Legasthenie bei Erwachsenen: "Heute kann ich endlich schreiben!"

Legasthenie bei Erwachsenen: hohe Dunkelziffer, Betroffenen ist ihre Lese-Rechtschreibschwäche oft peinlich
Legasthenie bei Erwachsenen: Erst mit Mitte 30 fand Andrea eine Deutsch-Lehrerin, die mit ihr den Kampf gegen die Legasthenie aufnahm © Fotolia

Jahrelang litt Andrea darunter, nicht richtig schreiben zu können. Erst mit 38 Jahren erfuhr sie: Sie ist eine Legasthenikerin. Mit der Marburger Methode, gezieltem Training und Theater-Therapie hat sie ihre Schwierigkeiten besiegt.

Seit Tagen ist Andrea (Name von der Redaktion geändert) aufgeregt. "Morgen ist es so weit", freut sich die heute 41-Jährige. "Das wird mein Tag! Da bekomme ich mein Zertifikat als Call-Center-Agentin." Für andere wäre das vielleicht keine große Sache. Doch für Andrea beduetet es einen Sieg über ihre Legasthenie. Für die Berlinerin ist die Auszeichnung mit einer großen Hoffnung verbunden: "Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich machen, was mir gefällt ..."

 
 

"Auch das Reden ist mir immer sehr schwer gefallen"

Viel zu lange war das nicht möglich. "Ich bin Legasthenikerin. Das ist eine Lese- und Schreibschwäche. Buchstaben und Wörter ergaben für mich keinen Sinn, weil ich sie nicht unterscheiden konnte. Wenn ich beispielsweise Tisch schreiben wollte, kam nur ,Dsch" heraus. Aber das hat niemanden gestört", erzählt Andrea. "In der Schule hieß es immer wieder ,Sprich mal deutlich!" ,Streng dich doch mal an!" Dabei habe ich das immer getan! Aber ich war schrecklich schüchtern. Wenn ich etwas sagen sollte, fing ich an zu stottern."

Die Folge: Sie kam auf die Sonderschule. Dort machte sie ihren Abschluss und anschließend eine Ausbildung zur Pferdewirtin. "Eigentlich wollte ich Tierarzthelferin werden. Aber meine Eltern und Freunde rieten ab. Das würde ich nicht schaffen. Ich habe ihnen geglaubt. Ich dachte selbst: Dafür bin ich nicht klug genug ..." Vier Jahre arbeitete sie auf einem Gestüt. "Bis ich es nicht mehr aushielt." Wieder übernahm die Familie ihre Lebensplanung. "Ich sollte eine Ausbildung zur Hauswirtschaftshelferin machen. Dazu hatte ich eigentlich noch weniger Lust. Trotzdem habe ich gemacht, was man mir sagte."

 

"Ich hatte verschiedene Jobs. Hauptsache, nicht schreiben"

Legastheniker erlernen häufig lieber praktische Berufe wie Pferdewirtin
Legasthenie bei Erwachsenen bleibt häufig im Verborgenen. Betroffene arbeiten eher in praktischen Berufen, in denen ihre Lese-Rechtschreibschwäche kaum auffällt – so wie Andrea als Pferdewirtin© Fotolia

22 war sie damals. Eigentlich ein Alter, in dem man seine Entscheidungen selbstständig trifft. "Bei mir war das anders. Ich schämte mich so dafür, dass ich nicht richtig sprechen und vor allem nicht schreiben konnte. Vielleicht habe ich deswegen so spät begonnen, das durchzusetzen, was ich selbst wollte." Die Prüfung schaffte sie mit Ach und Krach. Arbeit als Hauswirtschafterin fand sie nicht. "Also jobbte ich. Mal in einer Wäscherei, mal als Stationshelferin im Krankenhaus. Hauptsache, niemand drückte mir einen Stift in die Hand."

Trotzdem: Aufgeben wollte Andrea nie. Sie schrieb sich für Deutschkurse bei der Volkshochschule ein. Kaufte sich Bücher über Tierpflege und übte mit ihnen immer wieder das Lesen. Das Schreiben aber blieb eine Tortur. Bis sie sich 2003 wieder für einen VHS-Kurs anmeldete.

 

Erst mit Mitte 30 fand Andrea eine Deutsch-Lehrerin, die mit ihr den Kampf gegen die Legasthenie aufnahm

Die Deutschlehrerin erkannte sofort, woran Andrea leidet: "Sie sagte mir, ich sei nicht dumm. Ich bin Legasthenikerin." Endlich wusste Andrea, was zu tun war. "Es war unglaublich. Ich war Ende 30. So lange musste ich warten, bis mir jemand half. Ich war sicher: Das ist die Chance meines Lebens!"

Sie nutzte sie. Über die Vermittlung einer Freundin fand sie einen speziellen Leagsthenie-Kurs für Erwachsene. "Dort wurde nach der Marburger Methode unterrichtet. Ich lernte, die Wörter als Bilder zu begreifen." Silbe für Silbe, Wort für Wort kämpfte sich Andrea in die Welt der Buchstaben vor. "Wir arbeiteten dort auch mit dem Computer. Nach zwei Wochen schickte ich meiner Familie die erste E-Mail. Okay, ein paar Fehler waren immer noch drin. Aber ich war stolz auf mich. Endlich konnte ich allen zeigen, dass ich nicht dumm bin!"

Bei aller Freude über die vielen Fortschritte kam in Andrea in dieser Zeit auch immer Wut auf. "Warum haben meine Lehrer das damals nicht erkannt? Warum wussten sie nicht, dass ich Legasthenikerin bin? Bis zum Schluss dachten sie, ich sei nur schwer von Begriff." Sie schüttelt den Kopf.

 

"Mein Leben hätte anders laufen können, wenn ich früh genug gefördert worden wäre."

Legasthenie bei Kindern
12 Millionen Kinder in Europa gelten laut einer Schätzung der Bundesregierung als Legastheniker. Wird eine Legasthenie nicht erkannt und behandelt, leiden Betroffene auch im Erwachsenenalter unter großen Kommunikationsschwierigkeiten© shutterstock

Neben dem Legasthenie-Training besuchte sie eine Theatergruppe – als Therapie. "Dort lernte ich, frei zu sprechen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal vor vielen Menschen reden kann – ohne zu stottern. Dadurch wurde ich viel selbstbewusster." Und Andrea machte noch eine Entdeckung: "Ich bekomme heute viele Komplimente für meine schöne Stimme. Das freut mich natürlich sehr."

Die Komplimente brachten sie auch auf ihre neue Job-Idee: "Für eine Call-Center-Agentin ist es viel wichtiger, gut mit Menschen sprechen zu können. Schreiben ist zweitrangig", sagt sie. "Das Zertifikat beweist ja, was ich kann. Da finde ich bestimmt einen Job." Mithilfe der Computer-Schreibprogramme – da ist sie sich sicher – wird sie die Beschwerden und Wünsche der Anrufer auch schriftlich aufzeichnen können. "Wichtig ist doch, dass ich den Menschen das Gefühl vermittele: Die nimmt mich ernst. Und das kann ich."

 

"Endlich fängt mein Leben richtig an"

Unterstützt wird Andrea seit zwei Jahren auch von ihrem Freund David (43), einem Krankenhaustechniker. "Er nimmt mich so, wie ich bin. Für mich ist das sehr wichtig", sagt sie. Dass sie nach so vielen Schwierigkeiten in der Vergangenheit heute eine Zukunftschance hat, ist für sie immer noch unglaublich: "Endlich fängt das Leben für mich richtig an ..."

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