Klicksonar: Wie Meike mit den Ohren sieht

Blinde Frau
Bei der speziellen „Klicksonar“-Technik schnalzen Blinde mit der Zunge und können sich ähnlich wie Delfine und Fledermäuse am Klang des Echos orientieren © Fotolia

Wandern, Sport, Tanzen – für die 30-jährige Meike ist das alles möglich. Denn dank einer neuen Technik „sieht" die blinde Frau mit den Ohren.

Meike Bauer ist von Geburt an blind. Ihre Welt besteht aus hellen und dunklen Schatten. Die 30-Jährige tastet sich vorwärts, bewegt dabei ihren Stock auf dem steinigen Boden hin und her. Dann bleibt sie stehen, dreht leicht den Kopf und schnalzt einige Male mit der Zunge. „Dort ist die Treppe!", ruft sie. Meike kann ihre Umwelt zwar nicht mit den Augen sehen – dafür aber mit den Ohren. Denn die Berlinerin bewegt sich mithilfe einer neuen Methode für Sehbehinderte fort: der aktiven Echo-Ortung, auch „Klicksonar" genannt.

 

Klicksonar: Neue Orientierungstechnik für Blinde

Das Prinzip ist einfach. Durch Schnalzen mit der Zunge, dem sogenannten Klicken, erzeugt Meike ein Echo. Das akustische Signal setzt das Gehirn zu einem Bild zusammen, so wie es bei Sehenden mit Lichtsignalen passiert. Auch Fledermäuse und Delfine orientieren sich auf diese Weise. Sie können sich durch den Klang des Echos ein ziemlich genaues Bild ihrer Umgebung machen. „Wenn ich zum Beispiel eine Mauer vor mir habe, klingt das Schnalzen anders als bei einem Busch oder einem Baum", erklärt sie. Der Amerikaner Daniel Kish hat den Trick der Tiere für sich entdeckt, perfektioniert und in den USA bekannt gemacht. „Hier bei uns kennen die Methode aber leider erst wenige. Und sie wird kaum professionell gelehrt", bedauert Meike, während sie ihren Fuß auf die erste Treppenstufe setzt.

 

Klicksonar erleichtert Blinden den Alltag

Sie selbst kam vor einem Jahr zufällig zum Klicksonar. „Daniel Kish gab gerade im Verein Anderes Sehen e.V. einen Kurs für Eltern blinder Kinder", erzählt sie. Bei der Erinnerung muss sie lächeln. „Ich kam an der Tür vorbei und habe einfach mal spontan gefragt, ob ich mitmachen kann. Ich war direkt begeistert von der Idee, nicht mehr nur auf Hilfsmittel wie den Stock oder einen Blindenhund angewiesen zu sein." Daniel Kish, mit dem Meike seit dem Kurs Kontakt hält, fährt sogar Mountainbike und geht wandern. „Ganz so weit bin ich noch nicht", sagt sie und lacht, während sie die Stufen hinaufsteigt. „Ich muss noch viel üben. Aber ich mache Fortschritte. Und gerade beim Finden von Treppen kann die Technik sehr hilfreich sein." Genau wie bei Durchgangslücken zwischen parkenden Autos, Weggabelungen oder Eingängen an Gebäuden: „Dank des Schnalzens muss ich nicht mehr die gesamte Hauswand mit dem Stock entlangtasten."

Klicksonar erleichtert ihr den Alltag sehr – besonders, weil sie viel und gern unterwegs ist. Sich zu Hause verkriechen, nur weil sie blind ist? Kam für die kontaktfreudige junge Frau nie in Frage: „Ich habe einen großen Freundeskreis. Und ich brauche viel Bewegung", stellt sie klar. Dreimal täglich geht sie mit ihren beiden Hunden spazieren. Außerdem macht sie regelmäßig Yoga und den Kampfsport Wing Tsun. Gerade hat sie sogar einen integrativen Tango-Kurs für Blinde und Sehende ins Leben gerufen. „Sportarten, bei denen man viel Körperkontakt mit anderen hat, sind für Sehbehinderte besonders gut geeignet."

 

Mit Sehbehinderung studieren

Oben auf der Treppe angekommen, bleibt sie stehen und schnalzt mehrmals mit der Zunge, bevor sie den rechten Weg einschlägt. „Hallo Meike, wie geht es dir?", fragt ein entgegenkommender Spaziergänger, während sein Hund ihm aufgeregt um die Beine springt. Meike kennt den jungen Mann aus der Nachbarschaft. „Sehr gut", antwortet sie. „Ich habe gerade die Zusage für ein Stipendium erhalten!" Meike hat nach ihrem Abitur Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Sprache studiert und danach vier Jahre in einem Forschungsprojekt gearbeitet. „Jetzt will ich promovieren", sagt sie. „Auch wenn das natürlich ganz schön viel Lesestoff ist. Aber die Skripte von der Uni und Bücher scanne ich einfach ein und lasse sie mir dann von einem speziellen Programm vorlesen."

 

Als Kind durfte sie auf Bäume klettern

Schon als Kind wusste sie sich in ungewohnten Situationen zu helfen, war selbstständig und unerschrocken. „Meine Mutter hat mir zum Glück viel erlaubt", sagt Meike. „Andere Eltern sind oft übervorsichtig, wenn ihre Kinder blind sind. Das ist verständlich. Aber wie sollen Kinder mutig und selbstsicher werden, wenn Eltern sie zu sehr behüten?" Meike dagegen durfte über Felder rennen und auf Bäume klettern – auch unbeaufsichtigt. „Ich war immer schon gern in der Natur, da habe ich mich wohlgefühlt. Ich kann ihre Schönheit fühlen und hören", sagt sie und setzt sich auf eine Bank am Wasser. Sie atmet tief ein und lauscht dem leisen Plätschern des Flusses und dem Zwitschern der Vögel.

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