Medikamente gegen Corona: Diese Wirkstoffe haben eine Chance

Susanne Petersen Medizinredakteurin

Medikamente gegen Corona sind neben der Intensivmedizin oft die einzige Möglichkeit Todesfälle zu verhindern. Ein COVID-19-Wundermittel gibt es bisher nicht, Wissenschaftler dämpfen die Hoffnung auf eine schnelle Entwicklung. Welche Medikamente gibt es eigentlich schon und welche Wirkstoffe haben eine Chance? Ein Überblick!

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Inhalt
  1. Corona-Medikament muss zum Stadium passen
  2. Welche Medikamenten-Gruppen gegen COVID stehen schon zur Verfügung?
  3. Antivirale Medikamente für frühe Phasen
  4. Wie Herz-Kreislauf-Medikamente bei COVID-19 helfen
  5. Immunmodulatoren hemmen den Zytokin-Sturm
  6. Wie Lungenfunktions-Medikamente schwere Corona-Verläufe mildern

Nicht nur Impfungen versprechen Hilfe beim Kampf gegen Sars-CoV-2, auch bereits bei anderen Erkrankungen bewährte Medikamente können Corona-Infizierten mit schweren Verläufen helfen. Zurzeit werden einige hundert Medikamente in verschiedenen Projekten erprobt. Die meisten sind als Arzneimittel schon gegen verschiedene Erkrankungen zugelassen. Denn eine Neuentwicklung ist langwierig, das Umfunktionieren („Repurposing“) geht deutlich schneller.

Die eine Wunderpille gegen Corona gibt es noch nicht, Wissenschaftler sind jedoch an deren Entwicklung dran. Weltweit laufen zahlreiche Studien in fortgeschritteneren Phasen. Doch ein baldiger Durchbruch ist laut Wissenschaftlern nicht in Sicht. So sagte Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gegenüber der Deutschen Presseagentur, dass man nicht sehr optimistisch sein dürfe, dass Arzneimittel in Kürze die Sterblichkeit bei intensivmedizinisch behandelten Patienten drastisch senken könnten.

Dennoch gibt es zahlreiche Medikamente, die aufgrund ihrer Wirkweise bei den verschiedenen Phasen von COVID-19 eingesetzt werden können. Ein Überblick.

Mehrere Tabletten vor einer umgekippten Aspirin-Dose
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Corona-Medikament muss zum Stadium passen

Eine COVID-19-Erkrankung durchläuft verschiedene Stadien. Diese definieren, welcher Wirkstoff wann am besten helfen kann und wann er kontraproduktiv wäre. Kurz nach der Ansteckung vermehrt sich das Virus im Körper solange, bis das Immunsystem der Betroffenen aktiv wird und den Erreger bekämpfen kann.

In dieser Phase machen vor allem antivirale Medikamente Sinn, die das Virus entweder an der Eintrittspforte (zum Beispiel der Nase) oder beim Eintritt in die Zelle behindern. Sie helfen, die Vermehrung des Virus zu verlangsamen oder gar zu stoppen.

Befindet sich der Patient bereits mit schweren Symptomen im Krankenhaus, etwa weil sein Immunsystem überschießt, darf ein solches Medikament nicht verabreicht werden. Dieses würde das Immunsystem zu zusätzlicher Aktivität treiben. Genauso tragen Medikamente zur Unterstützung der Lungenfunktion nicht in der Ansteckungsphase zur Senkung der Viruslast bei. Zudem hat jedes Medikamente Nebenwirkungen, eine Gabe muss daher immer genau überprüft werden.

 

Welche Medikamenten-Gruppen gegen COVID stehen schon zur Verfügung?

In Deutschland sind noch nicht genug Menschen geimpft, einen ausreichenden Schutz gibt es bisher nicht. Die Intensivbetten füllen sich in der 3. Welle zunehmend. Um Komplikationen und Todesfälle zu vermeiden, müssen in dieser Phase der Pandemie bestehende Medikamente eingesetzt werden. 

Hand mit Einmalhandschuhen hält zwei Tabletten
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Corona-Medikamente, die bereits zur Bekämpfung schwerer Komplikationen eingesetzt werden:

  • Antivirale Medikamente: Sie hemmen die Ausbreitung und Vermehrung des Virus im Organismus. Sie können das Auftreten von Symptomen mildern und im besten Fall verhindern.
  • Herz-Kreislauf-Medikamente: Sie verhindern Blutgerinnsel (Thrombosen), eine der häufigsten Komplikationen bei COVID-19.
  • Entzündungshemmer/Immunmodulatoren: Sie bremsen eine überschießende Abwehrreaktion des Immunsystems, die zu schweren Entzündungen und im schlimmsten Fall zum Multiorganversagen führt (Zytokin-Sturm).
  • Lungenfunktions-Medikamente: Sie verhindern, dass das Lungengewebe vernarbt und tragen so dazu bei, dass die Lunge weiterhin zum lebenswichtigen Gasaustausch fähig ist.
 

