Medizinrätsel auf der Spur – Schlafwandeln in 10 Fragen erklärt

Schlafwandeln hinterfragt
Auch wenn das Schlafwandeln aus medizinischer Sicht eine einfache Aufwachstörung darstellt, ranken sich viele Mythen um die nächtlichen Wanderungen © Shutterstock

Schlafwandeln ist für Mediziner eine normale Schlafstörung, die auch in Deutschland einen großen Teil der Bevölkerung betrifft. Für die Betroffenen – ob nun als Schlafwandler oder als Zeuge einer schlafwandelnden Person – ist der nächtliche Ausflug ohne Erinnerungen aber häufig eine aufregende, abnormale oder sogar unheimliche Erscheinung. Viele Mythen und Fragen ranken sich um das Thema Schlafwandeln. Praxisvita ist für Sie dem Phänomen nachgegangen und klärt in einem großen Schlafwandel-Spezial die wichtigsten Fragen.

Das Phänomen Somnambulismus – auch bezeichnet als Schlafwandeln oder Mondsucht – wird in Medizinkreisen mit dem Auftreten unbewusster psychomotorischer Aktivitäten während des Schlafs beschrieben – einhergehend mit partieller Orientierung und retrograder Amnesie. Schlafende fangen also an, sich zu bewegen oder verlassen sogar das Bett ohne aufzuwachen. Sie wissen nicht, dass sie sich bewegen oder wohin und können sich am nächsten Tag an nichts erinnern.

Dieses vermeintlich außergewöhnliche Verhalten zählt aus wissenschaftlicher Sicht zu einer Schlafstörung, die den normalen Schlafprozess unterbricht. Schlafforscher sprechen bei Somnambulismus genauer gesagt nicht von einer Schlafstörung, sondern von einer Aufwachstörung. Beginnt ein Mensch im Schlaf zu wandeln, befindet er sich rein technisch noch in einer Tiefschlafphase. Außergewöhnlich ist dabei, dass der Körper seine Motorik aktiviert, aber – anders als bei einem ungestörten Aufwachvorgang – wahrnehmungstechnisch nicht aufwacht. Der Geist schläft noch, während sich die Gliedmaßen nach einer unvollständigen Weckreaktion bewegen und zum Teil beeindruckend zusammenhängende oder komplexe Bewegungsmuster vollziehen. Der Körper ist – vereinfacht gesagt – auf einem Blindflug. Die motorischen Körperfunktionen sind aktiv, das für die motorische Steuerung zuständige wache Bewusstsein befindet sich dagegen weiterhin im Tiefschlaf.

 

Welche Ursachen lassen Menschen im Schlaf wandeln?

Die Ursachen des Schlafwandelns werden in Wissenschaftskreisen sehr kontrovers diskutiert. Einheitliche Erklärungsmuster gibt es kaum, was vor allem an den unterschiedlichen Verlaufs- und Ausgangsweisen des Somnambulismus liegt. Relativ unumstritten ist aber die Theorie, dass gewisse Reize von außen, wie zum Beispiel eine Geräuschkulisse, organische Disharmonien, zum Beispiel eine volle Blase oder die psychische Verfassung der Betroffenen eine Rolle spielen. Interessant ist zudem, dass bei Vergleichsstudien mit weltweit erfassten Daten keine kulturellen Unterschiede beim Schlafwandeln feststellbar waren.

 

Wann wandelt wer durch die Nacht?

In den meisten Fällen beginnt eine Episode nächtlichen Wandelns innerhalb der ersten Stunde nach dem Einschlafen. Wissenschaftler sprechen dabei von der sogenannten Haupttiefschlafphase. Betroffen sind vor allem Kinder zwischen dem vierten und zwölften Lebensjahr. In diesem Alter tritt bei geschätzten 20 bis 30 Prozent der Kinder mehr oder weniger regelmäßig ein schlafwandlerisches Verhalten auf. Bei rund 70 bis 80 Prozent der schlafwandelnden Kinder verschwindet diese Aufwachphase wieder mit dem Erreichen der Pubertät, wenn die Ausbildung des zentralen Nervensystems abgeschlossen ist. Erwachsene Menschen sind demnach sehr viel seltener betroffen. Die Zahlen lassen sich nur schätzen, aber erfahrene Forscher sprechen von zwei bis drei Prozent schlafwandelnder Menschen nach dem 16. Lebensjahr.

 

Welche Formen des Somnambulismus gibt es?

