Können Bärte wirklich gesund sein?

Verena Elson Medizinredakteurin
Bart
Bestimmte Bakterien im Bart töten resistente Keime ab, zeigt ein aktuelles britisches Experiment © Fotolia

Auf der Suche nach neuen Antibiotika gehen Forscher immer neue Wege. Wo sie jetzt fündig wurden, ist kaum zu glauben: in den Bärten von Männern. Bedeutet das, dass Bartträger gesünder sind?

Bärte sind ein Tummelplatz für Bakterien – so lautete das Ergebnis eines Experiments, das 2015 für Aufsehen sorgte. Eine neue Studie lässt Bartträger jetzt aufatmen, denn sie zeigt, dass genau das nützlich sein kann: Demnach lebt in den Bärten von Männern eine ganz bestimmte Bakterienspezies, die andere, schädliche Bakterien abtötet.

In der im „Journal of Hospital Infection“ veröffentlichten Studie nahmen Wissenschaftler Bakterienproben von den Gesichtern 408 männlicher Krankenhausangestellter – einige von ihnen mit Bart, andere ohne. Das Ergebnis ihrer Laboruntersuchungen überraschte sie: In den Gesichtern der rasierten Männer befanden sich dreimal so häufig Bakterien des Stammes MRSA (methicillin- oder multiresistenter Staphylococcus aureus) wie bei bärtigen Probanden. Dieses Bakterium kann bei immungeschwächten Personen zu schweren Infektionen zu führen. Das Problem: Es ist gegen zahlreiche Antibiotika resistent.

 

Warum leben weniger gefährliche Bakterien in Bärten?

Die Unterschiede in der Bakterienbesiedlung der Gesichter erklärten sich die Studienleiter damit, dass die minimalen Hautabschürfungen, die beim Rasieren entstehen, Bakterienansammlungen begünstigen.

Doch das Team der BBC-Show „Trust me, I’m a Doctor“ hat eine andere Erklärung: Sie nahmen Proben aus den Bärten verschiedener Männer und schickten sie in ein Labor, um sie auf Bakterien untersuchen zu lassen. Dort wurden mehr als 100 verschiedene Bakterienarten identifiziert. Doch die Forscher stellten noch etwas anderes fest: Ein bestimmtes Bakterium tötete andere Arten. Dabei handelte es sich um eine Unterart der Spezies Staphylococcus epidermidis, die auf Haut und Schleimhäuten des Menschen vorkommt.

Die Wissenschaftler isolierten das Bakterium und brachten es in Kontakt mit E. coli-Bakterien, die Harnwegsinfektionen auslösen können. Dabei konnten sie beobachten, wie die Bart-Bakterien diese Keime abtöteten.

 

Gibt es bald ein Bart-Antibiotikum?

Haben die Laborarbeiter im Auftrag der BBC ein neues Antibiotikum entdeckt? Tatsächlich planen sie laut Angaben des Senders, auf dem Gebiet weiterzuforschen. Doch, wie es in dem BBC-Bericht heißt: „Ein neues Antibiotikum aufzubereiten und zu testen ist so teuer und hat so eine geringe Erfolgsrate, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass Ärzte in nächster Zeit Bartizillin verschreiben werden (...).“

Ob es sich bei dem aus den Bärten gewonnenen Bakterium um eine neu entdeckte Unterart handelt oder ob diese ohnehin schon bekannt war, wird in dem BBC-Bericht nicht erwähnt.

 

Macht ein Bart Männer also gesünder?

Ob ein Bart Männer vor Infektionen schützt, können diese kleinen Experimente nicht klären. Es ist aber unwahrscheinlich, da er erstens nur eine begrenzte Körperfläche bedeckt und da zweitens im Körper gesunder Menschen meist ohnehin multiresistente Keime leben, die keinen Schaden anrichten, solange das Immunsystem nicht geschwächt ist. Ob diese Keime im Bereich des Bartes abgetötet werden, dürfte für die Gesundheit des Mannes keinen Unterschied machen.

 

Hamburg, 21. Januar 2016

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.