Masern gegen Krebs? Wie Forscher Viren nutzen, um Tumorzellen anzugreifen

Virus gegen Krebs
In einer klinischen Studie der Universität Tübingen wird getestet, ob Masern-Impfviren beim Kampf gegen Krebs eingesetzt werden können © Fotolia

Schon vor Jahren entdeckten Forscher zufällig, dass Virusinfektionen bei Krebspatienten Tumore und Metastasen reduzieren konnten. Diese verblüffende Eigenschaft der Viren wollen Forscher nun gezielt dazu nutzen, um Krebs zu bekämpfen. Versuche zeigen, dass auf diese Weise in Zukunft sogar Krebs-Impfungen möglich sein könnten. In klinischen Studien der Universität Tübingen werden nun Masern-Impfviren zur Krebsbekämpfung getestet. Erste Ergebnisse sind vielversprechend. Praxisvita.de fasst für Sie die aktuellen Erkenntnisse zusammen.

 

Virus vs. Krebs: Wie Masern-Impfviren Krebs bekämpfen

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es bald möglich sein könnte, Krebs mit dem gezielten Einsatz von Viren zu bekämpfen. Forscher der Universität Tübingen veröffentlichten nun Daten einer aktuellen Studie, bei der Masern-Impfviren gezielt dazu eingesetzt wurden, um Krebszellen zu zerstören. Erste Ergebnisse sind sehr vielversprechend und auch wenn das Verfahren nicht ganz neu ist, sehen nicht weniger Wissenschaftler in dieser Therapie eine Chance, Krebs zu heilen.

Das Verfahren klingt einfach. Masern-Impfviren werden so modifiziert, dass sie Krebszellen befallen. Innerhalb der Krebszellen vermehren sich die Viren schließlich solange, bis die Krebszelle zerstört ist. Die so freigesetzten Viren befallen weitere Krebszellen bis alle bekämpft sind. Mediziner nennen diesen Vorgang Onkolyse.

„Hier haben wir es mit einem einzigartigen therapeutischen Verstärkermechanismus oder auch Dominoeffekt zu tun“, sagt Professor Dr. Christian Buchholz vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen, der letztlich dazu führen könnte, Menschen von Krebs zu heilen.

 

Geheimwaffe Masern-Viren

Die Möglichkeit des Einsatzes von Viren gegen Krebszellen ist in der Forschung schon seit einigen Jahren Gegenstand von Studien, doch haben sich die neuen onkolytischen Erreger aus dem Stamm der Masern-Impfviren als besonders effektiv und kreativ bei der Bekämpfung von Krebs herausgestellt. Die Viren, die normaler Weise zweijährigen Kindern zur Impfung gegen Masern gespritzt werden, können sehr gezielt eingesetzt werden und verfügen über ein direktes Zerstörungspotential gegenüber Tumorzellen.

Wegen des enormen Zerstörungspotentials der modifizierten Viren war es den Forschern wichtig, die Erreger dahingehend zu optimieren, dass sie nur krebskranke Zellen befallen. Das Schwierige daran ist, dass Tumore in der Regel nicht aus einheitlichen Zellpopulationen bestehen. Mithilfe der zielsicher modifizierten Masern-Impfviren wurden nicht nur Verwechslungen mit gesunden Zellen vermieden, sondern auch alle Formen vorhandener Krebszellen erkannt. Die Forscher konnten nachweisen, dass das veränderte Virus auch in Zellgemischen tatsächlich nur tumorbefallene Zellen infizierten und zerstörten.

Erste Ergebnisse der klinischen Studien an Tieren zeigten nun, dass durch den zielgerichteten Masern-Impfvirus das Tumorwachstum deutlich reduziert und in einzelnen Fällen sogar komplett unterdrückt werden konnte.

 

Wie sicher sind die Krebs-Killer?

Ein wichtiger Grund, wieso gesunde Zellen von den injizierten Viren zerstört wurden, ist – nach Meinung der Forscher – die angeborene Immunität gesunder Zellen, die sie vor einem Angriff durch z.B. Masern-Impfviren schützt. In den Tumorzelltypen ist diese Immunität defekt, sodass die Viren sich in ihnen ungehindert vervielfältigen können. „Nach unserem gegenwärtigen Kenntnisstand gehen wir davon aus, dass die modifizierten Viren genauso sicher sind, wie die seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzte Impfung gegen Masern-Viren“, erklärte Prof. Buchholz.

 

Auch andere Viren beseitigen Krebs

Neben den Masern-Impfviren wurden an der Universität Tübingen auch andere Virenstämme erfolgreich in klinischen Studien zur Krebsbekämpfung eingesetzt. Seit April 2012 wurden z.B. Patienten, die an unheilbarem Bauchfellkrebs leiden, mit genetisch veränderten Pocken-Impfviren infiziert. Die Ergebnisse werden nach Abschluss des Versuchs publik gemacht.

Eine andere virologische Taktik gegen Krebs ist schon länger Gegenstand der Forschung: Der Kampf mit Schnupfenviren. Dabei werden Schnupfenviren gespritzt, die so bestimmte Gene in die Tumorzellen schleusen. Diese auf diese Weise erzeugten Eiweißverbindungen stimulieren das Immunsystem zu einer gezielten Abwehrreaktion gegen die Krebszellen, in denen sich die Gene verbergen. Die Folge: T-Zellen werden zum Tumor gelockt und zerstören die – von dem Virus und Krebs – befallenen Zellen. Die Tests brachten verblüffende Ergebnisse. Beinahe in allen Fällen verschwand der Krebs.

 

Gibt es bald die Krebs-Impfung?

Die neue Vor-Therapie bringt aber nicht nur die ursprünglichen Krebsgeschwülste vollständig zum Verschwinden, sondern auch Metastasen in anderen Körperregionen werden vernichtet. Das liegt nach Meinung der Forscher daran, dass die T-Zellen, die einmal zu den Tumorzellen gerufen wurden und sie schließlich attackiert haben, ab diesem Zeitpunkt auf diese ‚Ziele’ programmiert sind. Die körpereigenen Fresszellen erkennen die Tumorzellen wieder und vernichten sie. Wissenschaftler sprechen bei diesem Phänomen von einem T-Zell-Gedächtnis. Diese Memory-Funktion der T-Zellen hätte letztlich die Wirkung einer Impfung gegen alle bereits bekannten Krebszellen. Bei klinischen Tierversuchen bildete sich auch dann kein neuer Tumor, wenn einige Zeit nach der ursprünglichen Behandlung neue Tumorzellen gespritzt worden waren.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.