Macht Personalmangel in KiTas Kinder krank?

kindergarten macht krank
Das sagt die Expertin Dr. Hess: "Aus meiner Sicht entscheidet die Gruppengröße mit über die Erkrankungshäufigkeit der Kinder. Je weniger Kinder in einer Gruppe sind, desto weniger Keimen sind die Kinder ausgesetzt" © Fotolia

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer aktuellen Studie dargelegt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Betreuer in Kindertagesstätten und der Gesundheit der dort betreuten Kinder gibt. Konkret reduziert das DIW die gewonnenen Erkenntnisse auf die Formel: Je weniger Betreuung, desto mehr kranke Kinder.

Aufgrund der vielen Nachfragen an unsere Redaktion zu der Studie des DIW, haben wir die fünf am häufigsten gestellten Leser-Fragen aufgegriffen und an unsere Expertin Dr. Nadine Hess – Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin – weitergeleitet. Lesen Sie weiter und erfahren Sie, ob ein zu niedriger Betreuungsschlüssel in Kindertagesstätten wirklich als Faktor für ein erhöhtes Krankheitsrisiko und Bildungsdefizit bei Kleinkindern in Frage kommt.

 

Das sagt die Expertin Dr. Nadine Hess

Kinderärztin Dr. Nadine Hess über Kita-Krankheiten
Im Interview: Kinderärztin Dr. Nadine Hess© privat

Können Sie als Kinderärztin ganz allgemein eine Verbindung sehen zwischen der Anzahl des Betreuungspersonals in Kindertagesstätten und der Häufigkeit von Krankheiten bei dort betreuten Kindern?

Aus meiner Sicht entscheidet vor allem die Gruppengröße mit über die Erkrankungshäufigkeit der Kinder. Je weniger Kinder in einer Gruppe sind, desto weniger Keimen sind die Kinder ausgesetzt oder anders gesagt: Mehr Kinder in einer Gruppe bringen auch mehr und unterschiedliche Krankheitserreger mit in den Kindergarten. Natürlich ist bei einem besseren Personalschlüssel in der Gruppe auch die Hygiene besser – z.B. weil mehr Zeit  bleibt die Kinder häufiger zum Händewaschen zu animieren. Ist ein Kind gesundheitlich angeschlagen, ermöglicht ein größeres Personal, dass das Kind über die Dauer der Erkrankung weniger direkten Kontakt zu anderen Kindern hat, um so Ansteckungen zu vermeiden.

Die Studie des DIW nennt als Grund für das besondere Krankheitsrisiko bei Kindern in Kindertagesstätten ebenfalls die erhöhte Ansteckungsgefahr in großen Gruppen. Inwiefern funktioniert diese Erklärung bei den in dieser Studie untersuchten Krankheiten wie Neurodermitis oder Mittelohrentzündung?

Bei der Neurodermitis denke ich, dass das erhöhte Erkrankungsrisiko durch mehrere Faktoren erklärbar ist. 1. Kann bei einem besseren Personalschlüssel mehr auf die erhöhte Pflegebedürftigkeit der Haut der von Neurodermitis betroffenen Kinder eingegangen werden – bei starker Ausprägung der Krankheit muss auch in der Kita mehrfach am Tag eingecremt werden. 2. Verschlimmert sich eine Neurodermitis in der Regel durch Infekte. Das bedeutet: je mehr Kinder, desto mehr Keime, desto mehr Infekte, desto schlimmer die Neurodermitis. 3. Spielt Stress für die jeweilige Ausprägung von Neurodermitis eine Rolle. Bei großen Gruppen mit wenig Betreuern entsteht für die Kinder mehr sozial bedingter Stress, der vom Personal nicht abgefangen werden kann, so dass dies ein Grund für eine verschlechterte oder gleichbleibend schwere Neurodermitis sein kann. Der Spruch, dass die Haut der Spiegel der Seele ist, trifft für viele Kinder mit Neurodermitis zu.

Bei der Mittelohrentzündung ist es ganz klar die Ansteckung durch die anderen Kinder. Das Verhältnis von: Je mehr Kinder, desto mehr Keime, trifft auch hier zu. Eine Mittelohrentzündung ist meist mit einem Infekt der oberen Luftwege – vor allem Schnupfen – verknüpft. Dadurch, dass die Verbindung zwischen Mittelohr und Nase – die sogenannte Eustachische Röhre, die für die Belüftung des Mittelohres sorgt – beim Kind kürzer und weniger steil ist, haben es Erreger aus der Nase leicht, ins Mittelohr vorzudringen und eine Entzündung auszulösen. Steckt sich also ein Kind bei einem anderen mit Schnupfen an, kann daraus eine Mittelohrentzündung werden. Nicht jedes Kind ist gleich anfällig dafür, es gibt auch Kinder, die nie eine Mittelohrentzündung bekommen und andererseits viele, die ganz häufig darunter leiden.

