Leben mit der Höhenkrankheit?

Sherpas leben im Himalaya
Die im Himalaya lebenden Sherpas haben sich perfekt an die Höhe angepasst. Sie verfügen über ein spezielles Enzym, das sie vor den Folgen der Höhenkrankheit schützt © shutterstock

Er ist das gewaltigste Gebirgsmassiv der Erde: der Himalaya. Forscher haben jetzt die Mysterien der Landschaft und seiner Völker enträtselt – erfahren Sie hier mehr dazu.

Ein gewaltiger Blitz zuckt aus dem Himmel und schlägt mit voller Wucht in die Erde ein. Ohrenbetäubend hallt der Donner zwischen den Bergriesen hin und her. Starr vor Schreck sehen die Sherpa vor ihren Augen ein Wunder geschehen: Dort, wo der Blitz einschlug, quillt plötzlich eine Quelle aus dem Fels, und aus dem Wasser schlagen Flammen. Die Vereinigung von Erde, Wasser, Feuer und Luft – ein Blitz, der eine von Erdgas durchsetzte Wasserader trifft. Kann es für solche grandiosen Zufälle einen besseren Platz auf der Welt geben als den Himalaya?

 

Keine andere Region liegt so hoch wie der Himalaya

Heute wölbt sich das Kloster Muktinath über die ewige Flamme. Es ist eine der heiligsten Stätten des Buddhismus. Angesichts solcher Mysterien verwundert es nicht, dass die Wissenschaft jetzt in den Himalaya stürmt. Denn an keinem anderen Ort auf unserem Globus lässt sich an so vielen Extremen und Superlativen die Welt in der wir leben erklären. Zehn Achttausender, 33 Siebentausender und eine unbekannte, namenlose Anzahl Sechstausender. Keine Region der Erde liegt so hoch wie der Himalaya. Der "dritte Pol" wird der Himalaya auch genannt. Nirgends außerhalb von Nord- und Südpol gibt es so viel Eis. Doch zur Kälte kommt noch ein weiteres Extrem hinzu. Jede Forschungsarbeit wird zum Risiko für Leib und Leben, da jenseits der 4000-Meter-Grenze schon ein Anstieg von 500 Meter pro Tag die Höhenkrankheit hervorrufen kann. In dieser Höhe hat die Luft nur halb so viel Sauerstoff wie normal. Und die Durchschnittshöhe des Himalaya beträgt 4200 Meter!

 

Ein Gebirge ernährt die Welt

Doch es gibt unendlich viele Gründe, dieses Risiko einzugehen. Im Himalaya erschließt sich der Wissenschaft zum Beispiel das Geheimnis, welche ungeheuren Kräfte der Erde ihr heutiges Gesicht gaben: Dieses Gebirge ist das Kind eines der größten Unfälle der Erdgeschichte. Mit mehr als zwanzig Zentimeter pro Jahr begann sich vor 60 Millionen Jahren der indische Kontinent in den asiatischen zu bohren und Gesteinsschichten binnen kürzester Zeit auf 8000 Meter Höhe zu türmen. Bis heute ist der Himalaya das am schnellsten wachsende Gebirge der Welt. Während die Geologen den Alpen nur eine Geschwindigkeit von einem Millimeter attestieren, kam der französische Forscher Marie-Luce Chevalier aus dem Staunen nicht heraus, als ihm Computerdaten jetzt den Beweis lieferten, dass sich eine 1200 Kilometer breite Zone des Himalaya einen Zentimeter pro Jahr nach Norden bewegt. Ein italienischer Wissenschaftler errechnete für den Mount Everest sogar ein Wachstum von 18 Zentimetern! Berge sind ein Symbol für Unvergänglichkeit und Kontinuität. Doch nirgends vergeht eine Ewigkeit so schnell wie im Himalaya. Berge wachsen hier nicht nur schnell, sie vergehen auch im Rekordtempo. Mit dem Wachstum einher gehen zahllose Erdbeben. Es gibt akute Warnungen, dass gleich ganze Ketten von Erdbeben der Stärke 8 und höher die Berge erzittern lassen. Und auch gewaltige Temperaturgegensätze und Regenstürze von über 26 000 Litern pro Quadratmeter und Jahr sorgen dafür, dass im höchsten Gebirge der Welt jährlich Millionen Tonnen Gestein zu Sand zerfallen. Die Flusstäler Chinas und Indiens, deren Böden mehrere Milliarden Menschen ernähren, wären ohne den Himalaya bei weitem nicht so fruchtbar.

 

Die wahren Könige der Berge

Auch die Menschheitsgeschichte ist nirgends jünger als im Himalaya. Die Hochtäler des Himalaya wurden später besiedelt als jede andere Region der Erde. Das legendäre Bergführervolk der Sherpa wanderte sogar erst vor 500 Jahren aus dem heutigen China ein. Ihre höchste Siedlung liegt auf über 5000 Meter Höhe, also höher als der Mont Blanc. Mit der Zeit hatten sich die Sherpas in unglaublicher Weise den Höhen angepasst: Ihre Körper verfügen über ein spezielles Enzym, das sie vor den Folgen der Höhenkrankheit schützt. Dennoch konnte der Mensch den Himalaya erst besiedeln, als er das einzige Tier gezähmt hatte, das fähig ist, in solchen Höhen schwere Lasten auf dem Rücken zu tragen: den Yak. Weil es in diesem steilen Gebirge einfach nutzlos war, verbreitete sich das Rad hier erst im 20. Jahrhundert. Nirgends auf der Welt finden sich auch heute noch so wenig Lastkarren wie im unwegsamen Himalaya. Jedes Jahr, vor Einbruch des Winters ziehen Sherpa weiter mit ihren Gebirgsrindern über die Pässe des Himalaya in den Süden, um Salz gegen Getreide einzutauschen. Wie tief hinab, bestimmen nicht die Sherpa, sondern die Yaks. Keines der Tiere überlebt einen Daueraufenthalt in Regionen unter 3500 Metern. Ihr Blut ist zu dünn. Doch lange halten es auch Sherpa nicht in den Tälern aus. Sie wollen den Gipfeln nahe sein. Und der Grund leuchtet ein: "Hundert göttliche Zeitalter reichen nicht aus", heißt ein hinduistisches Sprichwort, "um alle Wunder des Himalaya zu beschreiben."

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