Leben mit Alzheimer-Demenz

Redaktion PraxisVITA
Alzheimer-Demenz
Kennzeichnend für die Alzheimer-Demenz ist der langsam fortschreitende Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten © istock

Alzheimer ist die häufigste Form der Demenzerkrankung. Wie der Alltag mit Alzheimer-Demenz aussehen kann und wie Angehörige mit Schwierigkeiten am besten umgehen, lesen Sie hier.

„Wann gibt es Frühstück?“, fragt Beate Krämer zum fünften Mal. Renate, die sich um ihre an Demenz erkrankte 81-jährige Mutter kümmert, atmet tief durch, um die Geduld zu bewahren. Es ist kurz vor elf, gefrühstückt hat ihre Mutter schon lange. „Der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses ist ein Symptom einer Alzheimer-Demenz“, weiß Helga Schneider-Schelte, Leiterin des Alzheimer-Telefons. „Das ist irritierend für Betroffene und Angehörige.“

Demenz ist aber keine reine Gedächtnisstörung. „Betroffenen fällt es immer schwerer, sich zu konzentrieren.“ Das beeinträchtigt ihre Fähigkeit, zielvoll zu planen oder zu handeln. „Dann können sie selbst einfache Dinge, wie das Kochen des Lieblingsgerichts, nicht mehr ausführen.“ Wortfindungsschwierigkeiten machen Betroffene zunehmend sprachlos. „Menschen mit Alzheimer-Demenz verlieren außerdem die Orientierung – räumlich, zeitlich, aber auch im Bezug zur eigenen Person.“

 

Bei einer Alzheimer-Demenz schrumpft das Gehirn

Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste Form einer dementiellen Erkrankung. In Deutschland sind rund 1,6 Millionen Menschen von einer Alzheimer-Demenz betroffen. Etwa 70 Prozent der Erkrankten lassen sich von Familienangehörigen pflegen. Kennzeichnend für die Alzheimer-Demenz ist der langsam fortschreitende Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten, unter anderem ausgelöst durch Eiweißablagerungen, sogenannten Plaques. Das Gehirn schrumpft. Als eine Folge werden weniger Botenstoffe, wie Acetylcholin, gebildet, die aber für die Übertragung von Informationen zwischen den Nervenzellen notwendig sind. Das schränkt die Gehirnleistung weiter ein.

 

Die Alzheimer-Demenz verläuft langsam

Eine Alzheimer-Demenz entwickelt sich nach und nach. „Erkrankte sind im Frühstadium oft sehr kreativ, um ihre Defizite zu überspielen“, weiß Helga Schneider-Schelte. Daher ist es für Angehörige wichtig, genau hinzuhören und zu beobachten. „Erst wenn man erkennt, dass der Vater an Alzheimer-Demenz erkrankt ist, kann man viele seiner vielleicht merkwürdig erscheinenden Verhaltensweisen verstehen.“ Die Diagnose einer Alzheimer-Demenz kann im Rahmen einer Gedächtnissprechstunde oder bei einem Facharzt für Neurologie gestellt werden. „Eine Alzheimer-Demenz stellt die Familie vor eine große Aufgabe“, betont Helga Schneider-Schelte. „Schon im mittleren Stadium der Erkrankung sind die Betroffenen kaum noch in der Lage, ihr Leben allein zu meistern.“

 

Bei einer Alzheimer-Demenz ist Anpassung gefragt

„Mach mal schnell …“ Das ist rasch gesagt, wenn die Mutter Ewigkeiten braucht, bis sie den Mantel übergestreift hat. „Als pflegender Angehöriger muss man für alltägliche Dinge viel mehr Zeit einplanen. So ein Ruf nach Beeilung wirkt bei Alzheimer-Demenz überfordernd. Das erhöht in diesem Fall die Unsicherheit bei der Mutter. Ihren Mantel zieht sie dann noch schwerer an.“ Besser: Das Anziehen in kleine Schritte unterteilen und dabei mit ruhigem, freundlichem Ton helfen: „So, erst der linke Arm, nun der rechte. Jetzt kannst du den Mantel zuknöpfen.“

