Medikamentenvergiftung: Wie viel ist zu viel?

Redaktion PraxisVITA

Experten warnen: Auch frei verkäufliche Arzneien können eine Medikamentenvergiftungen auslösen. Im großen Wirkstoff-Check stellen wir die gängigsten Medikamente auf den Prüfstand.

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Es ist so einfach: Man geht in die Apotheke und deckt sich mit rezeptfreien Medikamenten ein. So kann man fast jedes Wehwehchen mit der eigenen Hausapotheke behandeln. Das Problem: Viele Apothekenkunden unterschätzen die Gefahr jener Wirkstoffe, die rezeptfrei erhältlich sind. Etwa 30.000 davon gibt es in Deutschland. In der Regel besteht nur eine geringe Gefahr einer Medikamenten Vergiftung – doch Ausnahmen gibt es ausgerechnet bei den bekannten und stark nachgefragten Präparaten.

 

Paracetamol-Überdosis: So gefährlich ist das Schmerzmittel

Besonders gefährlich kann Paracetamol werden. Der Wirkstoff, der seit den 1950er-Jahren in Schmerzmitteln verkauft wird, bekäme heute nach Meinung vieler Experten gar keine Zulassung mehr. Die empfohlene Dosis für Erwachsene liegt bei 2.000 bis 4.000 Milligramm pro Tag. Doch die Nebenwirkungen sind beträchtlich: Neben erhöhtem Blutdruck und Leberschäden kann es zu Herzinfarkten und Hirnschäden kommen. Eine Paracetamolvergiftung führt häufig zum Tod (tödlich sind Einzeldosen ab 7,5 Gramm).

Warum gibt es diese Medikamente dann trotz nachgewiesener Risiken in jeder Apotheke? „Sie sind einfach sehr beliebt. Auf die Markennamen vertrauen Schmerzmittelkonsumenten schon seit Generationen“, weiß Experte Prof. Dr. Thomas Hohlfeld. Doch gerade in dieser Vertrautheit liegt die Gefahr. Will man zum Beispiel schnell eine Erkältung loswerden, verlassen sich viele Patienten auf den Grundsatz „viel hilft viel“: So kann es schnell zu einer Medikamentenvergiftung kommen.

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Tödliche Medikamente: Auf die Dosis kommt es an

Arzneimittelstudien werden in der Regel nur mit Erwachsenen durchgeführt – und zwar an solchen im mittleren Alter und mit etwa 70 Kilogramm Körpergewicht. Doch welche Dosis ist etwa für Kinder und ältere Menschen die richtige? Für viele Arzneiwirkstoffe werden Überdosen erst bekannt durch konkrete Notfälle, wie sie etwa Giftnotzentralen dokumentieren.

Zudem ist der Grad einer Überdosierung auch abhängig von der jeweiligen Konstitution eines Patienten – bestehen zum Beispiel Lebervorschädigungen oder Überempfindlichkeiten gegen bestimmte Wirkstoffe, liegt die gefährliche Dosis niedriger. Jeder Patient sollte also ganz genau auf die Menge achten, die er von einer Arznei zu sich nimmt, und bei Symptomen einer Überdosierung umgehend medizinische Hilfe suchen. Auch wenn das eingenommene Medikament „nur“ ein Hustensaft ist.

 

Der große Wirkstoff-Check

Wir stellen Ihnen die gängigsten Wirkstoffe vor, die in der Apotheke frei verkäuflich oder auf Rezept erhältlich sind. Die Dosierungsangaben beziehen sich bei einigen Wirkstoffen auf die absolute Tagesdosis oder die Dosis – besonders bei Kindern – pro Kilogramm Körpergewicht. Bitte beachten: Die Tagesdosis bezieht sich auf die Menge eines Wirkstoffs, die innerhalb von 24 Stunden (nicht etwa nur von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang) genommen werden sollte.

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Acetylsalicylsäure (Ass) | Bisoprolol | Dextromethorphan | Dimenhydrinat | Dimetindenmaleat | Doxylamin | Ibuprofen | Phenoxymethylpenicillin (Penicillin V) | Simvastatin | Xylometazolin

 

Acetylsalicylsäure (Ass): Wie gefährlich ist eine Aspirin-Überdosis?

Die sogenannte Acetylsalicylsäure (Ass) ist ein schmerzstillender, fiebersenkender und blutverdünnender Wirkstoff, der seit Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Namen Aspirin vermarktet wird und eines der weltweit beliebtesten Kopfschmerzmittel ist. Der Wirkstoff ASS wird aus dem Saft der Weidenrinde gewonnen.