Nächtliche Ausflüge von Schlafwandlern sind zumeist sehr kurz. In der Regel dauert eine solche Aufwach-Episode nur einige Sekunden, manchmal wenige Minuten und sehr selten länger als eine halbe Stunde. Die auftretenden Formen des Schlafwandelns sind dabei keinesfalls so wie in Büchern oder Filmen dargestellt. Der aufstehende und umherirrende Schlafende ist die seltenste Ausprägung des Somnambulismus. Häufiger sind mildere und weniger aktive Verhaltensweisen.

Der zumeist beobachtete Fall ist zum Beispiel das verwirrte Aufsetzen im Bett. Dabei schauen die Betroffenen desorientiert durch das Zimmer und murmeln manchmal unverständliche Worte. Manche Menschen fangen in diesem Zustand an, ihr Kissen umherzuschieben oder an der Bettdecke zu zupfen.

Dennoch kommt es nicht selten vor, dass Schlafwandler – genau wie das Wort besagt – das Bett verlassen und im Schlaf umherwandeln. Immer wieder kann es dann zu komplexen Handlungsmustern kommen, welche die Betroffenen zumeist gut aus ihrem Alltag kennen. Das Benutzen einer Treppe oder das Aufsuchen der Toilette sind beispielsweise kein Problem für auf diese Weise tief schlafende Menschen. Es gibt Berichte, wonach Menschen trotz Tiefschlaf dazu in der Lage waren, Türen aufzuschließen, Essen zu kochen, den Tisch zu decken, aus Fenstern zu klettern, verschiedene Geräte und Maschinen zu bedienen und sogar in Fahrzeuge zu steigen und sie anzulassen.

Schlafwandeln hinterfragt
Schlafwandler wandeln immer mit offenen Augen. Teilweise vollbringen sie dabei komplexe Bewegungsabläufe. Die vom Körper gestreckten Arme gehören dagegen in das Reich der Mythen© Corbis
 

Haben Schlafwandler die Augen geöffnet?

Schlafwandler haben in den meisten Fällen die Augen geöffnet. Ein Augenkontakt mit Menschen, die im Schlaf erwachen, ohne ganz wach zu sein, ist aber nicht möglich. Ein Gerücht ist aber die in Filmen typischerweise gezeigte Armhaltung von Nachtwandelnden. Die Haltung der Arme spielt für den nächtlichen Somnambulismus keine nachweisbare Rolle.

 

Kann man mit Schlafwandlern sprechen?

Betroffene neigen auch immer wieder zum Sprechen im Schlaf. In Schlaflaboren konnten Wissenschaftler schlafwandelnden Personen sogar konkrete Fragen stellen, auf die geantwortet wurde. Komplette Dialoge sind aber sehr selten. Auffällig ist beim Sprechen im Schlaf die undeutliche Artikulation.

Neben dem einfachen Sprechen gehört auch panisches Schreien und Fluchen zum Repertoire der Schlafwandler. Hierbei handelt es sich vermutlich um Traumphasen, die dem Schlafenden ein Gefahrenpotential vermitteln, sodass sie motorisch und verbal darauf reagieren. Überliefert ist zum Beispiel ein Fall, bei dem nachts ein Mann von seiner schlafwandelnden Frau geweckt wurde, als sie angeblich dabei war, eine Essensbestellung aufzugeben.

 

Ist Schlafwandeln erblich?

Tatsächlich gehen viele Wissenschaftler heute von einer zumindest erblich bedingten Wahrscheinlichkeit aus, zum Schlafwandler zu werden. Die Kinder der ein bis zwei Millionen Erwachsenen in Deutschland, die von irgendeiner Form des Somnambulismus betroffen sind, besitzen ein zehnmal höheres Risiko, selbst zum Schlafwandler zu werden als die, deren Eltern nachts nicht wandeln.

 

Sollte man Schlafwandler aufwecken?

Schlafwandler schlafen sehr tief und sind deshalb schwer zu wecken. Weckt man dennoch einen nächtlichen Wanderer, reagiert er nicht selten verwirrt, verängstigt oder sogar aggressiv. Schlafforscher raten deswegen davon ab, sie aufzuwecken. Besser ist es, Schlafwandler mit sanftem Druck ins Bett zu steuern. In der Regel kehren die nächtlichen Ausreißer ohnehin von selbst zurück.

 

Sind Schlafwandler mondsüchtig?

Immer wieder gibt es Berichte darüber, dass sich Schlafwandler auf beinahe unheimliche Weise von Lichtquellen – wie zum Beispiel dem Mond – angezogen fühlen. Und tatsächlich neigen Menschen, die im Schlaf wandeln, dazu, sich in Richtung des Lichts zu bewegen. Das muss nicht unbedingt der Mond sein, doch ist anzunehmen, dass dieser Mythos aus einer Zeit stammt, als menschliche Wohnorte nachts noch nicht mit künstlichem Licht – wie durch Straßenlaternen, Zimmerlampen oder Scheinwerfer – erhellt waren, sodass der Mond der hellste Bezugspunkt war.

