"Mein Aussehen ertrage ich nicht"

Dysmorphophobie ist einer Form der Psychose
Jeder Blick in den Spiegel wird für Christine aufgrund ihrer Psychose zum Albtraum © Imago

Christine leidet unter Dysmorphophobie – der krankhaften Annahme, hässlich zu sein. Die Selbstzweifel aufgrund ihrer Psychose quälen sie jeden Tag. Jetzt traut sie sich, offen zu sprechen!

Porzellanteint, volle Lippen, dichte Locken: Christine* ist ein hübsches Mädchen. Doch wenn die 16-Jährige in den Spiegel schaut, sieht sie etwas anderes: ,,Ich bin blass und habe unreine Haut", meint die Schülerin. ,,Jedes Mal, wenn ich mich selbst sehe, geht es mir schlecht. Ich finde meinen Anblick so schrecklich." Und trotzdem blickt sie ständig in den Spiegel – wie unter Zwang. Christine leidet unter Dysmorphophobie – der Angst davor, hässlich zu sein.

 

Zwischen ein und fünf Prozent leiden in Deutschland unter einer Dysmorphophobie

Betroffene beschäftigen sich etliche Stunden am Tag mit ihrem Aussehen, konzentrieren sich dabei auf nicht oder kaum vorhandene Makel. ,,Reflektierende Oberflächen ziehen mich magisch an. Ich habe immer einen Taschenspiegel dabei, überprüfe dauernd mein Aussehen", erzählt Christine. Mit immer dem gleichen Ergebnis: Sie hält sich für unattraktiv, obwohl sie es, objektiv betrachtet, nicht ist. Schätzungen nach leiden zwischen ein und fünf Prozent der Menschen in Deutschland unter Dysmorphophobie. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, da bisher nur wenig über die Krankheit bekannt ist. Deshalb wird sie auch häufig als Eitelkeit abgetan oder sogar belächelt. ,,Wir haben das Verhalten von Christine am Anfang auch für eine pubertäre Laune gehalten", erinnert sich ihre Mutter. ,,Doch irgendwann wollte sie nicht mehr zur Schule gehen, schloss sich stundenlang im Badezimmer ein. Ein normaler Alltag war nicht mehr möglich."

Das junge Mädchen selbst stieß dann vor einem Jahr in Internet-Foren auf das Phänomen. ,,Das hat mir die Augen geöffnet. Plötzlich wusste ich, was mit mir los ist", erzählt sie. ,,Bei der Dysmorphophobie ist es ähnlich wie bei der Magersucht. Nur dass ich mein Gesicht, nicht meinen Körper verzerrt wahrnehme." Kurz nach dieser Erkenntnis nahm die Familie Kontakt zu einem renommierten Experten in Frankfurt auf, der die psychische Störung offiziell diagnostizierte. Seitdem ist Christine in Behandlung. Doch trotz Therapie bestimmt die Angsterkrankung ihr Leben und das ihrer Familie nach wie vor stark. ,,Spontan in den Supermarkt gehen oder einen Spaziergang machen – das geht nicht", bedauert ihre Mutter. ,,Bevor sie das Haus verlässt, muss sie sich stundenlang schick machen – damit sie sich sicher fühlt."

 

Das Familienleben leidet stark unter der Dysmorphophobie

Zwischen Mutter und Tochter kommt es immer wieder zum Streit. ,,In solchen Momenten mache ich mir Vorwürfe und frage mich, ob ich in der Erziehung Fehler gemacht habe", gesteht Christines Mutter. Über die Gründe für Dysmorphophobie kann bisher aber nur spekuliert werden. Genetische Veranlagung, Stoffwechselstörungen, psychische Belastungen durch die Umwelt oder traumatische Ereignisse werden als Ursachen vermutet. Christine hatte sich schon als Kind ungewöhnlich viel mit ihrem Aussehen beschäftigt, berichtet ihre Mutter: ,,Schon als kleines Mädchen band sie immer die Haare nach hinten, weil sie ihre Locken nicht mochte." Die sind bis heute ihr größtes Problem. ,,Ich glätte sie jeden Tag. Bei Wind gehe ich nicht raus, weil sie dann wieder durcheinandergeraten", erzählt der Teenager. Dass Familie und Freunde ihr immer wieder sagen, dass die Sorgen um ihre Frisur unbegründet sind, ändert nichts. ,,Ganz egal, wie wir reagieren, es ist falsch", sagt ihre Mutter. ,,Spielen wir die eingebildeten Problemzonen herunter, fühlt sie sich nicht ernst genommen. Aber bestätigen wollen wir sie natürlich auch nicht."

 

Viele Mitschüler meiden sie, haben kein Verständnis für ihre  Erkrankung

Auch die Klassenkameraden wissen nicht immer, wie sie mit Christine umgehen sollen: ,,Sie wundern sich, warum ich mich ständig im Spiegel anschaue und mehrmals am Tag schminke. Sie denken, ich sei eingebildet", sagt Christine. Trotzdem möchte sie den anderen Schülern nichts von ihrer Psychose erzählen. ,,Nur wenige Freunde sind eingeweiht, auch unsere Verwandtschaft ist größtenteils ahnungslos", sagt ihre Mutter. ,,Es gibt viele Vorurteile, den Leuten fehlt das Verständnis." Sie wünscht sich, dass Dysmorphophobie als Krankheit endlich ernst genommen wird. Und dass ihre Tochter eines Tages ein Leben frei von Zwängen führen kann. Das ist auch Christines sehnlichster Wunsch: ,,Ich träume davon, bei Wind und Wetter aus dem Haus gehen zu können. Und mich auch mal spontan mit meinen Freundinnen treffen zu können. So wie alle anderen Mädchen auch."

*Name von der Redaktion geändert

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