Kreidezähne: Neue Volkskrankheit bei Kindern?

Michelle Kröger

Immer mehr Kinder sind davon betroffen: Kreidezähne. Erkennbar an kalkweißen und gelb-braunen Verfärbungen, gehen Kreidezähne mit weichem, rissigen Zahnschmelz einher – in besonders schweren Fällen bröckelt er beim Kauen sogar ab. Neu ist das Zahnleiden laut Experten nicht. Es kommt heute jedoch gehäuft vor. 

Mädchen zeigt auf ihre Zähne beim Zahnarzt
Kreidezähne entwickeln sich in der Kindheit - verfolgen Betroffene aber bis ins Erwachsenenalter Foto:  iStock/Darunechka
Inhalt
  1. Kreidezähne – was ist das?
  2. Symptome: Wie äußern sich Kreidezähne?
  3. Was sind mögliche Ursachen?
  4. Welche Rolle spielen Weichmacher aus Kunststoffen (BPA)? 
  5. Diagnose Kreidezähne: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
 

Kreidezähne – was ist das?

Bei Kreidezähnen handelt es sich um eine Schmelzbildungsstörung der bleibenden Zähne. Betroffen sind die ersten großen Backenzähne und die Schneidezähne. Medizinisch ist hier auch von „Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH)“ die Rede. “Die Molaren bezeichnen die Backenzähne – und die Frontzähne sind die Inzisiven. Bei der Mineralisation, welche bei einzelnen Zahngruppen gleichzeitig stattfindet, kommt es zu einer Mindermineralisation”, sagt der Hamburger Zahnmediziner Dr. med. dent. Ulf Zuschlag.

Kreidezähne seien jedoch grundsätzlich keine neue Krankheit, wie es häufig in den Medien suggeriert wird. “Schon bei Zahnfunden aus England aus dem 17./18. Jahrhundert fand man Kreidezähne. Die Diagnose wird jedoch immer häufiger gestellt.” In Deutschland haben je nach Quelle zirka 10 bis 30 Prozent aller Kinder Kreidezähne. Dabei ist der Zahnschmelz nur ein Zehntel so dick wie bei normalen, ja, gesunden Zähnen. Die Mineralisationsstörung kann sich entweder auf kleinere Flächen des Zahnschmelzes beschränken oder aber – so der schwerere Fall – die gesamte Zahnoberfläche betreffen.

 

Symptome: Wie äußern sich Kreidezähne?

Die betroffenen Zähne zeigen scharfbegrenzte Farbveränderungen, die von weiß über gelb bis bräunlich reichen. In schweren Fällen kann es zu großen Substanzdefekten kommen und es fehlen große Anteile an Zahnsubstanz. “Die betroffenen Kinder haben oftmals eine sehr große Hitze- und besonders Kältempfindlichkeit der Zähne. Mitunter sorgt selbst der Luftzug bei geöffneten Mund für große Schmerzen. Dadurch entsteht ein großer Leidensdruck”, erklärt Dr. Zuschlag. Die Mundhygiene werde oftmals durch die Beschwerden auch beim Putzen eingeschränkt und daher kommt es an den betroffenen Zähnen und an den Nachbarzähnen zu Karies. Das Problem: Kinder kommunizieren diese Schmerzen nicht immer sofort. “Deshalb sind regelmäßige Zahnarztbesuche enorm wichtig, um frühzeitig reagieren zu können.”

Diese Beschwerden sind charakteristisch für Kreidezähne: 

  • Flecken auf der Zahnoberfläche (weiß-gelblich bis bräunlich)
  • Furchen auf der Zahnoberfläche
  • Schmerzempfindlichkeit (Hitze und Berührung)
  • Zahnschmerzen beim Essen und Trinken sowie beim Zähneputzen
  • Flecken auf den Zähnen
  • Weichere Zähne, dadurch höhere Anfälligkeit für Karies
  • Abbrechen der Zähne durch nicht ausreichende Mineralisierung
 

Was sind mögliche Ursachen?