Senior mit Alzheimer-Demenz deckt Tisch
Viele Dinge, wie z.B. den Tisch decken, gehen trotz Alzheimer-Demenz noch. Daher sollten Betroffene entsprechend ihrer Fähigkeiten in den Alltag mit eingebunden werden© istock
 

Passivität vermeiden bei Alzheimer-Demenz

Kleine Schritte sind auch bei allen anderen Alltagsaufgaben nützlich, z. B. beim Tischdecken. „Ein Mensch mit Alzheimer-Demenz kann oft nicht mehr planvoll handeln. Er weiß schlichtweg nicht, welches Geschirr er wann nehmen muss.“ Man kann die Situation erleichtern, indem man konkret darum bittet, die großen Essteller zu nehmen, weil es ja Braten und Kartoffeln gibt. Und man dazu dann ja auch Gabel und Messer braucht.

„Weil das aber oft zu aufwendig erscheint, decken viele pflegende Angehörige den Tisch dann lieber schnell selbst. Das führt zu einer Passivität des Menschen mit Alzheimer-Demenz. Und die tut ihm nicht gut, fördert seine Unsicherheit. Man möchte auch im Alter Bedeutung haben und wahrgenommen werden.“ Daher sollte man den anderen entsprechend seiner Fähigkeiten in den Alltag mit einbinden. Denn viele Dinge gehen trotz Alzheimer-Demenz noch, nur eben in kleineren Schritten. „Gut in Kontakt zu bleiben ist sehr wichtig. Überlegen Sie, was Sie früher gerne gemeinsam mit der Mutter unternommen haben. Lässt sich das vereinfacht wieder aufgreifen?“

 

Bei Alzheimer-Demenz lassen sich Verhaltensmuster erkennen

„Immer um drei wird Vater unruhig. Er wirkt dann wie getrieben …“ „Wenn die Pflegekraft kommt, schlägt Mutter wütend um sich …“ Solche Berichte von pflegenden Angehörigen kennt Helga Schneider-Schelte aus den Anrufen beim Alzheimer-Telefon. „Angehörige müssen zu Detektiven werden. Denn fast immer gibt es einen Auslöser für die Verhaltensweisen.“ Im Falle des Vaters ist es die Erinnerung an seine Zeit als Busfahrer. Um drei Uhr fing seine Schicht an, und er glaubt, wieder zur Arbeit gehen zu müssen. „Hat man das Verhaltensmuster erkannt, kann man eingreifen. Gehen Sie schon um halb drei auf ihren Vater zu, erklären Sie ihm in ruhigen Worten, dass Sie gleich gemütlich Kaffee trinken, weil er ja als Rentner die Muße dafür habe. Bitten Sie ihn, von seiner Zeit als Busfahrer zu erzählen. So knüpfen Sie an dem an, was früher war, und er kann ein Stück seiner Unruhe loswerden.“

Frau mit Alzheimer-Demenz schaut Fotos an
Das Kurzzeitgedächtnis funktioniert zwar bei Alzheimer-Demenz nicht mehr, die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend sind aber meist noch sehr lebendig© istock

Die „grundlos“ aggressive Mutter hat vielleicht Schmerzen. Wortfindungsschwierigkeiten hindern sie daran, diese zu äußern. „Ein Besuch beim Hausarzt kann der Ursache auf die Spur kommen.“ Eine andere Möglichkeit kann Verunsicherung sein. „Vielleicht ähnelt die Pflegekraft jemandem, mit dem die Mutter nie gut auskam. In der Regel hat fast jedes Verhalten eine Bedeutung“, betont die Familientherapeutin. „Gegebenenfalls müssen Sie den Pflegedienst bitten, jemand anderen zu schicken.“

