K.o.-Tropfen als Abi-Streich: So gefährlich sind die Mittel wirklich

K.o.-Tropfen als Abistreich?
Nach einem missglückten Abi-Streich wurden mehrere Dutzend Schulkinder wegen Übelkeit und Magenschmerzen in Krankenhäuser eingeliefert. Da Alkohol als Ursache ausgeschlossen werden konnte, steht nun der Verdacht im Raum, dass die Kinder mit K.o.-Tropfen b © Shutterstock

Wurden Schülern bei einem Abistreich tatsächlich K.o.-Tropfen verabreicht? Und wie gefährlich sind diese wirklich? Im Praxisvita.de-Interview mit dem Toxikologen Prof. Mußhoff erfahren Sie alles, was Sie über K.o.-Tropfen wissen müssen.

 

Wurden 45 Kinder mit K.o.-Tropfen vergiftet?

Ein Großaufgebot von Feuerwehr und Rettungsdiensten wurde am Donnerstag an eine Hamburger Schule gerufen. Dort hatte gerade ein Abi-Streich stattgefunden. 45 Schüler – vor allem jüngerer Jahrgänge – litten an schwerer Übelkeit, Magenschmerzen und hatten erweiterte Pupillen. Einige Betroffene mussten vor Ort mit Infusionen notbehandelt werden. Für 35 Schüler endete die Abi-Party des Bondenwald-Gymnasiums mit einer Einlieferung ins Krankenhaus.

Nach ersten Untersuchungen wurde bekannt, dass hochprozentiger Alkohol zwar vor Ort – und entgegen der ausgegebenen Richtlinien des Bondenwald-Gymnasiums – ausgeschenkt wurde, als Ursache für die aufgetretenen Symptome bei den betroffenen Kindern aber nicht in Frage kommt.

K.o.-Tropfen
Es wird häufig davon berichtet, dass K.o.-Tropfen heimlich in Getränke gekippt werden, um Missbrauch zu ermöglichen. Lassen Sie daher bei einer Feier am besten niemals Ihr Glas aus den Augen© Fotolia

Nun spekulieren verschiedene Medien darüber, dass K.o.-Tropfen, die heimlich in unalkoholische Getränke gemischt worden sein könnten, Grund für die auffälligen Symptome der Schulkinder sein könnten. Einige Schüler hatten im Nachhinein angegeben, dass die an sie ausgeschenkten Getränke „komisch geschmeckt“ haben. Die Polizei stellte die vor Ort aufgefundenen Getränke sicher und entnahm Proben für toxikologische Untersuchungen. Ein Feuerwehrsprecher sprach unterdessen von einem „dummen Jungenstreich, der nach hinten losgegangen“ sei. Doch kann man bei diesem Fall überhauptnoch von einem dummen Streich sprechen? Wie gefährlich K.o.-Tropfen sind und was sie im Körper anrichten erklärt der Praxisvita-Experte im Interview.

 

Alles, was Sie über K.o.-Tropfen wissen müssen: Experten-Interview mit dem Toxikologen Prof. Mußhoff

Der Toxikologe und Experte für K.o.-Tropfen Prof. Dr. Frank Mußhoff von der Universität Bonn hat in der Rechtsmedizin ständig mit Missbrauchsfällen im Zusammenhang mit K.o.-Substanzen zu tun. Im Interview erklärt er, wie die lebensgefährlichen Stoffe wirken.

Wo bekommt man K.o.-Tropfen eigentlich her?

Die K.o.-Tropfen gibt es nicht. Ständig tauchen neue Substanzen auf. Es gibt wahrscheinlich Hunderte mögliche Stoffe, die man verwenden kann. Und die kriegen Sie überall her. K.o.-Tropfen können Sie einfach im Internet bestellen – und das ist in manchen Fällen nicht mal illegal oder höchstens ein rechtlicher Graubereich –, oder Sie suchen sich irgendein anderes Produkt, in dem K.o.-Substanzen enthalten sind, z. B. bestimmte chemische Lösungsmittel.

Was für Stoffe sind das denn? Und welche Wirkung haben sie?

Da muss ich als Toxikologe leider sagen: Die Frage ist kaum vollständig zu beantworten. Eben weil es so viele Substanzen gibt, die verwendet werden. Häufig werden Betäubungs- und Schlafmittel wie Valium genommen, die sowieso in vielen Hausapotheken vorhanden sind. Die Pillen können einfach zerkleinert und in Wasser aufgelöst werden, fertig sind die K.o.-Tropfen. Aber auch das sogenannte Liquid Ecstasy steht ganz oben auf der Liste.

Bleiben die Opfer denn bei Bewusstsein, wenn sie mit K.o.-Tropfen betäubt werden?

Es kommt drauf an. Bei manchen Substanzen ist man vollkommen weggetreten und hilflos. Es gibt aber auch Fälle, wo man noch ansprechbar ist und Dinge tun kann. Hinterher kann man sich bloß an nichts mehr erinnern – wie in dem Film "Hangover".

Wie wird dieser Gedächtnisverlust ausgelöst?

