Mit zwölf plötzlich Junge

Guevedoces
Carla (links im Bild) mit ihrer Cousine Catherine – mit sieben Jahren zeigt Carla schon deutliche Anzeichen eines Jungen © YouTube

Als Mädchen geboren und in der Pubertät zum Mann geworden – das ist in einem kleinen Dorf in der Dominikanischen Republik keine Seltenheit. Wie kommt es zu diesem Phänomen?

Carla ist sieben Jahre alt. Bald wird sie Carlos heißen, denn ihr Körper ist dabei, das Geschlecht zu wechseln – ganz von alleine. Carla lebt in Salinas, einem kleinen, abgeschiedenen Dorf in der Dominikanischen Republik. Zwei Prozent der Bewohner Salinas’ werden als Mädchen geboren, doch in der Pubertät entwickeln sie sich zu Männern. „Guevedoces“ werden die Betroffenen genannt, das heißt auf Spanisch „Penis mit zwölf“.

Die Wissenschaft begann sich in den 1970er Jahren mit dem Phänomen zu beschäftigen. Die New Yorker Medizinerin Dr. Julianne Imperato-McGinley reiste in die Dominikanische Republik, weil sie von dort lebenden Mädchen gehört hatte, die zu Jungen wurden. Sie untersuchte Betroffene, bis sie auf eine Erklärung stieß.

 

Wie kommt es zu der Veränderung des Geschlechts?

Bereits bei der Empfängnis wird unser Geschlecht bestimmt. Mädchen haben zwei X-Chromosomen, Jungen ein X- und ein Y-Chromosom. Zunächst gibt es in der Entwicklung des Embryos keine Unterschiede, bis etwa acht Wochen nach der Empfängnis die Geschlechtshormone Wirkung zeigen. Bei einem Jungen sorgt jetzt ein bestimmtes Enzym, „5-Alpha-Reduktase 2“, dafür, dass Testosteron in einer „Tuberkel“ genannten Gewebestruktur in „Dihydrotestosteron“ umgewandelt wird. Dieses Hormon wiederum verwandelt die Tuberkel in einen Penis. Bei Mädchen wird kein Dihydrotestosteron produziert und die Tuberkel wird zur Klitoris.

Guevedoces haben einen Mangel des Enzyms 5-Alpha-Reduktase 2 – das heißt, bei ihnen wird kein Testosteron in Dihydrotestosteron umgewandelt. Dieser Mangel scheint genetisch bedingt zu sein. Die Veranlagung dazu ist in diesem Teil der Dominikanischen Republik weit verbreitet, im Rest der Welt aber extrem selten.

Betroffene Jungen haben ein X- und ein Y-Chromosom, sehen aber aus wie Mädchen, wenn sie geboren werden – statt eines Penis haben sie eine Vagina. In der Pubertät kommt es zu einem starken Testosteron-Anstieg und aus der Vagina wächst ein Penis, außerdem bilden sich Hoden.

 

Nach der Pubertät sind Guevedoces Männer

Guevedoces haben keine Gebärmutter, sie sind genetische Männer – der einzige Unterschied zu ihren Geschlechtsgenossen besteht in der Ausbildung der äußeren Geschlechtsmerkmale vor der Geburt. Nach der Pubertät lässt sich gar kein Unterschied mehr feststellen und Guevedoces können auch Kinder bekommen.

Carlas Mutter ahnte schon vor einigen Jahren, dass ihrem Kind eine Veränderung bevorstand, wie sie der BBC erzählt: „Als sie fünf wurde, bemerkte ich, dass, wann immer sie einen ihrer männlichen Freunde sah, mit ihm kämpfen wollte. Ihre Muskeln und ihr Brustkorb wuchsen. Man konnte sehen, dass sie ein Junge werden würde. Ich liebe sie, wie auch immer sie ist. Mädchen oder Junge, das macht keinen Unterschied.“

Hamburg, 22. September 2015

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.