Kann Wespengift Krebs heilen?

Polybia paulista
Das ist Polybia paulista: Das Gift der brasilianischen Wespe könnte künftig in der Krebstherapie eingesetzt werden © Prof. Mario Palma/Sao Paulo State University

Das Gift einer brasilianischen Wespe bekämpft Krebszellen, ohne gesundem Gewebe zu schaden – das haben Forscher in einer aktuellen Studie herausgefunden. Praxisvita erklärt den neuen Ansatz in der Krebstherapie.

Die brasilianische Wespe Polybia paulista produziert ein spezielles Gift – genannt MP1 – um sich für Feinden zu schützen. Dieses Gift hat die Medizin jetzt für sich entdeckt: Denn es könnte dabei helfen, Krebs zu heilen. Den Nachweis dafür liefert jetzt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der britischen University of Leeds und der brasilianischen São Paulo State University.

Die krebsheilenden Eigenschaften von MP1 waren Medizinern schon länger bekannt – dem britisch-brasilianischen Forscherteam ist es nun aber erstmals gelungen, den Wirkmechanismus des Wespengifts genau zu entschlüsseln.

 

Wespengift bekämpft nur Tumorzellen

Das Besondere an MP1: Es bekämpft Tumorzellen und lässt gesunde Zellen unangetastet. Das macht es bisherigen Krebsmedikamenten überlegen – denn diese können nicht zwischen intakten und entarteten Zellen unterscheiden und greifen darum auch gesundes Gewebe an. Die Folge sind die teils heftigen Nebenwirkungen herkömmlicher Krebstherapien.

Doch wie kommt es zu der selektiven Wirkungsweise des Wespengifts? Sie basiert auf einem Unterschied im Aufbau der Zellmembran (Zellhülle) von gesunden Zellen und Krebszellen. Spezielle Lipide (Bestandteile der Zellmembran), sogenannte Phosphoglyceride (PS) und Phosphatidylethanolamine (PE), befinden sich bei gesunden Zellen an der Membran-Innenseite. In Krebszellen dagegen finden sich die beiden Lipide an der Außenseite der Membran.

In im Labor hergestellten Modellzellen zeigte sich, dass MP1 bei Tumorzellen mit PS und PE reagiert. Die Folge: In der Zellmembran entstehen Löcher, durch die für die Zelle lebenswichtige Moleküle austreten. Gesunde Zellen werden durch das Wespengift nicht beschädigt, weil PS und PE nach innen gerichtet sind und MP1 keinen „Eingang“ in die Zellmembran findet.

 

Hoffnung auf neue Klasse von Krebsmedikamenten

„Therapien, die die Lipidschicht der Zellmembran angreifen, wären eine ganz neue Klasse von Krebsmedikamenten“, sagt Studienautor Paul Beales von der University of Leeds. „Das könnte nützlich sein bei der Entwicklung neuer Kombinationstherapien, bei denen mehrere Medikamente gleichzeitig zur Krebstherapie eingesetzt werden, indem verschiedene Teile der Krebszelle auf einmal angegriffen werden.“

Bis MP1 für Tests am Menschen zugelassen wird, ist jedoch noch ein weiter Weg zurückzulegen. Im nächsten Schritt wollen die Forscher ihr Wespengift-Medikament so verändern, dass es noch gezielter und besser wirkt – dann sollen weitere Studien zur Wirksamkeit folgen.

Hamburg, 4. September 2015

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