Können Komapatienten uns hören?

Verena Elson Medizinredakteurin
Eine Frau sitzt am Bett eines bewusstlosen Mannes
Nehmen Komapatienten es wahr, wenn wir bei ihnen sind? Das haben US-Forscher jetzt untersucht © Fotolia

„Kannst du mich hören?“ Diese Frage stellen wohl viele verzweifelte Angehörige am Bett eines geliebten Komapatienten. US-amerikanischen Forschern ist es nun gelungen, sie zu beantworten.

Wissenschaftler des Northwestern Medicine and Hines VA Hospital wollten in ihrer aktuellen Studie herausfinden, ob die Wahrnehmung der Stimmen von Angehörigen den Genesungsprozess von Komapatienten beschleunigen kann.

An dem Experiment beteiligten sich Angehörige von 15 Männern und Frauen mit schweren Kopfverletzungen, die im Koma oder Wachkoma lagen. Die Patienten waren im Durchschnitt 35 Jahre alt und hatten sich ihre Verletzungen bei Auto-, und Motorradunfällen und Überfällen zugezogen. Zu Studienbeginn waren seit diesen Ereignissen im Schnitt 70 Tage vergangen.

 

Video: Northwestern Medicine and Hines VA Hospital

 

Reaktionstests mit den Komapatienten

Zunächst testeten die Forscher mittels MRT (Magnetresonanztomographie), ob die Patienten Reaktionen auf Geräusche und Ereignisse zeigten wie zum Beispiel eine das Zimmer durchquerende Person oder die Anweisung, die Augen zu öffnen.

Anschließend kamen die Angehörigen der Probanden mit Therapeuten zusammen, um Geschichten einzuüben, die sie den Patienten erzählen würden. „Es konnte eine Hochzeit sein oder ein besonderer Ausflug mit der Familie“, so Studienautorin Theresa Pape. „Es musste etwas sein, an das sie sich erinnern würden, und wir mussten die Geschichten zum Leben erwecken mit der Schilderung von Gefühlen, Temperaturen und Bewegung. Familienmitglieder beschrieben, wie die Fahrtluft um den Kopf des Patienten rauschte, als er mit offenem Verdeck Auto fuhr, oder die kalte Luft in seinem Gesicht, als er die Skipiste hinabraste.“

 

Angehörige der Komapatienten erzählen Geschichten

Jetzt erstellten die Wissenschaftler Tonbänder, auf denen die Angehörigen jedes Komapatienten mindestens acht Geschichten erzählten und ihn dabei mit seinem Kosenamen ansprachen.

In den folgenden sechs Wochen spielten die Forscher allen Patienten viermal täglich für zehn Minuten die Tonbänder vor. MRT-Untersuchungen zeigten, dass die vertrauten Stimmen Reaktionen im Gehirn der Probanden hervorriefen.

Nach Ablauf der sechs Wochen wiederholten die Mediziner die Tests vom Studienbeginn. Das Ergebnis: Die Gehirne der Patienten waren aktiver und sie konnten besser zwischen für sie relevanten Geräuschen (eine menschliche Stimme) und irrelevanten (das Klingeln einer Glocke) unterscheiden.

 

Komapatienten kommunizieren wieder

Auch im Alltag reagierten die Probanden jetzt stärker auf ihre Umwelt. Theresa Pape: „Wenn ich sie auf die Schulter tippte, drehten sie sich plötzlich zu mir um.“ Einige Probanden machten sehr große Fortschritte und waren anschließend sogar wieder in der Lage, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren.

Die Studienleiter raten Angehörigen darum, konsequent mit Komapatienten zu sprechen, ihnen Geschichten aus der gemeinsamen Vergangenheit zu erzählen und schöne Erinnerungen mit allen Details wachzurufen. Denn auch, wenn die Fortschritte nicht sofort sichtbar sind: Komapatienten nehmen die Stimmen ihrer Angehörigen wahr – und sie helfen ihnen, schneller ins Leben zurückzufinden.

Hamburg, 26. Januar 2015

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