Milchunverträglichkeit – sind auch Kinder betroffen?

Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Je abwechslungsreicher die Ernährung in der Schwangerschaft ist, desto seltener erkranken die Kinder später an Allergien.“ © privat

In den letzten Jahren hört und liest man immer mehr darüber – Laktose- oder auch Milchunverträglichkeit. Auch im Supermarkt findet man immer mehr sogenannte laktosefreie Produkte. Und viele betroffene Eltern fragen sich: Kann ich das an mein Kind vererben? Können schon Säuglinge darunter leiden? Und bedeutet es, dass Milchprodukte komplett tabu sind?

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

Laktose ist eine Zuckerart, die in Milch und Milchprodukten enthalten ist. Bei einer Milchunverträglichkeit stellt der Körper zu wenig Laktase her – ein Enzym, welches den Milchzucker im Dünndarm in seine Bestandteile spaltet. Weil dieses Enzym fehlt, kommt es im Dickdarm zur vermehrten Entwicklung von Gasen und somit zu Blähungen, Völlegefühl oder Krämpfen.

Durch den im Dickdarm noch unaufgespaltenen vorhandenen Milchzucker kommt es zudem zu einem erhöhten Wassergehalt im Stuhl. Durchfall, schmerzhafte Koliken und Flüssigkeitsverlust sind mögliche Folgen. Die Beschwerden sind individuell sehr verschieden. Sie hängen von der noch verbliebenen Restaktivität der Laktase ab, der aufgenommenen Laktosemenge und der sonstigen Zusammensetzung der Darmflora.

 

Wann tritt eine Milchunverträglichkeit bei Kindern auf?

Leiden beide Eltern bereits unter einer Milchunverträglichkeit, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch das Kind später unter dem Laktase-Mangel leiden wird. Das ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einem angeborenen Laktase-Mangel. Dieser hat schwerwiegende Folgen. Wird der absolute Laktase-Mangel nicht erkannt und auf eine laktosefreie Flaschennahrung umgestellt, sind die Kinder bereits innerhalb der ersten Lebenswochen stark betroffen und leiden an lebensbedrohlichen Durchfällen und Unterernährung. Auch Stillen ist dann tabu. Kinder, die nicht unter dieser angeborenen Form des absoluten Laktase-Mangels leiden, vertragen in der Regel in den ersten Lebensmonaten Laktose sehr gut und entwickeln erst nach dem Abstillen eine Milchunverträglichkeit, da in dieser Zeit die Aktivität des Enzyms Laktase sinkt. Im Laufe der Zeit nimmt bei den meisten Menschen die Aktivität der Laktase kontinuierlich ab. Die Milchunverträglichkeit ist somit sehr verbreitet – in weiten Teilen der Welt sind bis zu 70 Prozent der Erwachsenen laktoseintolerant. Seltener ist die Milchzuckerunverträglichkeit in skandinavischen Ländern, dort sind nur etwa 18-26 Prozent der Bevölkerung betroffen[1].

Bauchschmerzen durch Milchunverträglichkeit
Eine Milchunverträglichkeit kann schon im Kindesalter auftreten und nach dem Verzehr von Milchprodukten Blähungen, Völlegefühl, schmerzhafte Koliken oder Durchfall auslösen© shutterstock
 

Was kann ich gegen eine Milchunverträglichkeit tun?

Als wichtigste Maßnahme bei einer nachgewiesenen Milchunverträglichkeit sollte der Laktoseverzehr minimiert werden. Völlig auf Laktose verzichtet werden muss nur sehr selten. Dies ist nur bei der angeborenen, absoluten Laktase-Mangelform der Fall, die sich bereits in den ersten Lebenstagen- bis Wochen manifestiert.

Ansonsten werden kleine Mengen, die z.B. in Medikamenten enthalten sind, problemlos vertragen. Da Milchprodukte wichtige Calciumlieferanten sind, muss bei einer Milchunverträglichkeit auf alternative Calciumquellen geachtet werden. Hier sind calciumreiche Mineralwässer, angereicherte Soja-, Hafer- oder Reisprodukte oder auch Spinat und Brokkoli hilfreich.

 

Welche Lebensmittel haben einen hohen Milchzuckeranteil?

Milchpulver, Milch (nicht nur Kuhmilch, auch Ziegen- oder Schafsmilch enthalten Laktose), Schmelzkäse, Frischkäse, Sahne, Creme fraiche oder Joghurt sind Lebensmittel mit einem natürlich hohen Milchzuckeranteil. Naturjoghurts hingegen enthalten Bakterien, welche die Laktose selbst abbauen und daher meist gut verträglich sind. Fertigprodukte hingegen weisen oft relativ hohe Mengen an Laktose auf. Wenn also z.B. auf der Tütensuppe oder der Eiscreme Milchprodukte recht weit vorne in der Zutatenliste auftauchen, deutet dies auf einen hohen Laktosegehalt hin.

Bei Käse ist es sehr unterschiedlich – je länger der Käse gereift ist, desto weniger Laktose ist noch enthalten. Parmesan und andere Hartkäse-Sorten werden darum meist gut vertragen, Brie oder Frischkäse hingegen eher schlechter.

Kann einmal nicht verhindert werden, dass auch Milchprodukte mit hohem Laktosegehalt zum Verzehr gereicht werden (z.B. im Restaurant oder auf Feiern), sind auch Laktasetabletten hilfreich, die das fehlenden Enzym ersetzen und zur Mahlzeit eingenommen werden müssen. Sie sind in Reformhäusern und Apotheken rezeptfrei erhältlich.

 

[1] Vuorisalo T1, Arjamaa O, Vasemägi A, Taavitsainen JP, Tourunen A, Saloniemi I.: High lactose tolerance in North Europeans: a result of migration, not in situ milk consumption. Perspect Biol Med. 2012;55(2):163-74.

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