Medikament Kopfrechnen – Stresskiller, Antidepressivum und Nervenschützer

Phyllis Kuhn
Kopfrechnen-Training
Forscher fanden heraus, dass wir durch Kopfrechnen-Training langfristig und kurzfristig die Fähigkeit, emotionale Krisen durchzustehen, verbessern können © Alamy

Forscher aus den USA haben einen unerwarteten Zusammenhang zwischen Kopfrechnen und der Verarbeitung von Gefühlen in unserem Gehirn nachgewiesen.

Emotionen scheinen manchmal auf uns einzuprasseln, ohne, dass wir sie kontrollieren können. Wut, Trauer, Stress – für viele Menschen ist es besonders schwer, negative Gefühle im Griff zu haben. Eine Studie von Forschern aus den USA hat jetzt eine verblüffende Verbindung zwischen unserer Fähigkeit, Emotionen zu regulieren und der Art wie wir Kopfrechnen nachgewiesen. Dazu untersuchte die Forscher-Gruppe um den Neurowissenschaftler und Psychologie-Professor Ahmad Hariri von der Duke Universität in Durham, North Carolina mit einem bildgebenden Verfahren (MRT) die Gehirnaktivität von 186 Teilnehmern, während sie im Kopf Matheaufgaben lösten. Gleichzeitig ermittelten die Wissenschaftler die psychische Verfassung der Probanden und wie diese emotionale Bewältigungsstrategien anwendeten.

 

Weniger Angststörungen durch „12 x 3356“?

Dabei geriet vor allem ein Bereich des Gehirns in den Fokus: der dorsolaterale präfrontale Cortex. Dieser Bereich ist mit der Entwicklung von Depressionen und Angststörungen verbunden. Eine höhere Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Cortex scheint mit weniger Symptomen von Ängstlichkeit und Depression verbunden zu sein. Die Auswertung der MRT-Bilder brachte die überraschende Erkenntnis, dass auch beim Kopfrechnen eine erhöhte Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Cortex zu beobachten ist. Das heißt: Je aktiver der dorsolaterale präfrontale Cortex einer Person war, während sie im Kopf rechnete, desto eher war die Person in der Lage, ihre Gedanken an emotional komplizierte Situationen anzupassen. Eine höhere dorsolaterale präfrontale Aktivität schien zudem das Risiko zu minimieren, Angststörungen oder eine Depression zu entwickeln.

 

Durch Rechen-Training Krisen abwenden

Daraus leiten Experten die Erkenntnis ab, dass Kopfrechnen-Training langfristig und kurzfristig die Fähigkeit, emotionale Krisen durchzustehen, verbessern kann.

So wäre das Ausrechnen selbst gestellter Mathe-Aufgaben eine leicht anwendbare Strategie, um Emotionen zu regulieren. Beginnen Sie dafür mit der Addition von vierstelligen ganzen Zahlen. Erscheint Ihnen das zu einfach, erschweren Sie das Kopfrechnen und multiplizieren Sie Zahlen.

 

Was steckt dahinter?

Offenbar sind es ähnliche Muster, nach denen unser Gehirn vorgeht um Probleme – mathematisch und emotional – zu lösen. Wird einmal eine Strategie eintrainiert, um Situationen zu meistern, behält das Gehirn sie bei.

Ein ähnlicher Trick, emotionale Krisen durch eine andere Tätigkeit zu verhindern, wurde bereits in einer anderen Studie gezeigt. Soldaten, die im Einsatz traumatische Erlebnisse erleiden mussten, verringerten ihr Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln (PTBS), wenn sie kurz nach dem Erlebnis ausgiebig Tetris spielten. Offenbar prägten sich die Abläufe des Spiels so stark in die Gehirnstrukturen ein, dass die negativen Erlebnisse direkt „überschrieben“ wurden. Hier können Sie übrigens Tetris online kostenlos spielen.

Ob eine bessere Fähigkeit, seine Emotionen zu regulieren auch zu besseren Ergebnissen beim Kopfrechnen führt, konnten die Forscher leider nicht nachweisen.

Hamburg, 16. Oktober 2016

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