Das sind sehr komplizierte chemische Prozesse, die im Gehirn ablaufen. Vereinfacht gesagt, wirken sie wie ein Hebel, der das Kurzzeitgedächtnis ausschaltet. Ich erinnere mich dann nur noch daran, dass ich ein Getränk hatte, das irgendwie komisch, vielleicht leicht bitter geschmeckt hat. In dem Moment war es dann aber schon zu spät. Schon ein Schluck aus dem Glas, in das jemand K.o.-Tropfen gegeben hat, genügt, um die volle Wirkung zu erzielen. Und diese setzt bereits nach wenigen Minuten ein. Über die Zeit danach weiß ich eigentlich gar nichts mehr, die Erinnerung setzt völlig aus. Bis zu dem Moment, wo ich in einer fremden Umgebung wieder aufwache und Geldbörse und Handy fehlen oder ich nackt in einem unbekannten Bett liege.

Wie häufig kommt das denn vor?

Eigentlich kann man das gar nicht sagen. Nur die wenigsten Fälle werden überhaupt angezeigt. Wir gehen davon aus, dass bei Verbrechen in Zusammenhang mit K.o.-Tropfen die Dunkelziffer mit Abstand am höchsten ist - gerade bei Vergewaltigungsfällen. Denn die Betroffenen schämen sich häufig und wissen auch gar nicht, was sie der Polizei erzählen sollen, da sie sich ja an nichts erinnern. Die Straftaten haben aber definitiv stark zugenommen. Ich werde mittlerweile wöchentlich mit mehreren Fällen konfrontiert - und ich bin nur einer von vielen Toxikologen. Teilweise sind es in einer einzigen Woche so viele Fälle, wie wir früher in einem ganzen Jahr hatten. Denn für Kriminelle ist es relativ einfach, an K.o.-Tropfen heranzukommen. Die Opfer sind dabei zu 80 bis 90 Prozent Frauen.

Also sind K.o.-Tropfen eine klassische Vergewaltigungsdroge?

Ja, aber was wir auch immer häufiger feststellen - insbesondere bei jüngeren Leuten -, ist, dass die K.o.-Drogen als Partygag missbraucht werden. Da werden Freunde und Bekannte gezielt betäubt, um dann "lustige" Partyvideos zu drehen. Aber auch das ist natürlich illegal. Denn wir haben es mit einer Körperverletzung zu tun. Außerdem ist es hochgefährlich, denn die Risiken kann keiner abschätzen - erst recht nicht, wenn gleichzeitig Alkohol konsumiert wird.

Was sollte man tun, wenn man den Verdacht hat, mit K.o.-Tropfen betäubt worden zu sein?

Auf jeden Fall sofort zum Arzt gehen und sich Blut und Urin abnehmen lassen. Denn die Substanzen sind meistens schon wenige Stunden nach dem Abklingen der Wirkung nicht mehr nachweisbar. Aber leider machen das nur etwa fünf Prozent aller Betroffenen. Mittlerweile sind zum Glück jedoch auch Nachweise durch Haaranalysen möglich. Dadurch können vor Gericht immer mehr Täter verurteilt werden.

Haben wir es denn immer mit einer Straftat zu tun?

 Natürlich. Wenn ich jemanden ohne seine Einwilligung mit K.o.-Tropfen betäube, ist das Körperverletzung. Wenn es in der Folge zu gesundheitlichen Problemen oder gar zum Tod kommt, haben wir es sogar mit schwerer Körperverletzung bis hin zur fahrlässigen Tötung zu tun. Und die Strafen für einen anschließenden Raub, eine Vergewaltigung oder Ähnliches kommen erschwerend hinzu.

Warum sind diese gefährlichen Substanzen denn trotzdem so leicht zugänglich?

 

Es gibt einfach zu viele Mittel, die verwendet werden können. Einige fallen ja unter das Betäubungsmittelgesetz und sind verboten. Aber viele Inhaltsstoffe werden auch in Arzneimitteln verwendet, die in zahlreichen Haushalten vorhanden sind, weil es mal ein Rezept dafür gab. Außerdem finden sich Substanzen, die sich als K.o.-Tropfen eignen, in chemischen Reinigern und ähnlichen Produkten, die man einfach im Baumarkt kaufen kann. Man muss auch kein Experte oder Chemiker sein, um daraus eine K.o.-Tropfen-Lösung herzustellen. Im Internet kursieren jede Menge Anleitungen. Deshalb gibt es Bestrebungen, die Abgabe stärker zu kontrollieren und zu begrenzen. Denn im Grunde genommen könnte ich mit wenig Geld und Aufwand ganz einfach eine ganze Disco ausknocken.

 

Wie gefährlich sind K.o.-Tropfen, wenn ich auch Alkohol getrunken habe?

Die meisten Täter nutzen ein Umfeld, in dem viel Alkohol getrunken wird – Partys, Discotheken, Bars. Der Grund: Die ersten Effekte der meisten K.o.-Substanzen sind einem Alkoholrausch sehr ähnlich – Betäubte merken also nicht, dass sie unter Drogen gesetzt wurden. Außerdem verdeckt der starke Geschmack und Geruch von alkoholischen (Mix-) Getränken den unangenehm bitteren oder salzigen Geschmack vieler K.o.-Tropfen. Hochgefährlich wird es, wenn eine sogenannte Wirkungsverstärkung eintritt. Die Kombination von Alkohol und K.o.-Drogen wird zu einer Chemiebombe im Körper, die im schlimmsten Fall zu Herzstillstand, Atemversagen und zum plötzlichen Tod führen kann. Auch das Ersticken am eigenen Erbrochenen kann durch K.o.-Tropfen ausgelöst werden.

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