Ebola-Infekt überlebt - die 10 Prozent Chance

Die hochansteckenden Ebola-Patienten werden auf einer abgedichteten Spezialtrage transportiert
Die hochansteckenden Ebola-Patienten werden auf einer abgedichteten Spezialtrage transportiert © Shutterstock

Der amerikanische Arzt Dr. John Merier* arbeitet als freiwilliger Helfer in Sierra Leone, als das Ebola-Virus bei ihm ausbricht. Die Todesrate liegt bei etwa 90 Prozent, doch Merier überlebt! Teil neun unserer Reihe.

Der Befund des Patienten ist eindeutig – und doch kann Dr. John Merier nichts für ihn tun. Wenige Stunden, nachdem sich die ersten Symptome gezeigt haben, steigt das Fieber. Wie ein Tsunami breitet sich das Ebola-Virus im ganzen Körper des Infizierten aus. Immer wieder setzt sein Herzschlag aus, Lungen, Leber und Nieren stellen ihre Funktion ein. „Das Verlaufsdiagramm sah erschreckend aus“, erinnert sich Dr. Merier. Was den Arzt jedoch am meisten beunruhigt: „Der Patient war ich!...“

Als der amerikanische Arzt Dr. John Merier im August 2014 als freiwilliger Helfer aus den USA nach Kenema in Sierra Leone fliegt, ist das Ebola-Virus bereits außer Kontrolle. Nach seiner Landung nimmt der Arzt umgehend seine Arbeit im Staatskrankenhaus auf. Jeden Tag werden hier 60 bis 80 Neu-Infizierte eingeliefert, viele sterben wenige Stunden später, manche kämpfen tagelang gegen das Virus.

Ein beißender Verwesungsgestank liegt in der schwülen Luft. Ununterbrochen hallen Schmerzensschreie durch die überfüllten Gänge, dazwischen Hilferufe und Gebete. Es ist der Soundtrack aus dem Herzen der Finsternis. Merier fühlt sich mit seinem blauen Schutzanzug wie ein Außerirdischer unter Zombies - bis er selbst einer von ihnen wird ...

 

„In Afrika hätte ich keine sieben Tage überlebt“

Am 6. September 2014 wacht Dr. Merier in seinem Hotelzimmer mit starken Kopfschmerzen auf. Das Fieberthermometer zeigt 38,5 Grad Celsius an. Er schließt sich im Zimmer ein, in der Hoffnung, es ist nur Malaria, und ruft einen Kollegen an, der eine Blutprobe von ihm abholt. Am Nachmittag dann die Diagnose: Merier ist mit dem Ebola-Virus infiziert. Wie der 44-Jährige sich angesteckt hat, weiß er bis heute nicht. Was aber sicher ist: Die Todesrate liegt je nach Behandlung und dem Fortschreiten der Krankheit bei bis zu 90 Prozent. "Dennoch verspürte ich keine Panik. Vielmehr beobachtete ich aus Sicht eines behandelnden Arztes, wie das Virus meinen Körper veränderte."

Zwei Tage nach seiner Diagnose wird der Mediziner in einem Spezialflugzeug in die USA ausgeflogen. "Wäre ich in Afrika geblieben, hätte ich keine sieben Tage mehr überlebt", sagt Merier. In seinem Körper hat das Virus bereits mit der Umprogrammierung seiner Blutzellen begonnen. Innere Blutungen breiten sich mehr und mehr aus, zerstören seine Organe. "Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits in einer Art Delirium." Bei seiner Ankunft in der Ebola Isolation Unit im Emory University Hospital in Atlanta verliert Merier das Bewusstsein. An die folgenden drei Wochen hat er keine Erinnerung - das Ärzte-Team dafür umso mehr ...

 

„Er war mit Abstand der krankeste Patient, den wir je behandelt haben und der überlebt hat“

Die Blutanalyse ist selbst für den erfahrenen Virologen der Ebola Isolation Unit, Dr. Jay Varkey, ein Schock: "Der Viral Load, also die Menge der Ebola-Viren in Meriers Blut, war 100-mal höher als von allen anderen Ebola-Patienten, die hier je behandelt wurden." Kein Mensch hat bis dahin ein derart extremes Infektionsstadium überlebt. In den folgenden Tagen greifen 20 Milliarden Ebola-Viren das Gehirn und die Nieren von Merier an. Er bekommt eine Dialyse, eine Blutwäsche, um den vollständigen Kollaps seiner Nieren zu verhindern. Dann versagen auch die Lungen des Patienten. Er wird an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Es ist der Moment, in dem seine Verwandten, die ihn nur durch eine dicke Glasscheibe beobachten dürfen, die Hoffnung verlieren: "Es sah so aus, als wären dies seine letzten Stunden. Wir hatten Angst, ihn nicht einmal berühren zu können, bevor er verbrannt wird", erinnert sich seine Mutter. Tatsächlich sind Ebola-Opfer auch mehrere Tage nach ihrem Tod noch ansteckend.