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: maximal 4 g/Tag
  • Kind: Bei Kindern sollte ASS nur auf ärztliche Anweisung angewendet werden

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: ab 10 g
  • Einzeldosis Kind: ab 75-100 mg/kg Körpergewicht
  • tödlich: ab 400 mg/kg Körpergewicht

Das passiert bei einer Aspirin-Überdosierung:

Der sogenannte Salicylismus tritt ein: Es kommt zu einer Störung der Zellatmung. Symptome: Hyperventilation, daraus folgender Verlust von CO2 führt zu einem Anstieg des Blut-pH-Wertes, Dehydratation, Unruhe, Übelkeit, Verwirrtheit, Tinnitus, Schwindel. Bei sehr hohen Dosen: Nierenversagen, Lungenödem, Koma.

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Zu viel Ibuprofen: Was passiert bei einer Ibuprofen-Überdosierung?

Ibuprofen ist ein Schmerzmittel, das auch entzündungshemmend und fiebersenkend wirkt.

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: 200-800 mg/Tag, maximal 1,2 g täglich, entspricht drei 400-mg-Tabletten
  • Kind: 20-30 mg/kg Körpergewicht am Tag

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: ab 1.200 mg täglich
  • Kind: ab 30 mg/kg Körpergewicht

Das passiert bei einer Ibuprofen-Überdosierung:

Binnen 45 Minuten bis 2 Stunden: Bewusstseinstrübung, Benommenheit bis hin zum Koma; kurze Unruhe, Schwindel, Tinnitus, Krampfanfälle. Weitere Nebenwirkungen: Bauchschmerzen, Erbrechen, flache Atmung, Hyperthermie, Stoffwechselübersäuerung.

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Phenoxymethylpenicillin (Penicillin V): Ab wann wird es schädlich?

Phenoxymethylpenicillin ist ein verschreibungspflichtiges Antibiotikum, das gegen bakterielle Infektionen wirkt.

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: 3-4 x täglich jeweils 295-885 mg
  • Kind: 8-12 Jahre (über 30 kg Körpergewicht) 708-1416 mg/Tag

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: unbekannt
  • Kind: unbekannt

Das passiert bei einer Phenoxymethylpenicillin-Überdosierung:

Generell gilt die Toxizität von Phenoxymethylpenicillin als sehr gering. Aus dem Beipackzettel: „Bei oraler Verabreichung ist es praktisch unmöglich, Konzentrationen zu erreichen, die zur Auslösung neurotoxischer Symptome führen.“ Solche Symptome könnten Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall sein.

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Simvastatin: Ab wann sind Statine gefährlich?

Der Wirkstoff Simvastatin gehört zur Gruppe der Statine, die den Cholesterinwert im Blut senken sollen. Zudem soll er das Herzinfarktrisiko verringern und Schlaganfällen sowie Gefäßverschlüssen vorbeugen.

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: 25-80 mg/Tag.
  • Kind: ab 10 Jahren: 1 x täglich 5 mg (meist stationär)

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: mehr als 80 mg pro Tag
  • Kind: keine Angabe

Das passiert bei einer Simvastatin-Überdosierung:

Krankhafte Veränderung der Muskulatur, Leberfunktionsstörungen, Schlaganfall, Herzinfarkt. Wichtig zu wissen: Der regelmäßige Genuss von Grapefruitsaft sollte während der Therapie mit Simvastatin vermieden werden. Vorsicht auch bei Kombination mit bestimmten Antibiotika und anderen Fettsenkern.

 

Bisoprolol: Wie äußert sich eine Betablocker-Überdosierung?

Bisoprolol gehört zur Gruppe der Betablocker (Beta-Rezeptoren-Blocker). Der Wirkstoff wird bei Bluthochdruck und chronischer Herzschwäche eingesetzt.

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: 2,5-10 mg/Tag
  • Kind: nicht empfohlen, da keine Therapieerfahrung

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: 20-550 mg/Tag
  • Kind: ab 5 mg (etwa durch versehentliches Verschlucken)

Das passiert bei einer Bisoprolol-Überdosierung:

Starker Blutdruckabfall, ein verlangsamter Herzschlag, Herzmuskelschwäche sowie ein kardiogener Schock. Zudem können Bewusstseinsstörungen, Atembeschwerden sowie Übelkeit und Krampfanfälle auftreten. 

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Ist eine Dimenhydrinat-Überdosis gefährlich? 

Der Wirkstoff Dimenhydrinat ist in vielen Mitteln gegen Übelkeit bzw. Reiseübelkeit enthalten (z. B. Vomex).

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: Einzeldosis: 50-100 mg; Retardformen bis 150 mg, Tagesmaximaldosis: 400 mg
  • Kind: (7-12 Jahre) Einzeldosis 25-50 mg; Tageshöchstdosis 150 mg

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: Einzeldosis ab 400 mg
  • Kind: ab 3 mg/kg Körpergewicht

Das passiert bei einer Dimenhydrinat-Überdosierung:

Bewusstseinstrübung, starke Schläfrigkeit bis zur Bewusstlosigkeit, Sehstörungen, Tachykardie, Hyperthermie, heiße, gerötete Haut und trockene Schleimhäute, Unruhe, Angst- und Erregungszustände, gesteigerte Muskelreflexe und Halluzinationen.