Antivirale Medikamente für frühe Phasen

Antivirale Medikamente helfen vor allem in einer frühen Phase der Erkrankung. Als einziges antivirales Mittel zur Behandlung von COVID-19 in einem frühen Stadium ist in Deutschland bisher Remdesivir zugelassen. Remdesivir wurde ursprünglich zur Bekämpfung von Ebola entwickelt und soll innerhalb der Zelle die Vermehrung des Virus verhindern. Es erhielt vorläufige Zulassungen in den USA, in Japan und in Europa. Etwa die Hälfte der in den USA stationär behandelten COVID-19-Patienten erhält Remdesivir.

Der Nutzen ist allerdings noch nicht belegt und wird derzeit untersucht. Auch Lopinavir und Ritonavir werden für die Behandlung in Erwägung gezogen. Sie werden vor allem bei HIV-Erkrankungen genutzt. 

Ein Arzt hält eine Flasche mit dem Remdesivir und eine Spritze in der Hand
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Weitere Wirkstoffe sind „Bamlanivimab“ und „Casirivimab/Imdevimab“, das sind sogenannte Antikörper-Medikamente, die die Spike-Proteine des Corona-Virus blockieren und eine Vermehrung verhindern. Die Bundesregierung hat diese beiden Medikamente im Januar bestellt. Sie werden in den kommenden Wochen verteilt und von Ärzten nach Abwägung von Nutzen und Risiken bei Patienten eingesetzt.

Der Verband der forschenden Pharmafirmen berichtet über zahlreiche Studien, die Antikörper-Wirkstoffe erproben. Bei den meisten geht es darum, die Viren vor Eindringen in die Zellen abzufangen. Sie basieren auf genetisch hergestellten antiviralen Antikörpern. Vorbild hierfür sind die Antikörper aus dem Blutplasma vormaliger Corona-Patienten.

Nasensprays und Antidepressiva sollen antiviral wirken

Auch der Einsatz von Nasensprays gegen Corona wird verstärkt geprüft. Denn sie könnten in der Lage sein, die Viren schon in den oberen Atemwegen abzufangen bevor sie die Lunge erreichen.

Bereits ab April soll in Großbritannien ein Nasenspray der australischen Biotechnologiefirma Starpharma erhältlich sein. Der Wirkstoff stoppte in Zellkulturen die Vermehrung von SARS-CoV-2. Klinische Studien gab es dazu jedoch nicht. 

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Wissenschaftler forschen in Phase-II-Studien außerdem an der Wirkung des Antidepressivums Fluvoxamin. In präklinischen Tests hatten diese festgestellt, dass Fluvoxamin die Zytokinproduktion senkt und damit das Überleben steigert. In ersten Studien mit COVID-19 Patienten zeigte der Wirkstoff einen positiven Effekt.

Sogar ein Mittel gegen Bandwürmer wurde im Labor der Berliner Charité auf seine Wirkung bei Corona untersucht. Niclosamid ist bekannt dafür, dass es die zelleigene Müllabfuhr (Autophagie) verstärkt. Bei SARS-CoV-2 ist diese gedrosselt. Bei den Versuchen konnte mit diesem Mittel die Virusvermehrung gesenkt werden. Die Therapie von Niclosamid wird mittlerweile in einer Studie an COVID-19-Patienten untersucht.

Auch die körpereigene Substanz Spermidin wie auch MK-2206, ein Wirkstoff gegen Brustkrebs, wirkten im Versuch ähnlich.

 

Wie Herz-Kreislauf-Medikamente bei COVID-19 helfen

Eine der häufigsten Komplikationen bei COVID-Erkankungen sind Blutgerinnsel (Thrombosen). Außerdem schädigt das Virus Herz, Nieren und andere Organe. Deshalb werden bereits jetzt eine Reihe zugelassener Herz-Kreislauf-Medikamente bei Erkrankten eingesetzt.

Bewährt haben sich gerinnungshemmende Heparine wie Enoxaparin, Tinzaparin und Bivalidurin. Ihr Einsatz erfordert keine spezielle COVID-Zulassung. Auch der Nutzen von Acetylsalicylsäure (ASS, Aspirin), die vor allem für die Vorbeugung von Herzinfarkten oder Schlaganfällen bekannt ist, wird in einer klinischen Studie für COVID-19-Patienten erprobt.

Sogenannte ACE-Hemmer (Blutdrucksenker) werden ebenfalls auf ihre Wirkung bei COVID-19 erprobt. So wird Ramipril bei stationären Patienten getestet. 

