem Antikörper Alemtuzumab konnte sie wieder laufen. „Ich kann mein Glück bis heute noch nicht fassen. Der Rollstuhl steht jetzt seit einem Jahr schon in der Garage. Mein Vater hat vorher aus lauter Wut über mein Schicksal so oft gegen ihn getreten und ihn bespuckt. Jetzt steht er da und ist wie ein Relikt aus einem früheren Leben.“

Heute führt Gemma B. ein beinahe unbeschwertes Leben. Sie wurde sogar ein zweites Mal schwanger: Ihre kleine Tochter mit dem Namen Valentina kam im Februar zur Welt. Seitdem ist das Familienglück vollkommen. Die anstrengende Geburt hat Gemma B. schon längst vergessen. Obwohl die ersten Monate mit Valentina viel Kraft kosteten und sie aufgrund ihrer Erkrankung oft Schmerzen verspürte, blickt sie freudestrahlend in das Gesicht ihrer Tochter. Auch der große Bruder Giuseppe ist sehr stolz und hat immer ein wachsames Auge auf seine Schwester.

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Baby Valentina macht das Familienglück für Gemma B. perfekt© Privat

Die MS hat Gemma B. schon einige Steine in den Weg gelegt. Doch seit es ihr dank der Therapie wieder besser geht, kann sie ihr Leben fast normal weiterführen. So trifft sich die junge Mutter regelmäßig mit Freundinnen und nimmt mit Begeisterung an Zumba- oder anderen Fitnesskursen teil. Gemma B. kann nicht anders: Voller Glück und Optimismus blickt sie in die Zukunft mit ihrer Familie und ihren Freunden – und der wiedergewonnenen Selbstständigkeit.

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