Können Stammzellen Schlaganfälle heilen?

Rasmus Cloes

Der Effekt von Stammzellen, die direkt ins Gehirn von Schlaganfallpatienten injiziert werden, „überwältigt“ die beteiligten Forscher. So kommentierten sie die – zum Teil extremen – Erfolge ihrer Patienten. Diese konnten zum Teil seit Jahren verlorene Fähigkeiten wieder abrufen.

Die Ergebnisse ihrer Studie, die eigentlich nur die Sicherheit des Verfahrens zeigen sollte, veröffentlichten die Forscher jetzt in der Fachzeitschrift Stroke – und versetzten damit die Fachwelt in Aufruhr.

Denn, die Studie widerspricht einer Grundannahme der Neurowissenschaft: Schaden am Gehirn galt bislang als irreversibel. Also unheilbar. Sollte dieses Paradigma kippen, könnte das die Behandlung von Alzheimer, Rückenmarksverletzungen und Parkinson komplett verändern.

 

Kleiner Eingriff mit großem Erfolg

An der Studie war nur eine kleine Gruppe von 18 Patienten beteiligt. Sie alle hatten einen Schlaganfall erlitten und die kritische Marke von sechs Monaten überschritten. Ab diesem Zeitpunkt stagniert die Reaktivierung von Schaltkreisen im Gehirn. Verlorene Fähigkeiten können dann meist nicht mehr zurückgewonnen werden. So war es auch bei den Studienteilnehmern. Sie alle konnten wegen des Schlaganfalls Arme oder Beine nicht mehr richtig steuern. In einigen Fällen litten sie schon seit über fünf Jahren unter diesen Folgen.

Der Eingriff selber klingt martialisch: Bei der einmaligen Therapie müssen die Ärzte ein Loch in den Schädel des Patienten bohren. Durch die Öffnung spritzen sie Stammzellen genau in die betroffenen Areale des Gehirns. Gewonnen wurden diese aus dem Knochenmark von Spendern. Auch wenn die Methode heftig klingen mag – für eine Hirn-OP handelt es sich um einen wenig invasiven Eingriff. Die Patienten bleiben die ganze Zeit bei Bewusstsein und können noch am selben Tag nach Hause gehen.

Nebenwirkungen treten allerdings trotzdem auf: In den ersten Tagen litten die Probanden an Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. In einem Fall sammelte sich Flüssigkeit an der Eingriffsstelle, doch sie konnte komplett entfernt werden und der Patient erholte sich vollständig.

Kann eine Spritze mit Stammzellen neue Nervenzellen entstehen lassen?
Kann eine Spritze mit Stammzellen neue Nervenzellen entstehen lassen?© Alamy

Studienleiter Gary Steinberg, der auch Chef der Neurochirurgie an der Stanford University ist, erzählt, dass er und sein Team komplett sprachlos waren, als sie die Ergebnisse sahen. Auch wenn er, wegen der kleinen Studiengröße, zeitgleich davor warnt, den Erfolg zu überhöhen.

 

Bedeutsame Veränderungen

„Die Verbesserungen waren nicht nur minimal, also dass eine Person plötzlich mit dem Daumen wackeln konnte. Es war weitaus bedeutender. Ein 71-jähriger Mann, der zuvor im Rollstuhl saß, konnte plötzlich wieder gehen“, erzählt Steinberg, der selbst einen Großteil der Patienten operiert hat.  

Er berichtet auch von einer weit jüngeren Patientin, die mit 37 Jahren einen Schlaganfall erlitt und derart eingeschränkt war, dass sie sich davor schämte, ihren Freund zu heiraten. „Weil sie nicht den Gang zum Altar entlanglaufen konnte“, wie Steinberg erklärt. Nach der Behandlung, fügt er an, „läuft und spricht sie deutlich besser, ist verheiratet und schwanger.“

Laut Steinberg stützt die Studie nicht die Idee, dass sich aus den injizierten Zellen neue Neuronen bilden. Das glaubten Experten bislang. Er vermutet hingegen, dass die Stammzellen biochemische Prozesse anstoßen, die dem Gehirn dabei helfen, sich selbst zu heilen. „Eine Theorie wäre, dass sie erwachsene Zellen in neonatale (neugeborenen) wandeln, die deutlich besser regenerieren“, so Steinberg.

 

Weitere Studien nötig

Bislang sind die Ergebnisse vielversprechend – mehr allerdings auch nicht. Unabhängige Experten geben zu bedenken, dass die Studiengröße viel zu klein ist, um sichere Schlüsse zu ziehen. Hinzu kommt, dass es keine Vergleichsgruppe gab, die mit der Standardtherapie behandelt wurde. So könnte es sich in diesem Fall auch nur um einen Placebo-Effekt handeln.

Diese Einwände lassen sich nur mit einer sogenannten randomisierten kontrollierten Studie (RCT; vom englischen randomised controlled trial) entkräften – dem Goldstandard der klinischen Forschung. Dabei werden Patienten nach dem Zufallsprinzip auf zwei oder mehr Studienarme aufgeteilt. Die eine Gruppe bekommt die neue Therapie, die andere den aktuellen Standard oder ein Placebo.

Genau das plant Steinberg jetzt. 156 Patienten sollen an dem RCT teilnehmen. Danach wird sich zeigen, ob die neue Methode zu Recht „überwältigend“ genannt werden kann.

Hamburg, 3. Juni 2016

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