Lähmung: Elizabeth Kenny behandelte Poliokranke auf die sanfte Art

Krankengymnastik gegen Kinderlähmung
Elizabeth Kenny kämpfte mit Krankengymnastik gegen Kinderlähmung an © Corbis

Noch im 20. Jahrhundert war Kinderlähmung (Polio) selbst in hoch entwickelten westlichen Ländern gefürchtet. Vor allem kleine Kinder zwischen drei und acht Jahren erkrankten daran.

Erst litten sie unter Fieber, Halsschmerzen und Müdigkeit, später konnten Muskelkrämpfe und Lähmungserscheinungen auftreten. Nicht selten behielten die Kleinen danach ein verkürztes Bein zurück. Im schlimmsten Fall traten heftige Atem- und Schluckbeschwerden auf, an denen die Kinder starben. Eine Arznei oder Impfung gegen die Infektionskrankheit gab es noch nicht. Die Ärzte versuchten, die erkrankten Muskeln ruhig zu stellen. Oft über Monate hinweg mussten die Kinder mit geschienten Beinen und eingegipst bewegungslos liegen. Eine Qual!

 

Sie widersprach den Ärzten

Wie viel angenehmer waren da doch die Behandlungsmethoden von Elizabeth Kenny (1880 – 1952). Die australische Krankenschwester widersprach den etablierten Ärzten: Die erkrankten Muskeln sollten nicht etwa ruhig gestellt, sondern bewegt und massiert werden. Außerdem empfahl sie warme Packungen. Als Elizabeth Kenny erstmals mit der unheimlichen Krankheit konfrontiert wurde, kannte sie weder deren Ursache, noch wusste sie, wie die damals üblichen Therapien aussahen. Als sie die harten Muskeln ihrer Patienten spürte, ging sie ganz einfach instinktiv vor und handelte so, wie es weltweit Mütter in solchen Fällen taten: Sie legte ihren Patienten warme Umschläge an. Mehrere ihrer kleinen Schützlinge erholten sich danach wieder, schreibt Elizabeth Kenny stolz in ihrer Autobiographie. Die üblicherweise damals von den Ärzten praktizierte Ruhestellung bewirkte ihrer Ansicht nach genau das Gegenteil: Schienen und Gehhilfen führten zur Verkümmerung der Gliedmaßen.

Sturz mit Folgen

Elizabeth Kenny wuchs mehr oder weniger ungebunden in der australischen Wildnis auf. Sie liebte es, auf dem Pferd durch den Busch zu reiten. Doch eines Tages stürzte sie und brach sich dabei ein Handgelenk. Sie nutzte die erzwungene Muße und las Anatomiebücher. Bald bastelte sie sich selbst ein Skelett, um zu sehen, wie die Gelenke funktionierten. Ihr Interesse an der Medizin war geweckt. Sie machte ein Praktikum in einem Entbindungsheim und gab unentgeltlich Geburtshilfe. Oft ritt sie mit dem Pferd zu den Kranken und übernachtete unter freiem Himmel.
 

Sanfte Therapie

1932 brach in dem australischen Staat Queensland eine schwere Polio-Epidemie aus. Elizabeth Kenny behandelte die Kranken nach ihrer Methode. Eine Zeitung verbreitete ihre Erfolge, und zum ersten Mal fand sie jetzt offiziell Anerkennung. Unter Aufsicht des Gesundheitsministeriums durfte sie mehrere Poliokliniken eröffnen. 1940 reiste sie in die USA, um dort ihre Therapie vorzustellen. Wie anfangs auch in Australien übten die meisten Ärzte heftige Kritik an ihr und bezeichneten sie als „Quacksalberin". Doch viele Eltern setzten große Hoffnungen in ihre Therapie, die ja so viel sanfter war als die konventionellen Methoden. Insgesamt war die USA-Reise ein großer Erfolg für Elizabeth Kenny. Unter ihrem Namen wurden mehrere Institute zur Schulung von Krankengymnastinnen und -schwestern gegründet. Der Höhepunkt der Anerkennung war eine Audienz bei dem an Kinderlähmung erkrankten Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Doch erst nach Elizabeth Kennys Tod wurde der Kampf gegen die Kinderlähmung tatsächlich gewonnen. 1954 erfand der Arzt Jonas Salk einen Impfstoff, der seinen Siegeszug um die Welt antrat.

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