 

Bei Alzheimer-Demenz geht es darum, sich aufeinander einlassen zu können

„Weißt du noch, wie schön unsere Radtouren durch Italien waren?“ Manchmal erzählen Menschen mit Alzheimer-Demenz von Erlebnissen, die es so gar nicht gegeben hat. Sie leben in einer ganz eigenen Welt. „Statt jetzt zu sagen ,Papa, das war doch ganz anders‘, sollten Sie sich einfach darauf einlassen“, rät Helga Schneider-Schelte. Um damit „echte“ Erinnerungen geweckt werden, kann man alte Fotoalben hervorholen. Auch wenn das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert, die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend sind meist noch sehr lebendig.

 

Berührungen sind bei Alzheimer-Demenz besonders wichtig

„Nehmen Sie den Menschen, den Sie betreuen, häufiger einfach in den Arm, verbinden Sie das Eincremen mit sanften Berührungen“, rät Helga Schneider-Schelte. Das wird in der Regel als positiv und beruhigend empfunden. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Alzheimer-Demenz weniger unter Stimmungsschwankungen leiden, wenn sie bei der Pflege eine direkte, persönliche Ansprache erhalten. „Auch soziale Kontakte bleiben wichtig.“ Daher sollte man Nachbarn informieren: „Mutter hat Alzheimer-Demenz, nehmen Sie es nicht persönlich, wenn sie Sie nicht immer erkennt. Sie freut sich trotzdem, wenn Sie mit ihr über den Gartenzaun hinweg plaudern.“

Vater mit Alzheimer-Demenz und Sohn umarmen sich
Berührungen werden auch von Menschen mit Alzheimer-Demenz als positiv und beruhigend empfunden© istock
 

Der Unruhe begegnen

Menschen mit Alzheimer-Demenz können oft nicht lange still sitzen, laufen hin und her, sind manchmal nachts hellwach. „Mit körperlichen Aktivitäten können Sie hier gegensteuern“, weiß die Alzheimer-Expertin. Das können Spaziergänge sein, Ergotherapie, die vom Arzt verschrieben werden kann, Tanzspiele und Konzentrationsübungen. „Achten Sie darauf, den Menschen, den Sie pflegen, tagsüber gut zu beschäftigen, damit er nicht einnickt. Das fördert eine ruhigere Nacht.“

Abends werden viele Menschen mit Alzheimer-Demenz ängstlich. Da sie das Umfeld im Dunkeln nicht mehr erkennen, akzeptieren sie das Zuhause nicht als solches. „Strukturieren Sie den Alltag. Senden Sie mit ruhiger Stimme positive Signale. Sagen Sie z. B.: ,Jetzt haben wir sechs Uhr. Wir müssen nicht mehr raus, können es uns jetzt zu Hause gemütlich machen.‘“

Für das ständige unruhige Nachfragen nach dem Frühstück ihrer Mutter hat Renate Krämer diese Lösung gefunden: Sie hat eine große Uhr gekauft, die neben der Uhrzeit auch symbolisch die anstehenden Mahlzeiten anzeigt.

 

Menschen mit Alzheimer entwickeln Wahnvorstellungen

Häufig entwickeln Menschen mit Alzheimer-Demenz wahnhafte Vorstellungen. So behaupten sie, man habe ihnen Geld gestohlen. „Meist erinnert der Demente sich nur nicht daran, wo er die Geldbörse hingelegt hat. Gehen Sie nicht auf die Vorwürfe ein, nehmen Sie sie nicht persönlich. Helfen Sie einfach ruhig beim Suchen.“ Fühlt man sich angegriffen, sollte man kurz aus dem Raum gehen, um aufwallende Gefühle in den Griff zu bekommen. Denn nur, wenn man selbst Ruhe ausstrahlt, vermittelt man dem Menschen, den man pflegt, Sicherheit.

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