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Dimetindenmaleat: Kann man zu viel Fenistil einnehmen?

Dimetindenmaleat (auch Dimetinden genannt) ist ein antiallergischer Wirkstoff aus der Gruppe der Antihistaminika. Er wird zur Behandlung allergischer Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Nesselfieber eingesetzt (z. B. Fenistil-Kapseln oder Tropfen).

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: 3 x 2 mg/Tag
  • Kind: (ab 3 Jahren) 3 x 1 mg pro Tag

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: Genaue Überdosis unklar; Daten bislang nur aus Tier versuchen bekannt
  • Kind: ca. 0,2-2 mg pro kg (versehentliches Verschlucken)

Das passiert bei einer Fenistil-Überdosierung:

Es kann zu starker Schläfrigkeit, Halluzinationen, Spasmen, Mundtrockenheit und Fieber, in schweren Fällen auch zum Koma kommen.

 

Dextromethorphan: Was passiert bei einer Überdosierung?

Dieser Arzneistoff wirkt direkt auf das Nervensystem und wird vornehmlich als Hustenstiller eingesetzt. Er wird in Medikamenten sowohl als alleiniger Bestandteil als auch als Teil von Kombipräparaten rezeptfrei verkauft (z. B. Wick MediNait).

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: 3-4 x täglich 30 mg
  • Kind: Kombi-Präparate wie Wick MediNait sind für Kinder unter 16 Jahren nicht empfehlenswert. Alternativ: Rhinotussal-Saft: 2 x 10 ml tägl. (6-12 Jahre)

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: ab ca. 100 mg Einzeldosis
  • Kind: ab 30 ml Rhinotussal-Saft

Das passiert bei einer Dextromethorphan-Überdosierung:

Müdigkeit, Schläfrigkeit, Atemdepression, schneller Herzschlag, Bluthochdruck, Sehstörungen, Nystagmus, Ataxie, Krämpfe, Erregbarkeit, Verwirrtheit, Sinnesstörungen, Halluzinationen, Psychosen und Koma.

 

Doxylamin: Wie gefährlich ist eine Hoggar-Night-Überdosis?

Doxylamin wirkt zugleich stark beruhigend und gegen Allergien. Als Kurzzeittherapie wird der Wirkstoff in frei verkäuflichen Schlafmitteln (z. B. Hoggar Night) angeboten.

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: 25-50 mg/Tag
  • Kind: nicht empfohlen

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: 15 mg/kg Körpergewicht
  • Kind: 2 mg/kg Körpergewicht

Das passiert bei einer Doxylamin-Überdosierung:

Unruhe, gesteigerte Muskelreflexe, Bewusstlosigkeit, Depression der Atmung sowie Herz-Kreislauf-Stillstand, erweiterte Pupillen, Fieber.

 

Xylometazolin: Ist zu viel Nasenspray schädlich?

Der Wirkstoff Xylometazolin wird zum Abschwellen der Nasenschleimhaut eingesetzt. Er ist in vielen gängigen abschwellenden Nasensprays und Nasentropfen enthalten und wirkt, indem er die Blutgefäße in der Nase verengt.

Empfohlene Dosis:

  • Erwachsener: 3 x täglich 1 Sprühstoß je Nasenöffnung
  • Kind: Ab 6 J.: 2-3 x täglich 1 Sprühstoß je Nasenöffnung; Experten empfehlen die Anwendung erst ab 12 Jahren

Toxische Dosis:

  • Erwachsener: längere Anwendung ab 5-7 Tage - Gefahr der Abhängigkeit; Verschlucken von 0,1-0,2 mg/kg Körpergewicht/Tag
  • Kind: Verschlucken von 0,1-0,2 mg/kg Körpergewicht/Tag

Das passiert bei einer Xylometazolin-Überdosierung:

Erbrechen, Blässe, unregelmäßiger Herzschlag, Atemstillstand. Wichtig: Nicht länger als 5-7 Tage verwenden. Ansonsten drohen Abhängigkeit und der Verlust des Riechvermögens sowie ein eingeschränkter Geschmackssinn.

Bei jedem Anzeichen einer Medikamentenvergiftung sollten Betroffene sofort einen Arzt aufsuchen, damit schwerwiegenden Nebenwirkungen unter Umständen noch entgegengewirkt werden kann.

Unser Experte

Prof. Dr. Thomas Hohlfeld ist stellvertretender Direktor des Instituts für Pharmakologie und Klinische Pharmakologie an der Uniklinik Düsseldorf.

 

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