Mehr Tote durch Medikamentenmix als im Straßenverkehr

Bunte Pillen werden aus einer Flasche geschüttet
In diesen Pillen stecken hochkonzentrierte Wirkstoffe – kombiniert können sie gefährlich werden, warnen Apotheker © Fotolia

Wer dauerhaft verschiedene Medikamente nimmt, ohne das mit einem Arzt oder Apotheker abzusprechen, begibt sich in Gefahr, warnt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Grundlage ist eine aktuelle Studie.

Medikamente können das Leben erleichtern – die kleinen Helfer sind schnell geschluckt und verschaffen Linderung bei verschiedenen Beschwerden. Je nach Krankheit kommen da täglich häufig zwei, drei oder noch mehr Pillen zusammen. Doch genau das ist gefährlich, warnt jetzt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).

In einer vom Marktforschungsunternehmen Forsa durchgeführten Umfrage unter mehr als 13.000 Erwachsenen ermittelten die Apotheker, wie weit die sogenannte Polymedikation – die dauerhafte Einnahme von drei oder mehr Medikamenten – in Deutschland verbreitet ist. Demnach nimmt etwa jeder vierte Bundesbürger (23 Prozent) dauerhaft drei oder mehr Arzneimittel ein – neun Prozent schlucken sogar regelmäßig fünf oder mehr. 29 Prozent der Befragten mit Polymedikation nehmen neben verschreibungspflichtigen auch rezeptfreie Medikamente ein.

Polymedikation ist für viele Patienten unvermeidbar, birgt aber erhebliche Risiken – und zwar dann, wenn sie nicht mit einem Arzt oder Apotheker abgesprochen wurde. In solchen Fällen drohen gefährliche Neben- und Wechselwirkungen. Laut ABDA-Präsident Friedemann Schmidt kommt es in Deutschland jedes Jahr zu mehreren hunderttausend Krankenhauseinweisungen wegen vermeidbarer Medikationsfehler. Durch Auswirkungen der Polymedikation würden deutlich mehr Menschen sterben als im Straßenverkehr (2014 gab etwa 3.400 Todesopfer im Straßenverkehr).

 

Gründe für Polymedikation

Dass so viele Patienten regelmäßig Medikamentencocktails einnehmen, hat laut ABDA unterschiedliche Gründe. So geben 41 Prozent der Befragten an, von zwei Ärzten oder Heilpraktikern Medikamente verordnet zu bekommen, bei 13 Prozent sind es sogar drei oder mehr Therapeuten. Die Vereinigung geht aber auch davon aus, dass Medikamente häufig weiterverwendet werden, obwohl sie nicht wirken, oder obwohl das zu behandelnde Problem bereits behoben ist.

 

Medikationsplan soll Gefahr minimieren

Die Lösung sieht die ABDA in der konsequenten Führung sogenannter Medikationspläne – das sind Listen, auf denen alle einzunehmenden Mittel mit Wirkstoffen und Tageszeit der Einnahme aufgeführt sind. 53 Prozent der Befragten gaben an, eine solche Liste bereits zu besitzen. Die ABDA fordert, die Stammapotheken der Patienten in die Erstellung der Medikationspläne einzubeziehen, da die alleinige Betreuung durch den Arzt bei mehreren behandelnden Medizinern problematisch sei.

„Sage und schreibe 88 Prozent der Befragten mit Polymedikation haben eine Stammapotheke. Nur in der Stammapotheke sind alle Medikamente eines Patienten bekannt, egal welcher Arzt sie verordnet hat, ob sie rezeptpflichtig sind oder aus der Selbstmedikation stammen. Dieses Potenzial muss viel stärker genutzt werden“, sagt Schmidt.

Patienten, die dauerhaft mehrere Medikamente einnehmen und deren Kombination noch nicht mit einem Arzt oder Apotheker besprochen haben, sollten das nachholen, um Wechselwirkungen vorzubeugen.

Hamburg, 30. September 2015

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