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Schlafwandler werden auch als Mondsüchtige bezeichnet. Hintergrund ist, dass sich Menschen, die nachts schlafwandeln, tatsächlich von Lichtquellen angezogen fühlen© Corbis

Die Hintergründe sind nicht abschließend geklärt. Vermutet wird aber, dass der Schlafwandler – oder besser gesagt: die partiell genutzten Gehirnregionen des Schlafwandlers – mangels bewusster Orientierung nach optisch sich aufdrängenden Fixpunkten sucht, an denen er sich orientieren kann. Dem Licht zu folgen, ist so gesehen die einfachste Art, irgendwohin zu gehen, wenn man nicht weiß, wohin man geht.

 

Ist Schlafwandeln ungesund?

Aus medizinischer Sicht ist das eigentliche Schlafwandeln gesundheitlich nicht bedenklich. Doch gibt es vor allem indirekte Risiken des Somnambulismus. Denn entgegen der weitläufigen Behauptung verfügen Schlafwandler nicht über die sprichwörtliche „schlafwandlerische Sicherheit“. Etwas im Schlaf zu tun, das man sonst bei Bewusstsein tut, ist meistens relativ unsicher. Die motorische Koordination und das Gleichgewicht ist bei einem nachts wandelnden Menschen schlechter ausgeprägt als bei wachen Personen. Oft – aber nicht immer – ist zum Beispiel Schlafenden nicht möglich, Personen oder Gegenständen auszuweichen. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass sich Schlafwandler überwiegend geradeaus bewegen wollen. Stürze sind deswegen beinahe vorprogrammiert und damit eine große Verletzungsgefahr. Ein besonders kurioses Beispiel indirekter Gefahren betrifft einen elfjährigen Schlafwandler aus Illinois in den USA. Der schlafwandelnde Junge kletterte nachts aus dem Fenster seines Kinderzimmers, lief zu einem nahegelegenen Bahnhof, krabbelte dort in den Wagon eines Güterzuges und erwachte erst 160 Kilometer entfernt von seinem Elternhaus.

Eine weitere indirekte Gefahr ergibt sich aus Appetit-Anfällen, die manchmal zusammen mit dem Schlafwandeln auftreten. Dabei entwickeln die Betroffenen großen Hunger und essen beinahe wahllos alles, was sie in die Finger bekommen. Doch verspeisen Schlafwandler nicht immer nur Essbares. Fälle, bei denen Bücher mit Messer und Gabel oder Schokolade mitsamt der Verpackung verspeist wurden, sind überliefert. Allen Appetit-Anfällen gleich ist die Tatsache, dass am Morgen danach keine Erinnerungen an sie vorhanden sind.

Schlafwandeln hinterfragt
Ein nicht seltener Nebeneffekt des Schlafwandelns sind nächtliche Appetit-Anfälle. Betroffene streifen dann umher und verspeisen wahllos alles, was sie in die Finger bekommen – manchmal auch Dinge, die nicht essbar sind© Corbis

Schlafforscher sprechen auch davon, dass das Schlafwandeln bei Erwachsenen oft ein Anzeichen für verborgene Krankheiten sein könne. Das bezieht sich auf psychische Leiden – wie verdrängte Traumata oder starker emotionaler Stress – ebenso wie auf körperliche Erkrankungen – beispielsweise Epilepsie. Ärzte raten deswegen, sich bei gehäuftem Auftreten von nächtlichen Wanderungen umgehend medizinischen Rat einzuholen.

 

Begehen Schlafwandler Verbrechen?

In vielen Filmen begehen schlafwandelnde Menschen grausame Verbrechen, ohne es zu merken. Und tatsächlich belegen Studien, dass vor allem Menschen, die sich während einer Traumphase einer Gefahr oder einem Angriff ausgesetzt sehen, zu aggressiven Verhalten neigen können.

Berühmt wurde der Fall von Brian Thomas, der im Jahre 2009 im Schlaf seine Ehefrau im gemeinsamen Wohnmobil erwürgte. Thomas erwachte am nächsten Morgen, fand seine tote Frau und konnte sich an nichts erinnern. Nachdem er die Polizei gerufen hatte, stellte sich schließlich heraus, dass der häufig schlafwandelnde Mann nachts zum Mörder geworden war, ohne das zu wollen – weswegen er von einem Richter schließlich freigesprochen wurde.

Hamburg, 13. Juni 2014

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