"Meriers Immunsystem war quasi nicht mehr vorhanden. Die weißen Blutkörperchen hatten den Kampf gegen die aggressiven Eindringlinge verloren", sagt Bruce Ribner, Direktor der Ebola Isolation Unit des Emory Hospitals. Doch die Ärzte geben nicht auf - und setzen alles auf eine Karte: Sie lassen den ehemaligen Ebola-Patienten William Pooley aus England einfliegen. Der Brite hatte das Virus wenige Monate zuvor erfolgreich bekämpft und überlebt. Dadurch hatte sein Körper Millionen Antikörper gegen Ebola-Viren entwickelt. Und genau die wandern jetzt als Blutplasmaspende in den Körper von John Merier. Eine Strategie, die Wirkung zeigt.

 

„Plötzlich änderte sich meine Augenfarbe“

Im Laufe der Tage verbessern sich Meriers Blutwerte, das Virenlevel sinkt rapide. Schließlich verlässt der Arzt nach 24 Tagen am Dialysegerät, 12 Tagen an einer Beatmungsmaschine und insgesamt 33 Tagen Überlebenskampf am 9. Oktober 2014 das Krankenhaus. Er ist nun 15 Kilo leichter als vor seiner Einweisung und gilt als vollständig geheilt. Eine verheerende Fehldiagnose, wie sich nur zwei Monate später zeigt ...

Nach acht Wochen verspürt Merier einen wachsenden Druck in seinem linken Auge. Mit jedem weiteren Tag lässt seine Sehkraft nach, von Schmerzen zermürbt, begibt er sich erneut ins Emory University Hospital. Die Ärzte glauben zunächst an eine Entzündung, sie entnehmen dem linken Auge Kammerflüssigkeit und schicken diese ins Labor. Das Ergebnis ist sowohl für die Ärzte als auch für Merier ein Schock: Im Inneren des Auges wimmelt es von Ebola-Viren! Zwar war sein Blut bei der Entlassung vollkommen ebolafrei, offensichtlich hatten sich jedoch Millionen Viren ins Auge zurückgezogen - und dort überlebt. Als Grund dafür vermuten die Ärzte das Immunprivileg der Augen: Das Innere der Augen ist vom Immunsystem abgeschnitten, weshalb sie ein perfekter Rückzugsort für die Ebola-Viren sind. Und nicht nur das: Jeden Tag vermehren die sich hier.

"Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Nicht nur meine Augen, auch die Muskeln schmerzten, ich fühlte mich kraftlos und hörte auf dem linken Ohr plötzlich nichts mehr. Die linke Seite meines Lebens war verschwunden", erinnert sich Merier. Zehn Tage später wechselt sein linkes Auge über Nacht die Farbe von Blau zu Grün. "Es war unheimlich und faszinierend zugleich", so Merier. Die Spezialisten entscheiden sich in Absprache mit Merier zu einem riskanten Plan - und betreten medizinisches Neuland: Mit einer Sondergenehmigung der US-Zulassungsbehörde geben sie dem Arzt ein antivirales Medikament, das noch getestet wird. Erst zeigen die neuen Pillen, deren Namen die Ärzte noch nicht verraten wollen, keine Wirkung, wenige Tage später jedoch wechselt die Augenfarbe von Grün zurück zu Blau - und die Virenkolonie im Augen ist zerstört.

Ob es am Medikament lag oder schlicht Zufall war, weiß bis heute niemand. Fakt ist: Das Virus wurde vollständig eliminiert. Das heißt jedoch nicht, dass Ebola keine Spuren in Meriers Körper hinterlassen hat. "Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor. Ich kann nicht mehr schnell laufen, ich werde sehr schnell müde, und auf meinem MRT-Scan erkennt man viele kleine Löcher in meinem Gehirn", sagt Merier. Und doch hat die Erkrankung auch einen positiven Effekt: Da sich im Kampf gegen das Virus extrem viele Antikörper im Körper von Merier gebildet haben und auch nach der Heilung dort verbleiben, kann er wie alle Ebola-Überlebenden höchstwahrscheinlich nicht mehr angesteckt werden. Sie alle sind gegen das Virus immun. Und genau diesen Vorteil hat der Arzt jetzt genutzt und ist zurück nach Westafrika geflogen. Er weiß: Hier sind bis heute Tausende Menschen genau wie er am sogenannten Post-Ebola-Syndrom erkrankt. Auch sie leiden nach ihrer Heilung plötzlich unter mysteriösen Schmerzen und verlieren ihr Augenlicht. Die Ursachen dafür sind noch nahezu unerforscht. Merier will sie nun entschlüsseln - und das geht nun mal am besten an dem Ort, wo seine eigene, unglaubliche Leidensgeschichte begann ...

*Name von der Redaktion geändert

Hamburg, 24. November 2015

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