Können Algen HIV heilen?

Die Anzahl der Menschen, die insgesamt jedes Jahr an AIDS sterben, ist von 2005 bis heute um 30 Prozent zurückgegangen. Das Problem: In den Altersklassen zwischen zehn bis 19 Jahren verdoppelten sich die Todesfälle im gleichen Zeitraum. Das zeigt: Der HIV-Erreger gehört nach wie vor zu den tödlichsten Viren der Welt. Mediziner suchen deswegen nach Therapien, um das HI-Virus effektiver zu bekämpfen – und fanden nun womöglich einen hochwirksamen Wirkstoff in den Tiefen des Meeres.

Forscher der King Abdullah Universität in Saudi Arabien und des Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) in Bremen haben in einer aktuellen Studie gezeigt, dass Substanzen einer bestimmten Algensorte dabei helfen könnten, die Verbreitung von HI-Viren im Körper effektiver und schneller zu hemmen, als bereits dafür zugelassene Medikamente.

 

Eine braune Alge, die überall wächst

Die antibakterielle und antiprotozoale – also gegen parasitäre Infektionen gerichtete – Wirkung einer bestimmten Braunalge ("Lobophora variegata"), die in verschiedenen Regionen der Erde anzutreffen ist – z.B. Rotes Meer, Karibik – war in Fachkreisen bereits bekannt. Die nun vorgestellte Studie untersucht dagegen, ob ein Extrakt dieser Braunalgen auch bei einer Virus-Infektion wie HIV heilende Effekte hat.

Erste Hinweise auf eine antivirale Wirkung von Braunalgen lieferte eine 2012 veröffentliche Studie, wonach in Asien – eine Region, in der traditionell sehr viele Braunalgen verspeist werden – erheblich weniger Menschen an HIV erkranken, als in anderen Teilen der Welt.

 

Algenextrakt wirkt sogar gegen resistente HI-Viren

Tatsächlich stellte sich im Laborversuch heraus, dass ein wässriges Extrakt, das aus den – in Korallenriffen lebenden – Braunalgen gewonnen wurde, zu einer Hemmung des Fortpflanzungsverhaltens der HI-Viren führt. Diese Einschränkung der Viren in ihrer Möglichkeit, sich im Körper auszubreiten, ließ sich bei allen getesteten HIV-Stämmen nachweisen – auch bei solchen, die sich gegen bereits zugelassene Hemmstoffe resistent gezeigt hatten.

Die Forscher gehen davon aus, dass durch die Behandlung mit dem Algen-Extrakt das Bindungsverhalten der Viruspartikel an die Membranen ihrer Wirtszellen – also an die Zellen, die befallen werden sollen – gestört wurde. Entsprechend beschreiben die Forscher das Bewegungsverhalten der Viren nach dem Braunalgen-Eingriff als weniger aktiv und orientierungslos. Selbst in den Fällen, in denen die HIV-Virionen an Wirtszellen andocken konnten, seien sie nicht in der Lage gewesen, in die Zellen einzudringen.

 

Schnelle Wirkung nach der Algenbehandlung

Die Behandlung von HIV-infizierten Wirtszellen mit dem Algenextrakt zeigte schon nach vier Stunden Wirkung. Zudem trat der Virus-blockende Effekt – im Vergleich zu bereits zugelassenen HIV-Hemmern – in einer sehr viel früheren Phase der Virusreplikation (Fortpflanzung) auf.

Während der Untersuchung hatte sich gezeigt, das es für die antivirale Wirkung der Braunalgen egal war, aus welchem Teil der Erde sie kamen. Allerdings wurde schnell klar, dass der Wirkeffekt der Braunalge stärker war, wenn sie aus schattigen Umgebung stammte. Gleiches zeigte sich auch – ebenfalls aufgrund des geminderten Kontakts mit dem Sonnenlicht – bei Algen, die mit sogenannten Epiphyten (Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen) bedeckt waren.

Da manche Algensubstanzen für den Menschen schädlich sein können, überprüften die Forscher außerdem, ob eine hohe Wirkstpff-Konzentration bzw. eine größere Menge des Extrakts eine Vergiftung hervorrief. Doch selbst bei einer Dosierung des Algenextrakts, die weit über der Menge lag, die für den HIV-hemmenden Effekt notwendig ist, konnten keine toxischen Reaktionen auf die behandelten Wirtszellen festgestellt werden.

Hamburg, 1. Dezember 2014

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