Lassen Harndrang-Medikamente das Gehirn schrumpfen?

Ein älterer Mann wird von einem Arzt beraten
Wer sogenannte Anticholinergika (z.B. gegen Harninkontinenz) einnimmt, sollte mit seinem Arzt über eine alternative Behandlung sprechen. Denn Medikamente dieser Wirkstoffgruppe können das Gehirn schädigen, zeigt eine aktuelle US-Studie © Fotolia

Medikamente einer bestimmten Wirkstoffgruppe verringern das Hirnvolumen, zeigt eine aktuelle Studie. Bei welchen Wirkstoffen Sie aufpassen sollten.

US-Wissenschaftler warnen vor der Einnahme sogenannter Anticholinergika. In einer aktuellen Studie fand das Team der Indiana University heraus, dass Medikamente dieser Wirkstoffgruppe dem Gehirn schaden können.

 

Was sind Anticholinergika?

Die Aufgabe von Anticholinergika ist es, Nervenreize zu unterbinden, die beispielsweise zu einer überaktiven Blase führen. Sie wirken muskelentspannend und sekretionshemmend. Am häufigsten werden Anticholinergika gegen häufigen Harndrang und Harninkontinenz eingesetzt, aber auch bei anderen Krankheitsbildern wie beispielsweise Parkinson, Asthma oder Gallen- und Harnkoliken. Folgende Wirkstoffe gehören zur Gruppe der Anticholinergika:

  • Atropin
  • Oxybutynin
  • Propiverin
  • Scopolamin
  • Tolterodin
  • Trospiumchlorid
 

Geschrumpftes Gehirn bei Anticholinergika-Einnahme

Per Hirnscans und kognitiven Tests analysierten die US-Forscher die Gehirngesundheit von 451 Probanden mit einem Durchschnittsalter von 73 Jahren. 60 von ihnen nahmen mindestens ein Anticholinergikum ein.

Bei ihnen stießen die Forscher auf verschiedene Veränderungen im Gehirn. Ihr Hirnvolumen war im Vergleich mit anderen Probanden kleiner, konkret hatte sich die graue Substanz der Hirnrinde (Kortex) zurückgebildet. Mediziner sprechen dabei von einer kortikalen Atropie. Sie entsteht häufig im Zusammenhang neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer. Auch in den kognitiven Tests schnitten die Probanden in der Anticholinergika-Gruppe schlechter ab.

Allerdings lässt sich aufgrund des Studiendesigns nicht ausschließen, dass die beobachteten Unterschiede mit den jeweiligen Grunderkrankungen der Probanden zusammenhingen. Das müssten weitere randomisierte Studien zeigen.

In der Vergangenheit hatten bereits Studien auf einen Zusammenhang zwischen Anticholinergika und einem erhöhten Demenz-Risiko hingewiesen – laut der Studienleiter ist dies aber die erste Untersuchung, die sich den zugrundeliegenden Veränderungen im Gehirn widmet.

 

Möglichst auf Anticholinergika verzichten

Studienautor Sr. Shannon Risacher: „In Anbetracht all dieser Erkenntnisse sollten Ärzte Alternativen zu anticholinergen Medikamenten in Betracht ziehen, wenn sie mit älteren Patienten arbeiten.“

Wer regelmäßig einen der oben aufgeführten Wirkstoffe einnimmt, sollte darum mit seinem Arzt besprechen, ob eine alternative Behandlung in Frage kommt, und nach Möglichkeit auf ein anderes Medikament umsteigen.

Hamburg, 20. April 2016

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