Kinderlähmung: Mutiertes Virus resistent gegen Impfung

Resistenter Kinderlähmung-Erreger
Das entdeckte Poliovirus trägt eine Mutation, die ihn sehr aggressiv macht. Fast 50 Prozent der Infizierten starben, nachdem die Krankheit ausgebrochen war © Fotolia

Die Virusinfektion Poliomyelitis wurde in der Vergangenheit erfolgreich mit weltweiten Impfprogrammen bekämpft. In Deutschland gilt die Krankheit deswegen als ausgerottet. Doch jetzt fanden deutsche Virologen eine Mutation des Erregers, dem die bekannten Impfstoffe kaum noch etwas anhaben können.

Die meisten Fälle von Kinderlähmung treten heutzutage in Ländern wie Nigeria, Afghanistan oder Pakistan auf. Von solchen sogenannten Polio-Endemieländern – also Länder, in denen die Viruserkrankung Poliomyelitis überwiegend vorkommt – aus wird der gefährliche Erreger auch in andere Regionen der Welt verschleppt. Aufgrund großer Impfprogramme weltweit in den letzten 50 Jahren gibt es vor allem in Europa in der Regel aber keine Ansteckungen.

 

Virus-Mutation entdeckt

Nun warnen Forscher der Universität Bonn in einer aktuellen Studie vor einer gefährlichen Mutation des Polio-Virus. Nach Angaben der beteiligten Virologen sei der entdeckte Erreger nicht nur sehr aggressiv, sondern häufig auch resistent gegen bekannte Polio-Impfstoffe. Studienleiter Professor Jan Felix Drexler erklärt, dass „der Erreger eine Mutation trägt, die seine Gestalt an einer entscheidenden Stelle verändert hat". Dadurch sei das Virus für die Antikörper der Impfstoffe praktisch unsichtbar.

Für die Studie haben die Forscher Erreger eines besonders schweren Polio-Ausbruches im Kongo analysiert. International hatte diese Epidemie im Jahre 2010 in Fachkreisen für Aufsehen gesorgt, da das Virus sehr aggressiv aufgetreten war. Von 445 erkrankten Menschen seien 209 verstorben. Neben der hohen Sterblichkeitsrate war auffällig gewesen – so Drexler –, dass viele der Erkrankten gegen Kinderlähmung geimpft waren.

 

Mutierter Virus auch für Deutschland gefährlich

Die Virologen aus Bonn berichten, dass der mutierte Polio-Erreger auch in Deutschland viele Menschen betreffen könnte – trotz der beinahe flächendeckenden Impfung hierzulande.

Um das zu beweisen, untersuchte das Team um Professor Drexler das Blut von Medizinstudenten und fand heraus, dass in Deutschland bei 30 Prozent der Bevölkerung die verabreichten Polio-Impfungen unwirksam gegen das mutierte Virus sind. Deswegen fordert Professor Drexler, dass “die Impfquote weiter erhöht und neue, wirksamere Impfstoffe entwickelt werden müssen“.

 

Was genau ist eigentlich Kinderlähmung?

Kinderlähmung ist eine von Polioviren hervorgerufene Infektionskrankheit. Das Virus versucht, die Nervenzellen des Rückenmarks anzugreifen und so die typischen Lähmungserscheinungen auszulösen. Ist die Krankheit ausgebrochen, führt sie normalerweise bei rund zwei bis 20 Prozent der Fälle zum Tod. Die Inkubationszeit – die Zeit, die nach der Virusinfektion vergeht, bis die ersten Symptome auftreten – beträgt sieben bis 14 Tage.

Nach der Inkubationszeit leiden die Patienten zuerst unter Fieber, Halsschmerzen, Abgeschlagenheit, Durchfall und Erbrechen. Dreiviertel der Infizierten werden anschließend wieder gesund, bevor die Nervenzellen im Rückenmark betroffen sind.

Bei rund 90 Prozent der Infektionen mit dem Poliovirus bildet der Körper rechtzeitig Antikörper und die Krankheit bricht erst gar nicht aus. In den meisten Fällen treten die Poliosymptome bei Kindern im Alter zwischen drei und acht Jahren auf. Aufgrund der besseren Immunabwehr sind Erwachsene davon nur selten betroffen.

Hamburg, 21. August 2014

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