Michael Schumacher ist zuhause – Die wichtigsten Fragen

Michael Schumacher nach hause?
Michael Schumacher ist wieder zuhause – für seine Angehörigen hat das große Umstellungen im Alltag zur Folge © Corbis

Heute hat "Schumi" die Klinik verlassen. Ab jetzt wird der siebenfache Formel-1-Weltmeister zuhause betreut. Was das für seine Familie bedeutet? Diese und weitere Fragen beantwortet Praxisvita.de.

Michael Schumacher befindet sich nun wieder im Schoß seiner Familie – über neun Monate nach seinem Skiunfall hat sie ihn nach Hause geholt um ihn dort zu betreuen. Was bedeutet es für Angehörige, einen Wachkoma-Patienten zuhause zu pflegen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen für Sie.

 

Was genau ist ein Wachkoma?

Bei einem Wachkoma (Apallisches Durchgangssyndrom) handelt es sich um eine Schädigung des Gehirns, die in der Regel auf eine sogenannte hypoxische Hirnverletzung – basierend auf einem akuten Sauerstoffmangel der Gehirnzellen – zurückgeht. Durch die mangelnde Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff sterben Gehirnzellen ab. Gehirnzellen, die einmal abgestorben sind, können nicht regeneriert werden. Dadurch werden wichtige Verbindungen – die Synapsen – im Gehirn unterbrochen und Gehirnfunktionen fallen aus.

Schädigungen im Gehirn aufgrund von Sauerstoffmangel gelten unter Medizinern als diffus, das heißt, dass bei jedem Patienten verschiedene Gehirnregionen unterschiedlich stark betroffen sein können. Fällt aufgrund solcher Verletzungen ein Patient in ein Wachkoma, ist zudem die Verbindung zwischen Großhirn und Stammhirn gestört oder unterbrochen.

 

Kann man einen Patienten im Wachkoma zuhause pflegen?

Tatsächlich sind Wachkomapatienten – trotz ihrer massiven Einschränkungen – während der Rehabilitationsphase in der Regel zuhause sogar am besten aufgehoben, da ein vertrautes, familiäres Umfeld für den Versuch der Rückführung des Patienten in sein ‚altes Leben’ sehr förderlich ist. Aus medizinischer und technischer Sicht ist es auf jeden Fall möglich.

Nach Angaben des Bundesverbandes für Schädel-Hirnpatienten in Not e.V. leben in Deutschland rund 70 Prozent der Patienten, die nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma bleibende Schäden zurückbehalten haben – nach der Akutbehandlung im Krankenhaus – zuhause und werden dort auch gepflegt. Doch auch wenn die dort stattfindende Pflege von Wachkomapatienten dem Wunsch der Angehörigen entspricht, müssen gewisse Rahmenbedingungen – z.B. das Vorhandensein von Beatmungs- und Absauggeräten oder einer Vorrichtung zur künstlichen Ernährung – geschaffen sein. Ebenso sollten sich Angehörige von Wachkomapatienten, die sich für eine Heimpflege entschieden haben, im Vorfeld ausführlich fachkundig beraten lassen. Denn bei allen Vorteilen, die eine häusliche Pflege für den Patienten und die Angehörigen bedeuten kann, handelt es sich um eine Entscheidung, die weitreichende und unvorhersehbare Veränderungen für alle Beteiligten mit sich bringt.

 

Wie wird die Heimpflege von Wachkomapatienten finanziert?

Eine wichtige Frage, die sich mit der Pflege eines Wachkomapatienten im eigenen Haus stellt, betrifft die Finanzierung. Als Finanzierungsträger tritt die Krankenversicherung auf, die anfallende Pflegekosten übernehmen muss. Ein Recht auf eine Erstattung der Pflegekosten haben Patienten, die pflegeversichert sind und bei denen eine dauerhafte Pflegebedürftigkeit festgestellt wird. Eine solche Pflegebedürftigkeit wird durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen festgestellt – was bei Wachkomapatienten in der Regel der Fall ist.

