Mediziner entdecken die wahre Ursache von Ess-Störungen

Forscher entdecken wahre Ursache von Essstörungen
Anders als bisher vermutet sind Essstörungen offenbar kein psychisches Phänomen, sondern eine fehlgeleitete Immunreaktion des Körpers © Fotolia

Jeder fünfte Deutsche leidet aktuellen Schätzungen zufolge an irgendeiner Form der Essstörung – dennoch sind die genauen Auslöser trotz tausender Studien in den letzten Jahrzehnten medizinisch umstritten. Doch jetzt haben französische Forscher eine biologische Ursache gefunden, die bisher noch unbekannt war. Die Entdeckung zeigt, dass Essstörungen in der Vergangenheit möglicherweise nicht nur falsch behandelt worden sind, sondern auch, wie sie in Zukunft mit einem Antibiotikum geheilt werden könnten.

Essstörungen – wie z.B. Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating (Esssucht) gelten in der Medizin normalerweise als psychosomatische Erkrankungen und werden in der Regel mithilfe von psychotherapeutischen Maßnahmen behandelt. Forscher der Universität Rouen behaupten nun in einer aktuellen Studie, dass diese Herangehensweise falsch sei. Die Mediziner fanden einen bisher unbekannten mikrobiellen Fehler im Hormonhaushalt der Betroffenen, der für Essstörungen ursächlich ist – und einen Weg diesen Fehler zu korrigieren.

 

Die hormonelle „Darm-Gehirn-Achse“

Für die Studie untersuchten die Forscher die hormonellen und mikrobiellen Beziehungen zwischen Gehirn und Darm – also im Grunde die Appetit-Regulation des Menschen.

Dabei stießen die Forscher auf ein Protein (ClpB), das in seiner Struktur auffälligweise dem sogenannten Sättigungshormon (Melanotropin) ähnelte. Die strukturelle Ähnlichkeit war so groß, dass die Forscher in der Studie sogar mit Blick auf das ClpB-Protein von einem "Nachahmer des Hauptsättigungshormons" schrieben. 

 

Protein tarnte sich lange erfolgreich

Ob dieses Nachahmer-Protein solange unentdeckt blieb, weil es dem prominenten Melanotropin so ähnlich sieht, lässt sich schwer sagen. Fest steht aber, dass es von einem bestimmten Bakterium – Escherichia Coli – produziert wird, das in der Darmflora natürlich vorkommt.

Die Forscher schauten sich dieses Protein genauer an und stellten fest, dass es für eine Immunantwort des Körpers verantwortlich ist. In anderen Worten: Wenn das bakterielle Protein im Darm freigesetzt wird, reagiert unser Abwehrsystem, indem es Antikörper produziert.

 

Fatale Verwechslung

Die Immunreaktion des Körpers auf das bakterielle Protein der Escherichia-Coli-Bakterien ist äußerst problematisch für die hormonelle Steuerung des menschlichen Essverhaltens – weil es dabei zu einer fatalen Verwechslung kommt. Tatsächlich reagieren die Antigene nicht nur auf das bakterielle (Nachahmer-)Protein, sondern auch irrtümlicherweise auf das sehr ähnliche Hauptsättigungshormon im Darm.

Das hat zur Folge, dass die empfindliche Regulation der chemischen Meldungen – vom Darm an das Gehirn – hinsichtlich der aktuellen „Sättigungs-Lage“ durch die Antikörper gestört werden. Je nach Art und Intensität der Störung durch die fälschlicherweise auf das Hauptsättigungshormon angesetzten Antikörper, wird dem Gehirn entweder ein „Sättigungsdefizit“ (führt z.B. zu Bulimie oder Binge Eating) oder eine Sättigung (führt z.B. zu Anorexie) gemeldet – ohne dass diese Informationen im Zusammenhang mit dem tatsächlichen Sättigungszustand stehen.

Neben diesem hormonellen Verwirreffekt, den das bakterielle ClpB-Protein auslöst – und der dazu führt, dass dem Gehirn falsche Informationen zur Sättigung des Körpers gemeldet werden – fanden die Forscher heraus, dass das "Nachahmer-Protein" auch eine eigene appetithemmende Wirkung besitzt.

 

Maus-Mensch-Studie bestätigte den Verdacht

Für die Studie entnahmen die Forscher Blutplasma von 60 Probanden mit verschiedenen, diagnostizierten Essstörungen. Dabei stellte sich heraus, dass es einen starken Zusammenhang zwischen der Konzentration des ClpB-Proteins im Blut und dem Grad einer Essstörung gibt. Im Grunde erwies sich die Theorie als richtig – so erklären die Mediziner: Je höher der Spiegel des Proteins im Blut, desto stärker ausgeprägt ist eine Essstörung.

In einem gleichzeitig durchgeführten Mäuse-Versuch erhöhten die Forscher die ClpB-Protein-Konzentration künstlich im Blut der Tiere. Wie erwartet stellten sich kurz darauf unterschiedlich stark ausgeprägte Essstörungen bei den Mäusen ein – je nachdem wie hoch der Spiegel war.

 

Neue Therapieansätze gegen Essstörungen

Aufgrund der durch die  Studien gewonnenen Zusammenhänge zwischen dem bakteriellen ClpB-Protein und der chemischen Regulation des Sättigungsgefühls, ergeben sich nun völlig neue Therapieansätze für Essstörungen.

Da es sich bei einer Essstörung offensichtlich nicht allein um eine psychische Störung, sondern um eine körperliche Erkrankung handelt, soll zunächst ein spezieller Bluttest entwickelt werden, mit dem die Menge des bakteriellen Proteins und dem damit verbundenen Grad der Essstörung bestimmt werden kann.

Die Forscher erklären: „Nach unseren Beobachtungen, wäre es in der Tat möglich, dieses bakterielle Protein mit spezialisierten Antikörpern zu neutralisieren, ohne dabei die Funktion des Sättigungshormons zu beeinträchtigen." In anderen Worten: Man würde mit einem eigens entwickelten Antibiotikum der fehlgeleiteten Immunreaktion des Körpers zuvor kommen und so die Essstörung medikamentös behandeln können.

Hamburg, 9. Oktober 2014

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