Künstliche Hüfte mit 40?

Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Durchschnittlich sind die Patienten auf dem OP-Tisch von Prof. Thorsten Gehrke, Deutschlands führendem Hüftchirurgen, 68 Jahre alt. Doch immer häufiger sind sie jünger als 50. Woran kann es liegen, wenn man schon in so jungen Jahren eine neue Hüfte braucht? Falsche Wickeltechnik bei Babys, hohe Schuhe bei Frauen, zu viel Alkohol oder falsches Training beim Sport – im Interview klärt der Experte über die häufigsten Ursachen für Hüftschäden auf.

In welchem Alter sind die meisten Ihrer Patienten, die ein künstliches Hüftgelenk brauchen?

Zu uns kommen am häufigsten ältere Menschen um die 70 – aber die Streubreite ist groß. Vom Jugendlichen bis hin zu Patienten, die weit über 90 Jahre alt sind.

Warum brauchen Menschen ein künstliches Hüftgelenk?

Im Interview

Prof. Dr. Thorsten Gehrke - Chefarzt und ärtzlicher Direktor der Helios Endo-Klinik, Hamburg.

Die meisten Patienten benötigen ein neues Hüftgelenk, weil  Schutzschicht des Gelenkes, der Gelenkknorpel verschlissen bzw. aufgebraucht ist. In anderen Fällen kann es zu einem Absterben des Hüftkopfknochens kommen und das Gelenk bricht ein.

Diese Veränderungen führen zu starken Schmerzen beim Gehen und Bewegen und häufig auch zu einer erheblichen Einschränkung der Beweglichkeit. Die Lebensqualität wird durch diese Probleme empfindlich beeinträchtigt

Was sind die Ursachen, wenn bereits junge Menschen ein neues Hüftgelenk brauchen?

Es kann bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 Jahren passieren, dass der Hüftkopf durch eine Wachstumsfuge abrutscht. Die brauchen manchmal leider schon früh ein neues Hüftgelenk. Auch kann es sein, dass ein Tumor das Hüftgelenk schädigt. Aber das ist alles eher selten der Fall.

Am häufigsten liegt es an einer angeborenen Skelettschädigung. Die bekannteste ist die sogenannte Hüftdysplasie. Also eine Fehlstellung der Hüfte. Heute erkennen Kinderärzte diese Fehlstellung und können den Eltern raten, besonders zu wickeln. So kann sie behoben werden. Aber bevor Ärzte in den Neunzigern begannen, regelhaft darauf zu achten, wurde das bei sehr vielen Menschen erst spät erkannt. Meist zu spät. Diese Leute brauchen dann mit 40 oder 50 Jahren ein neues Hüftgelenk.

Was sind andere Gründe für ein künstliches Hüftgelenk bei Erwachsenen?

Wenn bei 20- bis 50-Jährigen keine der genannten angeborenen beziehungsweise ererbten Gelenkschäden der Grund ist, gibt es zwei übliche Verdächtige: Alkoholmissbrauch und Sport.

Wie kann Alkohol dem Hüftgelenk schaden?

Alkoholismus, meist auch noch gepaart mit Nikotinmissbrauch, also Rauchen, kann zu einer Hüftkopfnekrose führen. So nennt man das Absterben des Hüftkopfes. Diese Patienten sind häufig im Alter zwischen Mitte 20 und 50.

Welche Rolle spielt Leistungssport?

Klar, Leistungssport schadet den Gelenken. Der Kniegelenksverschleiß bei Profifußballern ist zum Beispiel etwa dreimal so hoch wie in der Durchschnittsbevölkerung.

Prof. Dr. Thorsten Gehrke
Prof. Dr. Thorsten Gehrke ist Chefarzt und ärztlicher Direktor der Abteilung für orthopädische Gelenkchirurgie und Endoprothetik in der Helios Endo-Klinik Hamburg© privat

Und wie sieht es mit Freizeitsport wie zum Beispiel Joggen aus?

Ich bin der Meinung, dass dieser Jogging-Hype bei vielen Menschen den Hüftverschleiß begünstigt. Nicht bei denen, die seit ihrer Jugend laufen und eine gute Lauftechnik haben. Ich meine die Personen, die wir alle kennen: Die mit fünfzig Jahren glauben, sie müssten jetzt dringend anfangen, gesund zu leben ­und dann gleich den Marathon ins Visier nehmen. Die haben eine schlechte Lauftechnik, meist gepaart mit Übergewicht und nicht die entsprechend angepasste Muskulatur – das kann dann wirklich ungesund fürs Hüftgelenk werden. Die gesündere Sportart wäre Fahrrad fahren. Auch Nordic Walking wäre eine gelenkschonende Alternative.

Ist denn Übergewicht wirklich so schädlich für das Hüftgelenk?

Ja, da gibt es sehr gute Studien, die das belegen. Übergewichtige ab einem BMI von 35 zeigen im Durchschnitt etwa 10 Jahre früher einen Hüftverschleiß als Normalgewichtige. Es schützt also schon die Hüfte, rechtzeitig abzunehmen.

Was ist mit den Menschen, die im Büro arbeiten: Schadet das viele Sitzen der Hüfte oder schützt es sie eher?

Grundsätzlich lässt sich sagen: Bewegungslosigkeit schadet jedem Gelenk. Die Gelenkflüssigkeit ernährt den Knorpel, der die Knochen vor Abrieb schützt. Nur wenn wir uns bewegen, fließt diese Gelenkflüssigkeit und kann so den Knorpel mit neuen Nährstoffen versorgen. Bewegen wir uns zu wenig, dann fehlen dem Knorpel wichtige Nährstoffe. Das schadet ihm und führt über einen längeren Zeitraum zu Arthrose. Davor schützt man sich im Büro, indem man alle halbe Stunde mal aufsteht und ein bisschen rumgeht oder die Treppe statt des Fahrstuhls nimmt.

Wie wirken sich High Heels auf die Hüfte aus?

Das ist eine interessante Frage, weil sich dadurch die gesamte Körperhaltung verändert. Da kippt das Becken anders und die Frauen gehen in ein leichtes Hohlkreuz. Das kann dann schon zu Muskelverkürzungen führen und könnte auch die Hüfte schädigen. Aber dazu müsste man schon den ganzen Tag in High Heels rumlaufen. In Deutschland tragen Frauen in der Regel abends zum Ausgehen hohe Schuhe – das ist völlig unbedenklich.

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