Machen Antibiotika dumm?

Phyllis Kuhn
Bakterien der Darmflora
In der Schleimhaut des Dickdarms leben Millionen von hilfreichen Darmbakterien. Diese sollen an der Neubildung von Nervenzellen im Gehirn beteiligt sein © Fotolia

Dass Antibiotika zwar Leben retten aber auch viele unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen, ist bekannt. Aber schaden sie auch unserem Gehirn?

Deutsche Forscher haben in einer aktuellen Studie gezeigt, dass ein beschädigtes Mikrobiom im Darm die Bildung neuer Zellen im Gehirn verhindert. Dass der Darm über Bakterien mit dem Gehirn kommuniziert, ist bereits durch eine Studie der Ohio State University belegt. Was passiert im Gehirn, wenn die Kommunikation mit dem Darm aufgrund eines beschädigten Mikrobioms gestört ist? 

 

Antibiotika kappen Kommunikation zwischen Gehirn und Darm

Das haben Forscher des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) erforscht. In einem Experiment mit Mäusen schalteten die Wissenschaftler das Mikrobiom der Mäuse mit einer Antibiotika-Mischung aus. Im Vergleich zu unbehandelten Tieren bildeten sich bei diesen Mäusen daraufhin deutlich weniger neue Nervenzellen in der Hippocampus-Region des Gehirns. Da die Neurogenese, also die Bildung neuer Nervenzellen im Gehirn essenziell für kognitive Leistungen wie das Gedächtnis ist, verschlechterte sich auch die Merkfähigkeit der Mäuse.

Als Ursache entdeckte das Team um den Neurowissenschaftler Helmut Kettenmann, dass nach Ausschalten der Darmflora auch die Anzahl einer bestimmten Immunzellen-Population, der Ly6Chi-Monozyten deutlich zurückging. Diese sind zuständig für die Neurogenese im Gehirn. Die bisher unbekannte Vermittlerfunktion dieser Immunzellen hält Susanne Wolf, ebenfalls Mitglied der Forschungsgruppe für besonders interessant: „Mit den Ly6Chi-Monozyten haben wir vielleicht einen neuen generellen Kommunikationsweg von der Peripherie ins Hirn entdeckt“. Erst nachdem die Anzahl der Monozyten durch die Neuansiedlung verschiedener Bakterienstämme im Darm der Mäuse wieder erhöht worden war, verbesserten sich Neurogenese und Gedächtnis der Nager.

 

Behandlung von Depressionen mit Joghurt?

Auf den Menschen übertragen, bestätigen die Ergebnisse des Forscher-Teams, dass die Gefahren von vielen Antibiotika, die über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, nicht zu unterschätzen sind. Vielversprechend ist jedoch die Erkenntnis, dass die Behandlung von psychiatrischen Krankheiten wie Schizophrenie oder Depressionen in Zukunft über die Darmflora vereinfacht werden könnte. Dazu würde über makrobiotische Lebensmittel oder Medikamente die Darmflora verbessert und so die Neurogenese im Gehirn angeregt werden. Dies soll nun in weiteren Studien untersucht werden: „Möglicherweise können diesen Patienten ergänzend zu Medikamenten und Sport auch probiotische Präparate helfen. Um das zu prüfen, würden wir gern zusammen mit der Charité klinische Pilotstudien durchführen“, so Wolf.

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