Männliches und weibliches Gehirn – ein Mythos?

Ein Mann und eine Frau stehen Stirn an Stirn
In einer aktuellen Studie untersuchte ein internationales Forscherteam, ob es „typisch weibliche“ und „typisch männliche“ Gehirne gibt © Fotolia

Seit Jahrzehnten gehen Wissenschaftler davon aus, dass männliche und weibliche Gehirne sich stark unterscheiden – doch das ist laut einer aktuellen internationalen Studie nicht der Fall.

Seit Jahrzehnten hält sich die Annahme in der Wissenschaft, Männer und Frauen hätten grundlegend unterschiedliche Gehirne. Diese Vermutung beruht unter anderem auf beobachteten Verhaltensunterschieden zwischen den Geschlechtern. Ein internationales Forscherteam um Daphna Joel von der Tel Aviv Universität entlarvt sie jetzt als Mythos: In Wirklichkeit ist jedes Gehirn ein Mosaik aus weiblichen und männlichen Merkmalen.

 

Gehirnscans ermöglichen keine Geschlechtsbestimmung

Die Grundannahme der Forscher: Wenn weibliche und männliche Gehirne unterschiedlich aufgebaut sind, müsste man anhand von Gehirnscans das Geschlecht eines Menschen bestimmen können.

Um diese Theorie zu überprüfen, analysierten die Forscher vier Datensätze von insgesamt mehr als 1.400 Probanden. Sie suchten nach Unterschieden im Volumen aller Hirnregionen, in der Dicke der Hirnrinde in den verschiedenen Bereichen sowie in der Anzahl der Verbindungen zwischen den Arealen.

„Unsere Studie zeigt, dass es zwar Geschlechterunterschiede in Gehirnstrukturen gibt – doch Gehirne lassen sich nicht einer typisch männlichen oder typisch weiblichen Kategorie zuordnen. Sie lassen sich auch nicht in einer männlich-weiblichen Skala einordnen“, schreiben die Forscher in dem Wissenschaftsmagazin PNAS.

 

Mix aus männlichen und weiblichen Merkmalen

Tatsächlich kommen einige Merkmale (wie die stärkere Ausprägung einer bestimmten Gehirnregion) häufiger in männlichen, andere häufiger in weiblichen Gehirnen vor. Doch fast alle untersuchten Gehirne bestanden aus einem individuellen Mix aus „weiblichen“ und „männlichen“ Eigenschaften.

In den unterschiedlichen Gruppen ließ sich nur bei jedem zweiten bis vierten Scan mindestens eine leichte Tendenz zu einem Geschlecht feststellen. Rein männliche oder rein weibliche Gehirne kamen fast gar nicht vor.

Diese Ergebnisse stellen eine weit verbreitete gesellschaftliche Annahme in Frage: ein typisch weibliches oder männliches Verhalten lässt sich demnach nicht auf die unterschiedlichen Gehirne der Geschlechter zurückführen. Das Fazit der Forscher: DAS weibliche oder männliche Gehirn gibt es nicht.

Hamburg, 2. Dezember 2015

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.