Lotusgeburt: Wenn die Plazenta am Baby bleibt

Benjamin Müller Medizinredakteur

Nichts ist zur gleichen Zeit so natürlich und so kontrovers wie die Geburt von Kindern. Jede werdende Mutter steht vor zahlreichen Entscheidungen, nicht zuletzt wie die Geburt selbst geschehen und welche Rituale sie begleiten sollen. Ein Geburtsritual, das seit den 1970ern immer wieder an Popularität gewinnt, ist die sogenannte Lotusgeburt.

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Zahllose Rituale können die Geburt begleiten Foto:  iStock/FatCamera
Inhalt
  1. Was ist eine Lotusgeburt?
  2. Warum eine Lotusgeburt?
  3. Woher kommt der Trend?
  4. Was ist dran am Hype?
  5. Gibt es Risiken?

Geboren zu werden ist ein Schock. Aus der Sicherheit und Wärme des Mutterleibs in unsere chaotische Welt zu kommen, ist vielleicht das größte Trauma des menschlichen Lebens.

Doch wie unausweichlich ist dieses Trauma wirklich? Können die richtigen Rituale und Entbindungstechniken der Geburt ihren Schrecken nehmen? Spätestens seit den 1970ern versprechen immer neue Trends eine sanfte, untraumatische Geburt. Eine von ihnen: die Lotusgeburt.

 

Was ist eine Lotusgeburt?

Von einer Lotusgeburt ist die Rede, wenn nach der erfolgreichen Entbindung die Nabelschnur nicht durchtrennt wird. So findet keine aktive Abnabelung statt und die Plazenta bleibt vorerst mit dem Neugeborenen verbunden.

Die Verbindung wird solange aufrechterhalten, bis Nabelschnur und Plazenta von selbst austrocknen und abfallen. Bis das passiert, vergehen drei bis zehn Tage.

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In der Zwischenzeit wird die Plazenta mittransportiert. Häufig wird der Mutterkuchen mit Salz, ätherischen Ölen oder Kräutern behandelt, um die Austrocknung zu beschleunigen und ein Verfaulen zu verhindern.

 

Warum eine Lotusgeburt?

Befürworter dieses Geburtsrituals sehen in der Lotusgeburt eine schonende, natürliche Art und Weise auf die Welt zu kommen. Außerdem wird auf Natürlichkeit und spirituelle Verbindung zwischen Kind und Plazenta verwiesen.

Darüber hinaus soll die Lotusgeburt eine ganze Reihe von Vorteilen für die Gesundheit des Neugeborenen haben:

  • Geringeres Gelbsuchtrisiko
  • Besseres Verheilen des Nabels
  • Geringeres Infektionsrisiko der Nabelwunde
  • Schnellere Gewichtszunahme

Als Grund dafür wird von Befürwortern unter anderem eine zusätzliche Versorgung mit Sauerstoff, Eisen und weiteren Nährstoffen aus der Plazenta identifiziert.

 

Woher kommt der Trend?

Seinen Namen hat das Geburtsritual nicht etwa von der symbolträchtigen Blume oder dem sogenannten Lotussitz, sondern von der amerikanischen Hellseherin Claire Lotus Bay.

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Sie gilt als Vorreiterin dieser Geburtstechnik, seit sie in den 1970er-Jahren ein Kind auf diese Weise auf die Welt brachte. Befürworterinnen wie Shivam Rachana und Jeannine Parvati Baker propagierten die Lotusgeburt später weltweit.

 

Was ist dran am Hype?

Wissenschaftlich konnte bisher keinerlei Nutzen einer Lotusgeburt für das Baby festgestellt werden, die Versprechungen gesundheitlicher Vorteile bleiben also rückhaltlos.

Neugeborene profitieren zwar tatsächlich von einer verzögerten Abnabelung, das gilt jedoch nur bis sich die Nabelschnur nach einer bis drei Minuten „auspulsiert“ hat, der Blutfluss also von allein versiegt.

Baby und Plazenta erst dann zu trennen, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO schon seit 2012. Eine noch spätere Abnabelung hat jedoch keinen medizinischen Nutzen.

 

Gibt es Risiken?

Im Allgemeinen raten Ärzte und Kliniken eher von einer Lotusgeburt ab. Grund dafür ist der Mangel an wissenschaftlich erwiesenen Vorteilen für das Neugeborene, sowie ein erhöhtes Infektionsrisiko.

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So kann das Gewebe der Plazenta bei falscher Behandlung und Lagerung schnell verfaulen, wodurch es zu Infektionen bis hin zur Sepsis im noch mit ihr verbundenen Kind kommen kann.

Wer sein Kind also unbedingt per Lotusgeburt auf die Welt bringen möchte, der sollte in den Tagen nach der Geburt sehr genau auf die Behandlung der Plazenta achten, idealerweise mit professioneller, medizinischer Unterstützung.

Quellen:

  • Gamperl, K. (2012). Die Lotusgeburt als Übergangsritual? (Doctoral dissertation, uniwien).
  • Kalbér, A., & Kühn, T. (2019). Verzögertes Abnabeln–Frauen kompetent beraten. Die Hebamme, 32(04), 23-31.
  • Rose, L. (2010). " Natürliche" und" sanfte Geburt". Paradoxien der modernen Entbindungsreformen. Freiburger GeschlechterStudien, 16(24), 208-222.
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