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Immunmodulatoren hemmen den Zytokin-Sturm

Dringen Erreger in den menschlichen Körper, wird das Immunsystem aktiv. Das ist nützlich, darf jedoch nicht so stark reagieren, dass gegenteilige Effekte auftreten. Eine überschießende Immunantwort bzw. Entzündungsreaktion ist mittlerweile als „Zytokin-Sturm“ bekannt. Dabei werden große Mengen an Botenstoffen freigesetzt, die zu Entzündungen in Organen wie der Lunge und im schlimmsten Fall zum Organversagen führen. In mehreren Projekten wird der Einsatz von Entzündungshemmern bzw. Immunmodulatoren geprüft.

Bereits zugelassen ist das Cortison-Präparat Dexamethason, das in Studien das Sterberisiko bei Corona-Patienten, die Sauerstoff benötigen oder beatmet werden müssen, um ein Fünftel bzw. ein Drittel senken konnte. Auch mit Hydrocortison und Methylprednisolon wurden in Studien Erfolge erzielt.

Ein besonderer Schwerpunkt bei den aktuell laufenden Studien liegt bei Wirkstoffen, die bereits bei rheumatischen Erkrankungen oder Schuppenflechte (Psoriasis) eingesetzt werden. Charakteristisch ist der hoch entzündliche Verlauf und damit die Wirkung entsprechender Medikamente auf eine Hemmung der Entzündungsreaktion. 

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So wird Adalimumab, das gegen Rheumatoide Arthritis eingesetzt wird, bei Patienten erprobt. Es wurde beobachtet, dass Patienten unter Dauertherapie mit Adalimumab bei einer SARS-CoV-2-Infektion mildere Krankheitsverläufe zeigten. Das Schweizer Unternehmen MetrioPharm entwickelt in einer Studie den Immunmodulator MP1032, der die Aktivierung von Makrophargen (Fresszellen des Immunsystems) bremsen soll.

Das Medikament Baricitinib, das bisher eine Zulassung für rheumatoide Arthritis hat, wird in Kombination mit Remdesivir bei schwer Erkrankten getestet. In den USA wurde die Kombinationstherapie zur Notfallanwendung bei COVID-Patienten zugelassen. Die Genesungszeit ließ sich deutlich verkürzen. Auch deutsche Kliniken sind an der Erprobung des Medikaments beteiligt.

Ebenfalls in der Testung sind Medikamente wie Colchicin, das bei Gichterkrankungen eingesetzt wird wie auch der Wirkstoff von Asthmasprays, Budosenin. Erste Ergebnisse sind vielversprechend. 

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Wie Lungenfunktions-Medikamente schwere Corona-Verläufe mildern

Eines der größten Probleme bei schweren COVID-19-Verläufen ist die Schädigung der Lunge. Oftmals entstehen Narben im Lungengewebe. Dies führt dazu, dass Patienten nicht mehr atmen können, weil der Sauerstoffaustausch nicht mehr richtig funktioniert.

Deswegen liegt ein Schwerpunkt in der medizinischen Forschung auf der Erprobung von Medikamenten gegen Lungenschädigungen. Diese könnten dafür sorgen, dass das Lungengewebe wieder ausheilen kann.

Der Wirkstoff Aviptadil des Unternehmens NeuroRx wurde in den USA an schwer erkrankten Patienten mit Symptomen des schweren Lungenversagens getestet. Die behandelten COVID-19-Patienten erholten sich schneller von den Atemwegssymptomen. Von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA erhielt der Wirkstoff bereits eine Notfallzulassung.

Auch das Projekt des deutschen Unternehmens Boehringer Ingelheim klingt vielversprechend. Das Medikament Nintedanib, das bei Vernarbung der Lunge (Fibrose) wirksam ist, wird bei COVID-Patienten gerade in einer Phase-III-Studie überprüft.

In den USA wurde darüber hinaus ein Beatmungsgerät zugelassen, dass die Atemnot bei Corona-Erkrankten durch die Beimengung von Stickstoffmonoxid lindert. Es sorgt für eine Weitung der Blutgefäße in den Lungen und zeigte schon während der SARS-Epidemie seine positive Wirkung.

Wissenschaftler scheinen sich einig zu sein, dass es in absehbarer Zeit keinen Durchbruch bei der Entwicklung des einen Wundermittels gegen COVID-19 geben wird. Dennoch zeigen die zahlreichen Medikamente gegen Corona, die bereits eingesetzt oder erprobt werden, dass sich einige Wirkstoffe positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. 

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Quellen:

Therapeutische Medikamente gegen die Virusinfektion COVID-19, in: vfa.de

Auf der Suche nach wirkungsvollen Medikamenten, in: deutschlandfunk.de

Corona-Medikamente, in: zdfheute.de

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