Macht Traurigkeit farbenblind?

Eine Frau sieht in den Regen hinaus
Die Welt ist grau, wenn man traurig ist – dass da etwas dran ist, zeigt eine aktuelle US-Studie © Fotolia

Für traurige Menschen ist die Welt tatsächlich ein bisschen grauer – denn sie können weniger Farben wahrnehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle US-amerikanische Studie.

Vorherige Studien hatten bereits gezeigt, dass Emotionen verschiedene visuelle Prozesse beeinflussen können – einige wiesen etwa auf einen Zusammenhang zwischen depressiven Verstimmungen und verringerter Kontrastwahrnehmung hin.

Das brachte Wissenschaftler um Christopher Thorstenson an der University of Rochester in New York auf die Idee, dass Traurigkeit sich ebenfalls auf die Farbwahrnehmung auswirken könnte.

 

Farbwahrnehmung – Experiment mit traurigen Probanden

Um ihre Theorie zu überprüfen, ließen die Wissenschaftler Probanden Filme ansehen: Während eine Hälfte einen traurigen Clip sah, schaute die andere einen lustigen.

Anschließend wurden den Probanden 48 aufeinanderfolgende Proben der Farben Rot, Gelb, Grün und Blau gezeigt, die sie bestimmen sollten.

Das Ergebnis: Probanden, die den traurigen Videoclip gesehen hatten, schnitten schlechter ab als Studienteilnehmer aus der anderen Gruppe. Allerdings erzielten sie nur bei Farbproben im blauen und gelben Spektrum schlechtere Ergebnisse, bei rot und grün waren ihre Zuordnungen genauso akkurat wie die der anderen Probanden.

Die Forscher führten daraufhin ein ähnliches Experiment mit 130 anderen Probanden durch. Wieder wurden sie in zwei Gruppen unterteilt. Während eine einen traurigen Film ansah, bekam die zweite einen neutralen Bildschirmschoner zu sehen. Das Ergebnis war das Gleiche: Wieder schnitten die traurig gestimmten Probanden bei der Bestimmung blauer und gelber Farbtöne schlechter ab.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Stimmung und Emotionen beeinflussen können, wie wir die Welt um uns sehen“, sagt Studienautor Christopher Thorstenson. „Diese Arbeit bringt die Wahrnehmungsforschung voran, indem sie zeigt, dass Traurigkeit spezifische visuelle Prozesse beeinträchtigt, die an der Farbwahrnehmung beteiligt sind.“

 

Dopaminmangel fördert Blau-Gelb-Schwäche

Die Forscher vermuten, dass der Botenstoff Dopamin mit der vorübergehenden Farbfehlsichtigkeit zu tun hat. Er ist hochkonzentriert in der Netzhaut enthalten und an der Farbwahrnehmung beteiligt. So wird bei Parkinson-Patienten häufig eine Blau-Gelb-Schwäche diagnostiziert (Schwierigkeit beim Unterscheiden von Blau und Gelb). Als Ursache dafür gilt der Dopaminmangel, an dem die Patienten leiden – denn bei Parkinson sterben Nervenzellen ab, die Dopamin herstellen.

Auch bei der Entstehung unserer Gemütslage spielt Dopamin eine entscheidende Rolle. Sie entsteht im Zusammenspiel verschiedener Hormone. Dopamin gilt als Botenstoff des Glücks: Wird viel Dopamin ausgeschüttet, fühlen wir uns glücklich – ein Abfall des Dopaminspiegels führt zu Traurigkeit.

Diese Erkenntnisse legen die Annahme nahe, dass die in der Studie beobachtete beeinträchtigte Farbwahrnehmung in trauriger Stimmung ebenfalls von einem Abfall des Dopaminspiegels verursacht wurde.

Die Wissenschaftler betonen jedoch, dass weitere Studien notwendig seien, um den Zusammenhang zwischen Emotionen und der Farbwahrnehmung vollständig zu ergründen.

Hamburg, 3. September 2015

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