Löst das Jolie-Gen Alzheimer aus?

Angelina Jolie
Angelina Jolie ließ sich Brüste und Eierstöcke entfernen – denn aufgrund einer Genmutation war ihr Risiko, Brust- oder Eierstockkrebs zu entwickeln, stark erhöht © Corbis

Menschen mit einer Genmutation – darunter die Schauspielerin Angelina Jolie – haben ein erhöhtes Risiko für verschiedene Krebsarten. Der Grund: Ihnen fehlt ein bestimmtes Protein, das vor Krebs schützt. US-Forscher fanden jetzt heraus, dass dieses Protein auch bei Alzheimer-Patienten nicht ausreichend vorhanden ist.

2013 ließ sich die US-Schauspielerin Angelina Jolie die Brüste amputieren, im März dieses Jahres entschloss sie sich außerdem zur Entfernung ihrer Eierstöcke. Der Grund: Durch eine Mutation des Gens BRCA1 (BReast CAncer 1) war ihr Risiko, an Brustkrebs oder Eierstockkrebs zu erkranken, stark erhöht.

 

Welche Rolle spielt BRCA1 für das Krebsrisiko?

Das Gen BRCA1 produziert ein Protein, dessen Aufgabe der Schutz der Zellen ist: In „Teamarbeit“ mit zwei weiteren Proteinen repariert es beschädigte DNA. Personen wie Angelina Jolie, bei denen eine bestimmte Mutation des BRCA1-Gens vorliegt, haben ein erhöhtes Krebsrisiko – denn bei ihnen wird das zellschützende Protein nicht ausreichend produziert. Insbesondere das Risiko für Brustkrebs und Eierstockkrebs steigt durch eine solche Genmutation, aber auch das Darmkrebs- und bei Männern das Prostatakrebsrisiko ist dadurch erhöht.

 

Was hat BRCA1 mit Alzheimer zu tun?

Wissenschaftler des Gladstone Institutes in San Francisco fanden nun heraus, dass ein Mangel des BRCA1-Proteins auch bei Alzheimer eine Rolle spielt. Die Studie wurde in dem Fachmagazin „nature“ veröffentlicht.

Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass BRCA1 vor allem für solche Zellen eine Rolle spielt, die sich teilen – denn bei der Zellteilung entstehen häufig kleine Unterbrechungen in der DNA, die das BRCA1-Protein wieder verschließt. Nervenzellen (Neuronen) teilen sich nicht, darum hat BRCA1 auch keine Auswirkungen auf sie – so der bisherige Forschungsstand.

In früheren Untersuchungen hatten die Forscher des Gladstone Institutes festgestellt, dass in Nervenzellen solche DNA-Unterbrechungen ebenfalls entstehen – dazu reicht schon eine erhöhte Gehirnaktivität. Nun vermuteten sie, dass auch bei Nervenzellen das BRCA1-Protein zur Instandhaltung notwendig ist. Um diese Theorie zu testen, senkten sie den BRCA1-Spiegel in den Nervenzellen von Mäusen. Die Folge: Es entstanden immer mehr DNA-Schäden und die Nervenzellen schrumpften. Außerdem wurde die Lern- und Erinnerungsfähigkeit der Tiere beeinträchtigt.

Da Alzheimer mit ähnlichen Symptomen einhergeht, stellten sich die Forscher nun die Frage, ob bei der Erkrankung ebenfalls ein Mangel des BRCA1-Proteins eine Rolle spielt. Darum untersuchten sie die Gehirne verstorbener Alzheimer-Patienten hinsichtlich ihres BRCA1-Spiegels. Das Ergebnis: Verglichen mit den Gehirnen gesunder Menschen war der BRCA1-Spiegel bei Alzheimer-Patienten um 65-75 Prozent niedriger.

Um herauszufinden, woher diese Reduzierung rührt, setzten die Wissenschaftler in Laborversuchen Nervenzellen dem sogenannten Beta-Amyloid aus – Ablagerungen dieses Proteins finden sich typischerweise in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten. Im Labor sorgte Beta-Amyloid dafür, dass der BRCA1-Spiegel in den Nervenzellen sank. Die Forscher vermuten, dass darin die Ursache der Neuronenschädigungen bei Alzheimer-Patienten liegt. In weiteren Tests zeigte sich, dass Beta-Amyloid-Ablagerungen auch bei Mäusen den BRCA1-Spiegel sinken lassen.

Die Wissenschaftler erhoffen sich von ihren Erkenntnissen die Entwicklung neuer Medikamente, die das Fortschreiten von Alzheimer aufhalten können. In weiteren Versuchen wollen sie testen, ob eine Erhöhung des BRCA1-Spiegels bei Mäusen Nervenzellenschädigungen und Gedächtnisprobleme verhindern oder gar rückgängig machen kann.

 

Was haben die neuen Erkenntnisse mit Angelina Jolie zu tun?

Ob eine Mutation des BRCA1-Gens, wie sie bei Angelina Jolie vorliegt, das Demenz-Risiko erhöht, klärt die Studie nicht. Sie werfe allerdings interessante Fragen zur Rolle des Gens auf, so James Pickett, wissenschaftlicher Leiter der Alzheimer’s Society, gegenüber „Huffpost Lifestyle“: „Aber es ist zu früh um sagen zu können, ob dieses Gen mit Alzheimer oder irgendeiner anderen Form von Demenz zusammenhängt.“ Pickett erklärt weiter: „Das BRCA1-Gen spielt eine wichtige Rolle in vielen verschiedenen Teilen des Körpers, wo es beschädigte DNA repariert. Bestimmte Veränderungen des Gens hängen mit der Entwicklung einiger Krebsarten zusammen – doch die Rolle von BRCA1, um die es in dieser Studie geht, unterscheidet sich sehr von der, die mit Krebs assoziiert wird.“

Bisher ist also unklar, ob eine Genmutation wie bei Angelina Jolie das Alzheimer-Risiko erhöht. Um diese Frage zu klären, müssten vergleichende Studien mit Probanden mit und ohne Genmutation durchgeführt werden.

Hamburg, 1. Dezember 2015

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