 

Wer hilft bei der Pflege von Wachkomapatienten?

Häusliche Pflege heißt nicht, dass Angehörige mit der Pflege von Wachkomapatienten alleine gelassen werden. Zwar übernehmen Angehörige – je nach Pflegevertrag – sehr viele der anfallenden Aufgaben. Zur medizinischen Betreuung des Patienten stehen aber nach Bedarf ausgebildete Fachkräfte sowie die Hilfe von speziellen Pflege- und Assistenzverbänden zur Verfügung. In der Regel wird in so einem Fall ein entsprechender – und an die Bedürfnisse des Patienten angepasster – Pflegevertrag aufgesetzt, der alle Modalitäten der Pflegehilfe genau regelt. Solche Verträge sollten vor der Unterschrift genau gelesen und geprüft werden. Weitere Informationen zum Thema Pflegevertrag finden Sie hier.

Bei schweren Beeinträchtigungen und einem besonderen Bedürfnis nach medizinischen Versorgungs- und Rehabilitationsmaßnahmen – wie es normalerweise bei Wachkomapatienten der Fall ist – kommen Ärzte, Physio- und Ergotherapeuten nach Absprache zum Patienten nach Hause. In solchen Fällen obliegt es den Angehörigen, diese medizinischen Hausbesuche zu organisieren und zu koordinieren.

 

Was kommt auf die Angehörigen zu?

Pflegeverbände warnen immer wieder davor, Anforderungen und Belastungen einer täglichen Pflege zu unterschätzen. Eine Heimpflege – das gilt besonders bei Patienten im Wachkoma – erfordert ein enormes Engagement und Ausdauervermögen der Angehörigen. Die Aufgabe einer häuslichen Pflege ist in der Regel trotz aller Hilfe von außen eine umfassende Fürsorge und endet auch nicht am Wochenende oder zur Urlaubszeit. Wachkomapatienten können die meisten alltäglichen Tätigkeiten nicht selbstständig ausführen.

Die zu übernehmende Verantwortung bezieht sich auf beinahe alle Lebensbereiche und beinhaltet häufig das Füttern, Waschen, An- und Ausziehen sowie das Aufsetzen, Beschäftigen und vieles mehr. Selbst nach vielen Jahren ist das eine Lebenssituation für die betroffenen Angehörigen, die den Verzicht auf viele eigene Bedürfnisse, Ziele und Wünsche bedeuten. Dennoch zeigen Umfragen, dass sich die meisten Menschen, die einen Angehörigen zuhause pflegen, immer wieder dafür entscheiden würden.

Ärzte bemängelten zuletzt, dass es kein medizinisch verlässliches Prognoseinstrument gibt, um Familien auf das vorzubereiten, was pflegetechnisch auf sie zukommt. Eine solche Möglichkeit der Entwicklungsprognose des Wachkomapatienten würde dabei helfen zu verhindern, dass sich Angehörige bei der Absicht, die Pflege zu übernehmen, selbst überfordern.

 

Geht die Therapie zuhause weiter?

Häufig bleiben nach schweren Schädel-Hirn-Traumen und einer darauffolgenden Komaphase verschiedene Formen der Fähigkeits- und Selbstständigkeitsstörungen zurück – sogenannte Mehrfachbehinderungen.

Die Rehabilitationsphase von Wachkomapatienten ist nach der Akutbehandlung im Krankenhaus deswegen zumeist auf eine Langzeitpflege und eine Therapie mit kleinen Fortschritten ausgelegt.

Als austherapiert im eigentlichen Sinne – wie z.B. im Falle eines Krebspatienten im Endstadium – kann ein Wachkomapatient aber selten bezeichnet werden. Vielmehr beginnt nach der Akutbehandlung die eigentliche Rehabilitationsphase, bei der z.B. mithilfe von Ergotherapien, Krankengymnastik oder Kognitionstraining der Zustand des Patienten verbessert werden soll. 