Aus Ihrer Sicht als Kinderärztin: Gibt es einen Betreuungsschlüssel für Kindertagesstätten, der aus medizinischer Sicht sinnvoll wäre?

Das ist schwer zu beantworten, da hier auch Faktoren außerhalb der Kitas von Bedeutung sind, wie z.B. Kinder mit Migrationshintergrund oder andere Gründe, die besondere Bedürfnisse einzelner Kinder und eine entsprechend besondere Betreuung erfordern. Aber sicherlich wäre ein Personalschlüssel von ungefähr einem Betreuer auf maximal drei Kinder optimal – jedoch auch kaum umsetzbar.

Inwieweit spielen andere, in der Studie nicht genannte Faktoren bei dem Zusammenhang von Gruppengröße beziehungsweise Betreuungsschlüssel in Kindertagesstätten und der Häufigkeit von Krankheiten bei Kleinkindern eine Rolle? Können nicht auch seelische Belastungen der Kinder – z.B. ausgelöst durch weniger individuelle Betreuung der Kinder in großen Gruppen aufgrund von Personalmangel oder gereiztem Personal in großen Gruppen – Ursachen für Krankheiten sein?

Natürlich stellen viele weitere Faktoren in den Gruppen Belastungen für Kleinkinder dar. Sind z.B. die Betreuer/innen gestresst, merken die Kinder das und reagieren entsprechend. Darüberhinaus steigt auch die Erkrankungsrate beim Personal, wenn die Gruppen größer werden, die betreut werden müssen. Zum einen aufgrund des erhöhten Stresses, der infektanfälliger macht und zum anderen aufgrund der insgesamt erhöhten Keimbelastung. Das Personal kann, selbst wenn es möchte, sich bei einem schlechten Personalschlüssel den Kindern nicht mehr individuell widmen, was bei einigen Kindern, die aus unterschiedlichen Gründen eine persönlichere Ansprache und/der Betreuung benötigen würden, nachteilig sein kann.

Ist es für Sie nachvollziehbar, wenn das DIW davon spricht, dass Krankheiten – wie Neurodermitis oder Mittelohrentzündung – den „Bildungserfolg“ bei Kindern behindern? Kann man daraus ableiten, dass Kinder, die häufiger krank sind, im Erwachsenalter ungebildeter sind?

Das empfinde ich als eine sehr gewagte Hypothese. Sagen wir so: Ein chronisch krankes Kind oder ein Kind, was deutlich häufiger krank ist, als andere Kinder, kann natürlich weniger am ‚normalen Leben’ teilnehmen. Solche Kinder sammeln weniger Erfahrungen mit anderen Kindern in der Gruppe, haben weniger Austausch, weniger Möglichkeiten, sich motorisch zu entwickeln und vieles mehr. Ein Kind, dessen Neurodermitis auch in der Kita gut behandelt wird, hat z.B. weniger Juckreiz und kann sich dementsprechend besser konzentrieren. Wenn Sie sich beispielsweise vorstellen wie sehr bereits ein juckender Mückenstich nerven und ablenken kann – und der betrifft nur eine kleine Stelle am Körper und das nur für einen kurzen Zeitraum. Neurodermitis dagegen löst bei vielen Kindern einen anhaltenden Juckreiz am gesamten Körper aus.

Sicher ist das ein oder andere Kind mit einer chronischen Erkrankung aus zuvor genannten Gründen nicht altersgerecht entwickelt. Aber der spätere Bildungserfolg liegt an viel mehr Faktoren als erlittene Krankheiten im Kindesalter. Nicht vergessen darf man in diesem Zusammenhang, wie sehr das Kind auch außerhalb der Kindertagesstätte gefördert wird, wie zuhause mit Erkrankungen umgegangen wird, und das Bildungsniveau der Eltern. Klar ist natürlich, dass es Kinder mit chronischen Erkrankungen schwerer haben und damit ein erhöhtes Risiko entstehen kann, z.B. in der Schule Schwierigkeiten zu bekomme. Dass aber diese Kinder im Erwachsenenalter ungebildeter sind als gesunde Kinder, bleibt für mich dennoch eine zu gewagte Behauptung und drückt ohnehin schon benachteiligten Kindern zudem einen weiteren Stempel auf, der nicht gerecht ist.

Hamburg, 23. Mai 2014

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.