Medikamente – sollte die Dosis im Alter gesenkt werden?

Medikamentendosierung bei Senioren
Im Alter wirken Medikamente anders und Nebenwirkungen fallen stärker aus. Experten plädieren darum dafür, bei einigen Mitteln im Alter die Dosis herabzusetzen. Doch nur wenige Ärzte halten sich daran © Fotolia

Älteren Patienten mit Diabetes oder Bluthochdruck kann es Vorteile bringen, die Medikamentendosis herabzusetzen – darauf wiesen in den vergangenen Jahren mehrere Studien hin. In einem wissenschaftlichen Artikel bemängeln US-Forscher nun, dass dies zu wenig getan werde.

Der Körper verändert sich mit dem Alter und damit auch seine Bedürfnisse. Darum sollte das Alter auch bei der Dosierung von Medikamenten eine Rolle spielen – darauf weisen Wissenschaftler der Universität Ann Arbor in Michigan in ihrer aktuellen Studie hin. Das Forscherteam analysierte die Medikamentendosierungen bei mehr als 200.000 US-Patienten mit Bluthochdruck und Diabetes.

 

Medikamentendosis kann im Alter verringert werden

Der Grund ihrer Untersuchung: Mehrere Studien hatten in den vergangenen Jahren darauf hingewiesen, dass bei Patienten über 70 Blutdruck- und Blutzuckerwerte nicht mehr so streng eingestellt werden müssen und dass es ihnen sogar Vorteile bringen kann, wenn die Medikamentendosis im Alter herabgesetzt wird. Demnach muss der HbA1c-Wert, der die Blutzuckereinstellung beschreibt, im Alter nicht wie bei jüngeren Menschen unter 6,5 Prozent liegen – auch ein Wert zwischen 7,5 und 8 Prozent ist in Ordnung.

Bei Bluthochdruckpatienten über 70 ist ein systolischer Blutdruck von 150 maximal mmHg als Richtwert sinnvoll. Bei Jüngeren wird dagegen ein Wert von unter 140 mmHg angestrebt.

Hauptargument für die Herabsetzung der Dosierung im Alter sind die Nebenwirkungen der Medikamente, die im Alter stärker ausfallen können. Eine zu starke Absenkung des HbA1c-Wertes etwa kann für ältere Diabetiker gefährliche Folgen wie eine Unterzuckerung haben. „Die Gefahr einer Unterzuckerung ist im Alter erhöht, auch weil weniger und unregelmäßig gegessen wird“, sagt Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Joost, wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung und Diabetes-Experte. Und schon eine leichte Unterzuckerung kann zu Schwindel führen, der wiederum das Sturz-Risiko erhöht. Unterzuckerungen fördern darüberhinaus die Entstehung von Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkten. Auch bei älteren Bluthochdruck-Patienten kann eine Übermedikation zu Beschwerden führen und beispielsweise Schwindel, Schwächeanfälle oder Verwirrung auslösen.

 

Patienten mit extrem niedrigen Werten

Studienleiter Jeremy Sussman und sein Team überprüften, ob die neuen Empfehlungen in der Praxis umgesetzt werden. Dabei stellten sie fest, dass dies nur bei 27 Prozent der analysierten Patientenakten der Fall war – obwohl es laut der Studienleiter bei mehr als der Hälfte angeraten gewesen wäre. Selbst Patienten mit extrem niedrigen Werten bekamen demnach weiterhin ihre ursprüngliche Medikamentendosierung. So hatten mehr als die Hälfte der Bluthochdruckpatienten einen systolischen Blutdruck zwischen 120 und 129, einige sogar darunter.

Diese Ergebnisse sind laut den Studienleitern vor allem auf Ängste der Ärzte zurückzuführen, ihren Patienten mit einer Herabsetzung der Dosierung zu schaden. Doch diese Ängste sind nicht immer berechtigt, betonen die Experten. Denn viele Folgeschäden etwa von zu hohen Blutzuckerwerten setzen erst nach Jahrzehnten ein – sie sind darum eher für jüngere Patienten ein Thema.

 

Wie lautet die Empfehlung für den einzelnen Patienten?

Doch das alles bedeutet nicht, dass bei jedem Patienten ab einem gewissen Alter die Medikamentendosierung herabgesetzt werden sollte, sagt Prof. Joost: „Grundsätzlich gilt, dass für jeden Patienten die optimale Dosis individuell ermittelt werden muss, Alter ist ein Kriterium unter mehreren.“

Hamburg, 27. Oktober 2015

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