 

Welche Reaktionen zeigen Wachkomapatienten im Frühstadium?

Das körperliche und geistige Reaktionsvermögen von Komapatienten ist von Fall zu Fall verschieden. Viele Menschen, die sich in einem Wachkoma befinden, können aber durchaus sogenannte ganzkörperliche Reaktionen zeigen. Das kann z.B. bedeuten, dass sie zusammenzucken und sich regelrecht erschrecken, wenn man ihr Bett anstößt – ein Test, der tatsächlich von Ärzten unternommen wird. Zudem verändern sich bei Wachkomapatienten bei der Konfrontation mit verschiedenen Personen oder Situationen die Vitalzeichen, was darauf hindeutet, dass sie sich besser oder schlechter fühlen können und zu emotionalen Schlüssen gelangen. Solche Empfindungsmuster werden heute auch über die Ab- und Zunahme der Muskelspannung gemessen.

Wachkomapatienten können in der Frühphase keinen Blickkontakt halten oder differenzierte Bewegungen durchführen. Ebenso verfügen sie nicht über die Möglichkeit, sich sprachlich zu äußern, sehr wohl aber – und das bestätigen immer wieder behandelnde Ärzte und Angehörige – die Fähigkeit, sich über individuell ausgebildete Körperzeichen zu ‚verständigen’. Zudem ist das jeweilige Entwicklungsstadium bei Wachkomapatienten zeitlich schwer zu begrenzen. Von Frühphase spricht man in diesem Zusammenhang mit Blick auf den Zustand eines Wachkomapatienten, den er hat, bevor erste Fortschritte in der Rehabilitation gemacht wurden.

 

Welche Reaktionen zeigen Wachkomapatienten im fortgeschrittenen Rehabilitationsstadium ?

Wachkomapatienten, die eine längere und gezielte Rehabilitation nach der akuten Behandlung im Krankenhaus erfahren, machen langsame, aber dennoch deutliche Fortschritte. Je nach Schwere des sogenannten apallischen Syndroms schaffen es Wachkomapatienten oft irgendwann, einen Blickkontakt über mehrere Sekunden zu halten. Ein weiterer häufig beobachteter Fortschritt ist die Fähigkeit, den Mund zu öffnen und selbstständig zu schlucken, wenn der Mundbereich entsprechend stimuliert wird.

Darüber hinaus erlernen Wachkomapatienten durch spezielle Therapien, sogenannte Teilkörperbewegungen auszuführen, was bedeutet, dass sie in der Lage sind, aus eigenem Antrieb oder auf eine Aufforderung hin ein Bein zu bewegen oder den Kopf zu drehen. Mediziner raten Angehörigen immer wieder, nicht zu viel und vor allem nicht zu schnell Fortschritte zu erwarten und bereits kleine Zustandsverbesserungen als Erfolge zu verstehen. Die Fähigkeit zu sprechen erlangen Wachkomapatienten nur sehr schwer oder gar nicht zurück.

 

Wie sind die Chancen von Michael Schumacher?

Eine Prognose ist mit Blick auf das mangelnde Wissen über den genauen Zustand von Michael Schumacher schwierig. Allerdings gibt es statistische Werte, die wenigstens eine Tendenz beschreiben könnten. So zeigte die Persistent Vegetative State Studie einer US-amerikanischen Forschergruppe der Universität von New England, dass jeder dritte Wachkomapatient nach drei Monaten deutliche Wachheitsanzeichen zeigt. Nach einem Jahr tritt der wache Bewusstseinszustand bereits bei jedem zweiten Patienten auf. Die Chancen für Michael Schumacher sind also rein rechnerisch nicht schlecht, wieder volles Bewusstsein zu erlangen. 

Hamburg, 9. September 2014

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