Das Zahnleiden wird mit unzähligen möglichen Ursachen in Verbindung gebracht. Die genauen Ursachen sind noch nicht geklärt. Man nimmt aber an, dass es nicht nur eine einzige Ursache gibt, sondern viele Ursachen gemeinsam verantwortlich sind, so Dr. Ulf Zuschlag. “Die Mineralisation der Kreidezähne findet vor der Geburt, während der Geburt und während der ersten vier Lebensjahre statt. Mögliche Ursachen sind gesundheitliche Probleme der Mutter in den letzten Schwangerschaftsmonaten oder Komplikationen während der Geburt.”

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Nach der Geburt könnten dem Zahnmediziner zufolge Atemwegserkrankungen wie Asthma, Bronchitis aber auch andere Infektionskrankheiten eine Rolle spielen. Ebenfalls Störungen des Mineralhaushalts, wie Sie oft bei Nierenerkrankungen vorkommen, könnten ebenfalls. “Häufige Medikamenteneinnahmen, besonders von Antibiotika, werden ebenfalls als Ursachen diskutiert”, sagt Dr. Zuschlag. 

 

Welche Rolle spielen Weichmacher aus Kunststoffen (BPA)? 

Ob in Verpackungen, Spielzeug, Baby-Flaschen oder Schnullern: BPA (Bisphenol A) ist heutzutage fast überall zu finden. Bedenklich: Der Stoff ist dazu in der Lage, sich zu lösen und gelangt leicht in unseren Blutkreislauf. Bei rund 80 Prozent der in Europa lebenden Menschen ist BPA im Blut nachweisbar. Und es steht auch im Verdacht, Zahnleiden bei Kindern auszulösen. Zurecht?

Im Jahr 2013 widmete sich die Molekularbiologin Sylvie Babajko einer Studie, die auf eine mögliche Ursache bezüglich der Kreidezähne hinweist. “Im Tierversuch zeigte sich bei der Gabe von BPA eine MIH-ähnliche Zahnbildungsstörung bei Ratten. Diese ähnelt auch unter dem Mikroskop den Kreidezähnen beim Menschen”, erläutert Dr. Zuschlag. Die Zahnbildungsstörung verschwand bei den Tieren jedoch wieder, da hier zeitlebens Zahnschmelz gebildet werden kann. “Beim Menschen ist die Zahnbildung im Kindesalter hingegen abgeschlossen und es kann kein Zahnschmelz mehr nachwachsen”, erklärt der Experte. In Deutschland ist BPA als Weichmacher in Babyflaschen seit 2011 verboten – und trotzdem zeigen sich unverändert viele Erkrankungen. “Hier gibt es noch viel Forschungsbedarf.”

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Diagnose Kreidezähne: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Da sich Zahnschmelz schon im Mutterleib bildet (ab dem 8. Schwangerschaftsmonat), ist er im vierten Lebensjahr meist schon vollständig entwickelt. Es handelt sich dabei um eine der härtesten Substanzen unseres Körpers, er besteht aus einer ineinander verschränkten Schicht aus sogenannten Kristalliten. Doch bei Kreidezähnen ist diese sonst so widerstandsfähige Kristallit-Struktur porös und sehr instabil. Nicht nur Milchzähne sind betroffen. Auch bleibende Zähne. Die Behandlungsmöglichkeiten sind beschränkt. Kreidezähne werden nie wieder gesunde Zähne sein und können betroffene Kinder auch noch im Erwachsenenalter beschäftigen. Außerdem sind die besonders anfällig für Karies.

“Bei milden Formen reichen regelmäßige Kontrollen, Fluoridierungen und Fissurenversiegelungen zum Kariesschutz”, so der Hamburger Zahnarzt. Spezielle Zahnpasten für empfindliche Zähne (Pro-Argin®) und casein-phosphopeptid-amorphem Kalziumphosphat (CPP-ACP) können ebenfalls bei leichten Empfindlichkeiten helfen.

Bei größeren Defekten sollte man mit Kunststofffüllungen in Adhäsivtechnik oder Edelstahlkronen arbeiten, um die Schmerzkanäle der Zähne sicher zu verschließen. “Im Erwachsenenalter werden solche Zähne dann mit Kronen aus Metall oder Keramik versorgt. Bei sehr schweren Schäden an den Molaren ist es manchmal sinnvoll, die betroffenen Zähne zu entfernen und die Lücken kieferorthopädisch zu schließen.”

Unser Experte

Zahnmediziner Dr. med. dent. Ulf Zuschlag aus der Hamburger Praxis “Zahngesundheit Winterhude”.

 

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