Koma-Forschung: Kann ein neues Verfahren verraten, wann Schumi wieder aufwacht?

Michael Schumacher erlitt schwere Hirnblutungen
Michael Schumacher erlitt bei einem Skiunfall schwere Hirnblutungen und Kopfverletzungen © Corbis

Können Ärzte zukünftig vorhersagen, wann Koma-Patienten aufwachen? Eine aktuelle Studie aus Belgien zeigt, dass ein neues medizinisches Verfahren mit Gehirn-Scans die Wahrscheinlichkeit der korrekten Vorhersage des Aufwachens eines Koma-Patienten um 50 Prozent steigern konnte. Praxisvita.de hat für Sie die Studie zusammengefasst und hinterfragt, was diese neuen Erkenntnisse für die Genesung von Michael Schumacher bedeuten könnten. In einem Interview klärt ein Hirn-Chirurg die wichtigsten Fragen zum Thema künstliches Koma.

Die Studie eines belgischen Forscherteams – veröffentlicht am 15. April 2014 in der Fachzeitung The Lancet – weckt die Hoffnung auf ein verbessertes Verfahren zur Vorhersage von Aufwachprozessen bei Koma-Patienten. Die Forscher belegen, dass zukünftig an die Stelle der herkömmlichen Techniken (klassische Reaktionstests) zur Überprüfung des Genesungspotentials von Koma-Patienten ein Überprüfungsverfahren treten könnte, das den Bewusstseinsgrad des Patienten über eine Positronen-Emissions-Tomographie (PET) bestimmt. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die PET-Technologie kognitive Prozesse offenbaren kann, die durch traditionelle Tests nicht erkannt werden“, sagt der Studienleiter über die neuen Möglichkeiten der Gehirn-Scan-Technik.

 

PET-Technologie: ­ Was bedeutet das neue Verfahren für Michael Schumachers Koma?

Die Ausweitung der PET-Technologie auf die Untersuchung von Koma-Patienten könnte auch im Fall Michael Schumacher neue Erkenntnisse bringen. Über den tatsächlichen Bewusstseinszustand des ehemaligen Rennfahrers, der seit dem 29. Dezember des vergangenen Jahres im künstlichen Koma liegt und bei dem vor ungefähr sechs Wochen die Aufwachphase eingeleitet worden war, kursieren in den Medien immer wieder Spekulationen. Mithilfe der neuen Verfahrensweise könnte auch Schumachers Gehirn auf Bewusstseinsvorgänge gescannt werden, um die Wahrscheinlichkeit einer möglichst zutreffenden Prognose zu seinem Genesungspotential zu erhöhen. Auch wenn sichere Aussagen schwierig sind, ließe sich – folgt man den Ausführungen der belgischen Forscher – der Grad des aktiven Bewusstseins bei Schumacher messen. Das lässt sich auch den Aussagen des Studienleiters entnehmen, der in der Kombination klassischer Bewusstseinstests und PET-Messungen „ein zuverlässiges diagnostisches Werkzeugt sieht“, um mit großer Genauigkeit das Genesungspotential von Patienten zu erkennen, „die zwar nicht reagieren, jedoch ein Bewusstsein besitzen.“

Nach dem Willen des Forscherteams soll die PET-Technologie schon bald eine Ergänzung zu den traditionellen Bewusstseins-Tests für Koma-Patienten sein, die in ihren Diagnoseergebnissen eine geschätzte Fehlerrate von 40 Prozent verursachen. Da die neue Scan-Technik auch biochemische, psychologische Vorgänge abbilden kann, besitzt sie nach Erkenntnissen der Forscher ein um 50 Prozent höher liegendes Potential zur Erstellung einer korrekten Diagnose als herkömmliche Tests.

 

„Restbewusstsein“ von Komapatienten

Grundsätzlich ­ auch für den Zustand von Michael Schumacher ­ gilt: Je länger ein Mensch im Koma liegt, desto unabsehbarer ist sein Erwachen. Einen solchen Zustand nennen Ärzte „vegetativ“, da bei diesen Patienten von keinen signifikanten Bewusstseinsvorgängen im Gehirn ausgegangen wird. Auch dort setzt die neue Technik an: Die Studie konnte beweisen, dass mit Hilfe der PET-Technologie bei rund 30 Prozent der als vegetativ eingestuften Komapatienten Bewusstseinsvorgänge aktiv waren, die über herkömmliche Tests nicht erkannt worden waren.

 

Das sagt der Experte zum Thema künstliches Koma

Praxisvita.de hat für Sie Prof. Andreas Unterberg – Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg – interviewt und klärt die wichtigsten Fragen zum Thema.

Warum wird ein Patient ins künstliche Koma versetzt?

Nach einer schweren Verletzung, wie der von Michael Schumacher, muss das Gehirn von zu hohem Druck entlastet werden, der durch Blutergüsse unter der Schädeldecke entstehen kann.

Was passiert dabei?

"Beim künstlichen Koma werden der Stoffwechsel und die Hirnaktivität durch Medikamente auf ein Minimum reduziert, um das Risiko des Absterbens von Nervenzellen, zum Beispiel bedingt durch eine gefährliche Hirnschwellung, zu senken." Um den Sauerstoffverbrauch zu mindern, wird in einigen Fällen, so auch bei Schumacher, parallel die Körpertemperatur um zwei bis drei Grad gesenkt, auf 34 Grad.

Wie erfolgt die Ernährung?

In den ersten Tagen erhält der Patient Infusionen, dann wird er durch eine Sonde ernährt. Eine Mischung aus wichtigen Mineralstoffen, Vitaminen und Fetten.

Was gibt es für Risiken?

"Die Infektionsanfälligkeit steigt, durch die Beatmung besteht zudem ein erhöhtes Risiko für eine Lungenentzündung." Je besser allerdings der Allgemeinzustand im Vorfeld war – und Schumi war topfit – desto seltener treten Nebenwirkungen auf.

Wie lange dauert das Aufwachen?

Sobald die Gefahr weiterer Schwellungen gebannt ist, werden die Betäubungsmittel reduziert. "Das Wachwerden kann jedoch Tage oder Wochen dauern." Wie es ihm dann geht, hängt davon ab, wie gut sich das Gehirn von den Verletzungen erholt hat.

Hamburg, 17. April 2014

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